Kommentar über die Flüchtlingslage

Das Kreuz mit der Seenotrettung

Das Mittelmeer ist ziemlich abgeschottet, immer mehr Flüchtlinge versuchen, über den Atlantik die Kanaren zu erreichen. Doch das ist nur eine Facette des Problems, analysiert Birgit Svensson.
09.12.2020, 00:05
Lesedauer: 3 Min
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Das Kreuz mit der Seenotrettung
Von Birgit Svensson

Das Rettungsschiff „Sea-Watch“, das mit seiner Kapitänin Carola Rackete im Juni 2019 traurige Berühmtheit erlangte, sitzt im Hafen von Palermo fest. Wegen Sicherheitsmängeln, heißt es seitens der italienischen Behörden. Ebenso wird die „Alan Kurdi“ derzeit am Auslaufen gehindert. Von der deutschen Hilfsorganisation „Sea-Eye“ zur Seenotrettung im Mittelmeer eingesetzt, trägt es den Namen eines ertrunkenen syrischen Flüchtlingskindes. Zuvor war das Schiff als Offshoreversorger und als Forschungsschiff auf Fahrt. Doch jetzt geht nichts mehr, und es sieht auch nicht danach aus, als ob die Crew demnächst wieder Flüchtlinge aus dem Wasser holen kann. Die Seenotretter, die Hunderten Menschen das Leben gerettet haben, sind zum Nichtstun verdammt. Das ist fatal und führt natürlich zu kontroversen Diskussionen.

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Anders sieht es weiter westlich aus. Dort schwappt gerade die nächste Flüchtlingswelle auf Europa zu. Dieses Mal auf die Kanarischen Inseln. Nicht mehr über das Mittelmeer wird das „gelobte Land“ erreicht, sondern über den weit gefährlicheren Atlantik. Trotzdem gleichen sich die Bilder. Die Menschen sitzen in offenen Holzbooten – auf dem Mittelmeer sind es Schlauchboote – und fahren einer ungewissen Zukunft entgegen. Es sind Afrikaner aus Senegal, Mali, Mauretanien, Algerien und Marokko. Sie starten nicht mehr aus Libyen, sondern von der Westsahara. In diesem Jahr erreichten bereits 14.500 Ankömmlinge aus Afrika die spanischen Atlantik-Inseln – neunmal mehr als 2019. Die meisten werden von der spanischen Seenotrettung vor Gran Canaria entdeckt und nach Arguineguin gebracht. Hier empfängt sie das Rote Kreuz. Einige haben Schnittwunden, Verbrennungen oder leiden an starker Dehydrierung nach der tagelangen Überfahrt.

Weil die Mittelmeerroute nach Europa streng überwacht wird, versuchen immer mehr Afrikaner, die Kanaren zu erreichen. Bis zu 1000 Euro kostet ein Platz in den Holzbooten, die von Schlepperbanden in die Passatwinde gezogen werden. Ändern sich die Winde, treiben die Boote einfach an den Kanaren vorbei und die Menschen verdursten. Viele Boote kentern auch. Wie viele die gefährliche Überfahrt nicht überleben, weiß niemand genau. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) stirbt auf der Atlantikroute aber schätzungsweise jeder 16. Flüchtling. Zum Vergleich: Im östlichen Mittelmeer, auf dem Weg nach Griechenland, kommt einer von 120 Bootsflüchtlingen um.

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Die Entwicklung der beiden Szenarien ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die schon lange gegen die Seenotrettung argumentieren. Wenn die Retter nicht mehr retten dürfen, werden auch keine Flüchtlinge mehr kommen, heißt es. Man weiß, Schlepper rechnen damit, dass die Menschen in den Booten von Schiffen gerettet, aufgenommen und nach Europa gebracht werden. Andere argumentieren mit der Menschlichkeit: „Wir können die doch nicht ertrinken lassen!“ Seenotrettung sei Christenpflicht, argumentiert beispielsweise die evangelische Kirche, die die „Sea-Watch“ unterstützt.

Es ist ein Dilemma der Gefühle, in das man leicht gerät, ein Zwiespalt, der nur schwer aufzulösen ist. Denn es ist auch klar, dass organisierte Schlepperbanden immer wieder neue Schlupflöcher finden, um ihr schmutziges Geschäft weiter zu betreiben. Oft sind es auch dschihadistische Gruppen, die mit dem Geld der Flüchtlinge ihren blutigen Terror finanzieren. Ob in Libyen der Islamische Staat oder in Mali die Al-Kaida: Sie finanzieren sich durch die Flucht übers Meer.

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Es ist also nicht damit getan, Retter nicht mehr retten zu lassen. Vielmehr müssen Schlepper daran gehindert werden, schleppen zu können. Vor der Küste Libyens hilft die europäische Küstenwache Frontex bei diesen Bemühungen. Aber auch der Bürgerkrieg in Libyen bietet einen optimalen Nährboden für die Banden.

Immerhin gibt es jetzt einen Lichtblick: Die Einigung auf Parlaments- und Präsidentenwahlen im nächsten Jahr und eine alle Kräfte einbindende Übergangsregierung könnte endlich Frieden und Stabilität in dem Land bringen. Und damit endlich weniger Raum für die Extremisten lassen.

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