US-Präsidentschaftswahl

Die gespaltenen Staaten von Amerika

Den Ausgang der Wahlen in den USA werden die „Swing States“ entscheiden, die zwischen Demokraten und Republikanern hart umkämpft sind. Zu diesen gehören Pennsylvania, Wisconsin, North Carolina und Florida.
17.09.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von Thomas Spang, Washington
Die gespaltenen Staaten von Amerika

Amerika ist gespalten, in Trump-Gegner und -befürworter. Wie hier in Old Forge im US-Bundesstaat Pennsylvania.

SHANNON STAPLETON

Donald Trump oder Joe Biden? Am Ende könnten ein paar Tausend Stimmen am 3. November 2020 die Präsidentschaftswahlen in den USA entscheiden. 2016 sorgten genau 77.000 Stimmen in drei Wechselwähler-Staaten des Mittleren Westens dafür, dass Donald Trump eine deutliche Mehrheit im Gremium der Wahlmänner auf sich vereinigen konnte – trotz eines Rückstands von beinahe drei Millionen Stimmen bundesweit.

Über den Ausgang der Wahlen werden die „Swing States“ entscheiden, die zwischen Demokraten und Republikanern umkämpft sind. Zu diesen gehören Pennsylvania, Wisconsin, North Carolina und Florida. Die Demoskopen schätzen die Zahl der Wähler, auf die es am Ende in dem hoch polarisierten Land ankommen dürfte, auf maximal ein Prozent aller ­Erwachsenen.

Wake County und Union County, North Carolina

Bob Franken (90) hat schon bessere Tage erlebt. Das war, bevor er seine Frau mitten in der Pandemie verlor, seinen sieben Fußballplätze großen Garten vor den Toren der Finanzmetropole Charlotte aufgab und sich kaum mehr bewegen konnte. „Ich war mein eigener Herr”, erinnert sich Bob an die Zeit, als Amerika für ihn großartig war. Mit den Knieschmerzen, dem Krebs und zuletzt dem Rücken kam die Abhängigkeit. 2019 musste er sein Anwesen verkaufen und zog zu seiner Tochter im benachbarten „Union County”.

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Sein Fenster in die Welt ist Fox-News, ein Kanal, der eine alternative Realität schafft. Darin sind nicht die außer Kontrolle geratene Pandemie das Problem, sondern schwarze Plünderer, linke Randalierer und kriminelle Einwanderer. Der Präsident wird als Bewahrer von Recht und Ordnung inszeniert, der Nachbarschaften vor dem Absturz in das Chaos schützt. Bei ihm kommt die Botschaft an. „Wir brauchen hier keinen Sozialismus”, sagt der Mann, für den die Hilfe anderer Schwäche bedeutet.

Dass ihn der demokratische Gouverneur von North Carolina zwingt, Maske zu tragen, betrachtet er als Einschränkung seiner Freiheit. So sehen es viele in dem weit draußen vor der Stadt liegenden Vorort, in dem der Rasen in den Vorgärten perfekt geschnitten ist. In den Einfahrten stehen auffallend viele Pick-up-Trucks amerikanischer Hersteller. Und von vielen Häusern flattern die blauen Fahnen mit dem „Trump 2020”-Signet.

Rund um die Hauptstadt Raleigh und die Weltklasse-Universitäten Durham und Chapel Hill ist das andere Amerika Zuhause: gebildeter, multikultureller, wohlhabender und nicht ganz so religiös. Zum Beispiel Ben (58) und Sally (57) Bloom, die in einem Haus mit Veranda am Stadtrand von Raleigh im bevölkerungsreichen „Wake County” leben. Die Blooms nehmen Trumps Versagen bei der Eindämmung der Pandemie persönlich. Erst Recht nach den von Starreporter Bob Woodward dokumentierten Lügen über die Gefährlichkeit des Covid-19-Erregers.

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Das Paar versteht nicht, „wie Leute jemanden wählen können, der Tausende Menschenleben auf dem Gewissen hat”. Ben und Sally tragen sogar Maske, wenn sie am Abend die gewohnte Runde durch ihre Nachbarschaft drehen. „Wake County” und „Union County” in North Carolina stehen symbolisch für die Schlacht um das suburbane Amerika, in dem die Präsidentschaftswahlen entschieden werden.

Driftless Area, Wisconsin

Auf dem Milchhof von Jerry Volenec (45) im Südwesten Wisconsins stehen 300 Kühe auf einer Anhöhe. Die „Driftless” genannte Gegend mit ihren tiefen Tälern und Sandsteinklippen ist eine geologische Besonderheit im Mittleren Westen der USA. Sie blieb von der industriellen Landwirtschaft verschont, weil das Land nur schwer zu bestellen ist.

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Vor Trump taten sich Republikaner hier schwer, weil die Familienbetriebe demokratisch wählten. Barack Obama holte alle 22 Wahlkreise. Volenec schilderte einem Reporter des „New Yorker” kürzlich, warum er sich vor vier Jahren für Trump entschied. Obama habe ihn enttäuscht, als die Regierung in Zeiten von Tiefstpreisen auch noch die Schulmilch abschaffte. „Ich dachte, ein Geschäftsmann im Weißen Haus würde mir helfen.”

Wie 62 Prozent der Wähler im ländlichen Amerika gab auch Volenec seine Stimme dem New Yorker Milliardär. Er habe damals keine Reden von Trump gehört, sondern nur, was die Leute im Talk-Radio über ihn sagten. Statt die Probleme der Landbevölkerung zu lösen, vertiefte Trump mit seiner „Gott und Gewehre”-Rhetorik die kulturellen Gräben und zementierte die Stadt-Land-Spaltung. Der Chef der Demokraten in Wisconsin, Ben Wikler, meint, Trump könne seinen Sieg in dem Wechselwähler-Staat nur wiederholen, „wenn er ein enormes Polster an Stimmen im ländlichen Raum aufbaut”. Für einen Sieg in Wisconsin muss Biden Wähler wie Volenec in der „Driftless Area” zurückholen und vor allem schwarze Wähler in Milwaukee und Liberale in Madison mobilisieren.

Welchen Effekt die Proteste von Kenosha nach den Schüssen der Polizei auf den Schwarzen Jacob Blake haben werden, lässt sich nur schwer abschätzen. Die am Lake Michigan gelegene Stadt ist so gespalten, wie Wisconsin insgesamt. Die konkurrierenden Besuche Trumps und Bidens in der Stadt zeigten den Wählern immerhin einen klaren Kontrast auf. Während Trump vor einem zerstörten Geschäft in Kenosha so tat, als stünde das Land in Flammen, zeigte der ehemalige Vizepräsident Anteilnahme und telefonierte mit dem Opfer der Polizeigewalt.

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Die Demokraten haben mit ihrem Parteitag in Milwaukee ein Signal gesetzt, Wisconsin nicht noch einmal zu ignorieren. Nicht wie vor vier Jahren, als Hillary Clinton dachte, sie bräuchte hier keine Ressourcen zu investieren.

Scranton, Pennsylvania

Wenn es Joe Biden, dem Sohn des Rostgürtels, gelingen sollte, in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania zu gewinnen, dann hat Präsident Trump so gut wie keine Chance auf eine Wiederwahl. Vor vier Jahren lag er gegen Hillary Clinton genau in diesen Staaten überraschend vorn. Dabei ist die Formel für einen Sieg in Bidens Heimatstaat Pennsylvania mit seinen zwanzig Wahlmännerstimmen seit Jahrzehnten bekannt. Die Demokraten müssen hier in ihren Hochburgen, den Ballungszentren um Philadelphia und Pittsburgh, mit großem Vorsprung gewinnen, um die erwarteten Verluste in den ländlichen Gebieten zu kompensieren. Hillary Clinton verlor Pennsylvania mit 48,58:47,85 Prozent – so knapp wie nirgendwo sonst.

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Trump gelang es, weiße und ländliche Regionen vor allem im Nordosten des alten Industriestaats mit großem Vorsprung zu gewinnen. In Susquehanna County – unweit von Bidens Geburtsort Scranton – holte er mit seinem Appell an ein Amerika, das nur noch in der nostalgischen Vorstellung seiner wirtschaftlich und kulturell abgehängten Anhänger existiert, 73 Prozent der Stimmen. „Ich liebe, was er macht”, gestand die Friseurin Mary Vender einem Reporter der „Washington Post“ vor dem Besuch Trumps in Scranton am Tag der Kandidatenrede Bidens.

„Er ist für unsere Leute”, spricht sie im Code seiner Anhänger, die Trump bedingungslos folgen. Sie glauben ihrem Anführer fast alles. Inklusive der Behauptung, sein – in einer irisch-katholischen Familie aufgewachsener – Herausforderer habe Pennsylvania bewusst den Rücken gekehrt. Tatsächlich war Biden noch ein Kind, als seine ­Eltern mit der Familie ins benachbarte Delaware umzogen.

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Interne Umfragen der Demokraten zeigen, dass der volkstümliche „Onkel Joe” in den 16 Wahlbezirken um Scranton deutlich besser ankommt als die unnahbare Hillary Clinton. Mit mehr als 15 Prozent Arbeitslosigkeit hatte die Covid-19-Pandemie spürbare Konsequenzen, die die Unterstützung für Trump aufweichen lassen. „Ich hasse es zu sagen”, meint der Chef der Demokraten von Warren County, Aaron Stearn, zu Bidens Aussichten. „Aber es hilft in meiner Region, dass er ein weißer Mann ist.” ­Sexismus und Rassismus gehören neben der 1950er-Jahre-Nostalgie zum Repertoire Trumps. Seine Anhängerschaft besteht keinesfalls nur aus abgehängten Verlierern der Globalisierung.

The Villages, Florida

Fast sieben von zehn Einwohnern von „The Villages”, einer wohlhabenden Rentner-Siedlung unweit von Disneyland im Herzen Floridas, haben 2016 für Trump gestimmt. Weil die üblichen politischen Werbeschilder in den Vorgärten nicht erlaubt sind, veranstalten Trump-Anhänger Paraden mit fahnengeschmückten Golfwagen in der Stadt mit 120 000 Einwohnern. Ende Juni, auf dem Höhepunkt der „Black Lives Matter”-Proteste, leitete der Präsident den Tweet eines Unbekannten weiter. Angehängt ist ein Video, das einen mit „Trump 2020” und „America First” dekorierten Golfwagen zeigt, von dem ein Mann „White Power” ruft.

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Das ist der Schlachtruf weißer Nationalisten, der auch bei dem Fackelmarsch rechter Extremisten in Charlottesville 2017 zu hören war. Wie damals trifft Trump auch diesmal nicht den richtigen Ton. „Danke den großartigen Leuten von The Village. Der korrupte Joe ist erledigt. Bis bald!” Der Tweet stand vierzehn Stunden lang im Netz, bevor ihn jemand löschte.

Joe Biden und die Demokraten müssten in dem stets umkämpften „Swing State” Florida in Städten wie „The Villages” ein paar Prozentpunkte zulegen. Keine einfache Aufgabe, wie Chris Stanley weiß, die den kleinen Klub der Demokraten in der Stadt anführt. „Wir sehen uns einem konstanten Sperrfeuer aus Hass ausgesetzt”, beschreibt sie die aufgeheizte Atmosphäre in „Florida freundlichster Heimatstadt”.Dennoch gibt es Anzeichen, dass sich hier etwas bewegt.

Der Grund dafür hat mit der tödlichen Pandemie zu tun, die der Präsident heruntergespielt hatte. Vorbei sind die sorgenfreien Tage, in denen die Senioren im Freien golfen, schwimmen oder essen konnten. Acht von zehn Einwohnern sind hier über 65 Jahre alt. Es ist die Altersgruppe, die 80 Prozent der Covid-19-Toten ausmacht. „Ich fühle mich gefangen”, klagt eine Einwohnerin der „Villages”, die sich in einem neuen Werbespot Bidens als Donna vorstellt. Wegen der Untätigkeit Trumps in der Pandemie habe sie ihre Enkel sechs Monate nicht sehen können.

Die Realität des unsichtbaren Erregers macht dem Präsidenten überall zu schaffen. Denn der Wechsel weniger Stimmen in den besonders umkämpften „Swing States“ wird reichen, um den Ausgang der Präsidentschaftswahlen in den gespaltenen Staaten von Amerika in die eine oder andere Richtung zu entscheiden.

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