Ro Nay San Lwin prangert von Deutschland aus die Verbrechen an den Rohingya in seiner Heimat Myanmar an

Kampf aus dem Exil

Bremen. Es dauert einen Augenblick, bis auf der verwackelten Aufnahme ein lächelnder Polizist erkennbar ist, der sich mit einem Smartphone filmt. Derweil treiben im Hintergrund seine Kollegen drei Kinder mit Stößen und Schreien vor sich her.
08.10.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Helge Hommers
Kampf aus dem Exil

Ro Nay San Lwin

Helge Hommers, Gertraud Gauer-Süß

Bremen. Es dauert einen Augenblick, bis auf der verwackelten Aufnahme ein lächelnder Polizist erkennbar ist, der sich mit einem Smartphone filmt. Derweil treiben im Hintergrund seine Kollegen drei Kinder mit Stößen und Schreien vor sich her. Der Filmende steckt sich eine Zigarette in den Mund, nimmt das Geschehen aber weiterhin mit auf. Die Kinder setzen sich zu anderen, auf dem Boden kauernden Zivilisten. Ihr Blick ist gesenkt, die Arme halten sie hinter dem Kopf verschränkt. Sie geben keinen Laut von sich – auch nicht, als ihre Bewacher zwischen ihnen umhergehen, mit Stöcken auf sie einprügeln und ihnen mit ihren Stiefeln ins Gesicht treten. Dann endet das Video.

Die Szene ereignete sich vor Kurzem in Myanmar, dem Land, in dem seit mehr als einem Monat eine gewaltsame Vertreibung der muslimischen Minderheit der Rohingya stattfindet. Veröffentlicht hat es der Menschenrechtsaktivist und Blogger Ro Nay San Lwin, der zu den Rohingya gehört und in Myanmar geboren ist, inzwischen aber in Frankfurt am Main lebt. Er kämpft aus dem Exil gegen das Unrecht in seiner Heimat, indem er über seine etwa 100 Kontaktleute Informationen über die Vertreibung sammelt und sie über Twitter und andere internationale Medien an die Weltöffentlichkeit bringt. Oder in Vorträgen, wie dem, den er auf Einladung des Bremer Informationszentrums für Menschenrechte und Entwicklung (BIZ) im Überseemuseum hielt.

Das Video erhielt seine Organisation von dem Polizisten, der das Geschehen gefilmt hatte. Nicht, weil ihn das schlechte Gewissen plagte, sondern aus Gier. Dem Verkäufer war nämlich der Wert des Videos bewusst. Schließlich werden Dokumente, die Verbrechen an den Rohingya beweisen, von der myanmarischen Regierung um jeden Preis unter Verschluss gehalten. Als Aung San Suu Kiy, Friedensnobelpreisträgerin und inoffizielle Regierungschefin, sich vor zwei Wochen nach langem Schweigen zu dem Thema äußerte, diffamierte sie Berichte über die Gräueltaten als Fake News. Es gebe keine Verstöße gegen die Menschenrechte, sagte sie. Es seien die Rohingya selbst, die ihre Häuser in Brand steckten und so die Vereinten Nationen manipulieren wollten.

Wenn Nay San Lwin sich an die Rede erinnert, lacht er. Weil sie so abstrus sei, dass sie schon wieder lustig wäre. „Suu Kyi erzählt, dass sie nicht wisse, warum die Menschen fliehen; dass die Militäroperationen beendet seien und die Soldaten die Gesetze eingehalten hätten. Doch das stimmt nicht“, sagt er. Für ihn ist die systematische Ausgrenzung der Rohingya ein „seit 40 Jahren währender Genozid“, der von der Regierung gesteuert und vom Großteil der Bevölkerung unterstützt wird. Die Rohingya seien schrittweise systematisch ausgegrenzt worden: ihnen werde der Zugang zu Bildung verwehrt, es gebe keine medizinische Versorgung und ihre Bewegungsfreiheit sei derart eingeschränkt, dass Nay San Lwin von der Unterbringung in einem „Freiluftgefängnis“ spricht.

Dass Ende August eine Gruppe junger Rohingyas mit Messern und Macheten mehrere Polizeiposten attackierte, sei die logische Konsequenz gewesen: „Diese Menschen können in ihrem Leben nichts erreichen. Sie sehen als einzigen Ausweg den Kampf“, erklärt er. Für das myanmarische Militär sei der Angriff ein willkommener Anlass gewesen, die Gewalt gegen die Rohingya auszuweiten. Die immer noch andauernde Flucht von mehr als einer halben Millionen Menschen, die ohne Nahrung und selten mit mehr als der Kleidung am Leib nach Bangladesch aufbrechen, sei die Folge. Sie würden fliehen, weil das Militär sie sonst abschlachte, sagt Nay San Lwin. „Die Soldaten schrecken vor nichts zurück. Vergewaltigung etwa ist für sie eine Waffe.“

Er selbst verließ Myanmar bereits vor 16 Jahren. Als einer von wenigen Rohingya hatte er studieren dürfen, migrierte aber nach Saudi-Arabien, weil er in Myanmar keine Zukunft für sich sah. 2011 zog er weiter nach Frankfurt, wo er heute als Kurier arbeitet. Seine politische Arbeit blieb daheim nicht unbemerkt: Regelmäßig erhält er Todesdrohungen, das Staatsfernsehen hetzt gegen ihn. Sollte er einmal wieder nach Myanmar kommen, so werde man ihn umbringen, ist er sich sicher. Dabei würde er gerne zurückkehren. „Jeder will doch dort leben, wo seine Heimat ist“, sagt er. Die Hoffnung darauf hat er aber aufgeben.

Sein Ziel ist es, dass die Verantwortlichen für ihre Taten vor einen internationalen Gerichtshof gestellt werden. Bis dahin sei es jedoch noch ein weiter Weg. Vorerst wünscht er sich, dass die Weltgemeinschaft ihre geschäftlichen Beziehungen zu Myanmar abbrechen und seine Führungskader nicht mehr hofieren möge. „Als Weltbürger sind wir alle verantwortlich für das Elend, das sich in Myanmar ereignet“, betont er.

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