Interview mit Äthiopien-Expertin

Kämpfe in Äthiopien: Wie das Land vom Weg der Versöhnung abgekommen ist

Im Norden Äthiopiens steht die Region Tigray im Konflikt mit der Zentralregierung. Welche Rolle Äthiopiens Präsident Abiy Ahmed dabei spielt, erklärt Expertin Annette Weber im Interview.
22.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Philipp Hedemann
Kämpfe in Äthiopien: Wie das Land vom Weg der Versöhnung abgekommen ist

In der Hauptstadt Addis Abeba herrscht Angst.

Mulugeta Ayene/dpa
Frau Weber, woher kommt der Hass zwischen Tigray und Addis Abeba?

Annette Weber: Äthiopien ist auf ethnischer Grundlage in neun Regionen eingeteilt. Auch weil sie über 25 Jahre unterdrückt wurde, spielt die Ethnisierung in der äthiopischen Politik eine zunehmende und sehr schwierige Rolle. Jede Woche kommt es zu ethnisch motivierten Morden und Massakern. Fast alle Ethnien in Äthiopien stellen das Wohl ihrer eigenen Gruppe über das nationale Wohl.

Welche Rolle spielt Äthiopiens Präsident Abiy Ahmed?

Abiy Ahmed wollte das überwinden. Als er vor zwei Jahren ins Amt kam, fühlten sich viele der alten Kader der TPFL gedemütigt. Sie hatten beim Sturz des kommunistischen Diktators Mengistu 1991 eine wesentliche Rolle gespielt und deshalb seitdem einen überproportionalen politischen und wirtschaftlichen Einfluss. Diesen Einfluss hat Abiy zurückgedreht. Die TPFL hat das nie hingenommen. Die jetzige militärische Eskalation ist deshalb auch ein Krieg aus Rache. Mehr Autonomie oder eine Sezession – bislang ist nicht klar, was die TPFL überhaupt erreichen will. Ihr scheint es zunächst vor allem um die Diskreditierung Abiys zu gehen. Sie will sein messianisches, friedensliberales Image zerstören und zeigen, dass er nicht in der Lage ist, Äthiopien zusammenzuhalten.

Äthiopien-Expertin Dr. Annette Weber von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Äthiopien-Expertin Dr. Annette Weber von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Foto: Hedemann
Trägt also Tigray die Schuld am Krieg?

Nein, die Schuld tragen beide Seiten. Sowohl Addis Abeba als auch Tigray haben den Krieg mit einer extrem hasserfüllten Sprache, die nur die Zerstörung des anderen im Blick hat, heraufbeschworen und waren nicht an einer Deeskalation interessiert.

Aber birgt die militärische Eskalation für Abiy nicht mehr Gefahren als Chancen?

Er geht offensichtlich davon aus, dass der Krieg zu einer nationalen Stabilisierung beitragen kann. Nachdem sie ganz Äthiopien über 25 Jahre dominiert hat, ist die TPLF in großen Teilen der Bevölkerung extrem unbeliebt. Abiy wähnt deshalb die meisten Äthiopier hinter sich.

Wird Abiy den Konflikt militärisch für sich entscheiden können?

Das ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu beantworten. Die TPFL soll in der Lage sein, in kurzer Zeit 250.000 Kämpfer zu mobilisieren. Das sind mehr Soldaten, als der Rest der äthiopischen Armee zur Verfügung hat. Die Soldaten der TPLF sind kampferfahren, gut ausgerüstet und ausgebildet, hoch motiviert und kennen sich im gebirgigen Tigray bestens aus. Anderseits verfügt Addis Abeba über die Luftwaffe. Nach nicht zu bestätigenden Berichten setzt Addis Abeba auch hochmoderne Kampfdrohnen der verbündeten Vereinigten Arabischen Emirate ein. Zudem kann Addis Abeba binnen kürzester Zeit viele mittellose junge Männer für den Krieg mobilisieren. Außerdem könnte es der äthiopischen Armee gelingen, die Nachschubwege für die Kämpfer aus Tigray zu unterbrechen. Aber die TPLF kann Addis Abeba aus dem Untergrund oder aus dem Ausland in einen langen und zermürbenden Guerilla-Krieg verwickeln.

Ein Krieg mit vielen Opfern?

Davon ist auszugehen. Weil keine Journalisten und unabhängige Beobachter ins Kriegsgebiet kommen und Telefon- und Internetverbindungen gekappt wurden, gibt es derzeit keine verlässlichen Zahlen zu Opfern und Kriegsverlauf. Zwischen 1998 und 2000 haben Äthiopien und Eritrea in der Region einen Krieg mit bis zu 100 000 Todesopfern geführt. Die Soldaten wurden wie Lämmer in die Schlacht getrieben. Es ist leider nicht davon auszugehen, dass sich die Militärtaktik seitdem wesentlich geändert hat.

Wird der Bürgerkrieg sich auf ganz Äthiopien ausweiten oder wird Abiy den Rest des Landes hinter sich bringen können, um den Krieg gegen Tigray zu führen?

Beide Szenarien sind denkbar. Im Worst Case versinkt ganz Äthiopien im Bürgerkrieg. Dann gibt es viele Tausend Tote. Auch die Nachbarländer Sudan, Eritrea und Somalia könnten weiter destabilisiert werden.

Wird der Krieg eine Flüchtlingswelle aus­lösen?

Schon jetzt sind in Äthiopien auf Grund ethnischer Konflikte drei Millionen Menschen auf der Flucht. Die Vereinten Nationen befürchten, dass durch den Krieg in Tigray bis zu neun Millionen weitere Menschen vertrieben werden könnten.

Werden diese Flüchtlinge auch nach Europa und Deutschland kommen?

Es sind vor allem Kinder und Frauen, die schnellst möglich wieder zurückwollen. Die meisten von ihnen werden zu Flüchtlingen im eigenen Land oder in eines der Nachbarländer fliehen.

In Tigray sind schon jetzt mehr als 600.000 Menschen auf Lebensmittelhilfslieferungen angewiesen. Wird der Konflikt zu einer humanitären Katastrophe führen?

Das führt er schon jetzt! Denn die Regierung in Addis Abeba hält keine humanitären Korridore offen und hat das wichtigste Kraftwerk der Region bombardiert, sodass die Stromversorgung in weiten Teilen zusammengebrochen ist. Es werden nicht nur Menschen bei Kampfhandlungen sterben, sondern auch durch die dramatische Verschlechterung der Versorgungslage.

Wird Abiy die bislang größte Krise seiner Amtszeit überstehen?

Sowohl sein physisches als auch sein politisches Überleben sind gefährdet. Es wäre nicht der erste Anschlagsversuch auf Abiy. Aber selbst, wenn er überlebt und den Krieg militärisch für sich entscheiden kann, ist sein politisches Überleben nicht gesichert. Dazu muss es ihm sehr schnell gelingen, einen echten und weitreichenden nationalen Versöhnungsdialog einzuleiten.

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Wurde ihm der Friedensnobelpreis im Dezember 2019 zu früh verliehen?

Nein. Damals lief alles in die richtige Richtung. Abiy hatte die Auszeichnung verdient. Ich denke nicht, dass er sich zuvor verstellt hatte und erst jetzt sein wahres Gesicht zeigt. Doch er ist zuletzt vom Weg der Versöhnung abgeraten.

Das Gespräch führte Philipp Hedemann.

Info

Zur Person

Annette Weber ist Äthiopien-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin und war als Beraterin unter anderem für Menschenrechtsorganisationen tätig.

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