Kommentar zu Markus Söder

Wie das Amt zum Manne kommt

Es spricht alles dafür, dass Markus Söder sich noch nicht zur Kanzlerkandidatur entschieden hat, sondern einfach abwartet. Der CSU-Chef praktiziert eine Strategie des Offen-Haltens, kommentiert Ralf Müller.
19.07.2020, 05:00
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Von Ralf Müller

Mein Platz ist in Bayern“, sagt Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef jedem, der die K-Frage stellt. Eine Absicht, die „so geschickt formuliert ist, dass sie deutlich zu erkennen und zugleich schadlos preiszugeben ist“, sagt der Passauer Politikwissenschaftler und ehemalige Präsident der Akademie für Politische Bildung, Heinrich Oberreuter.

In Bayern glaubt kaum jemand, dass Söder die Kanzlerkandidatur tatsächlich abschlagen würde, wenn sie ihm auf einem Silbertablett angetragen würde. Wenn der Dienst am Wohl der C-Parteien über allem schwebe, müsse „im Ernstfall Bayern hintan stehen und der Opfergang nach Berlin angetreten werden“, so Oberreuter. Das ist eines der wenigen Dinge, von denen man ausgehen kann: Das Nein Söders zur Kanzlerkandidatur ist nicht in Stein gemeißelt. Ein Ja aber auch nicht.

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Sonst ist nicht viel klar. Sein Talent zur Selbstdarstellung, politischer Instinkt und glückliche Umstände haben den bayerischen Ministerpräsidenten dorthin gebracht, wo er jetzt ist: Auf den Sockel des beliebtesten deutschen Politikers nach der Kanzlerin. Der Aufstieg vom Seehofer-Wegmobber zum Staatsmann brachte auch außerhalb des Freistaats manche zu Bekenntnissen, die sie vor Corona als undenkbar von sich gewiesen hätten wie: „Ich kann mir Söder als Bundeskanzler vorstellen“.

Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. CSU-Insider listen auf, was auf dem Weg zum ersten CSU-Kanzler in der deutschen Geschichte noch alles geschehen muss: Vor allem muss die Schwesterpartei zu dem Einsicht kommen, dass der auf ihrem Parteitag im Dezember zum Vorsitzenden Gewählte nicht gut genug ankommt, um der Union bei der Bundestagswahl 2021 den nötigen Vorsprung als stärkste Partei zu sichern. Die CSU muss Söder bitten, sie in die Wahl zu führen. Anders, da ist man sich in der CSU einig, geht es nicht: „Das Amt muss zum Mann kommen, nicht der Mann zum Amt“, formuliert Eberhard Sinner, zu Zeiten von Edmund Stoiber Leiter der bayerischen Staatskanzlei.

Positive Aufmerksamkeit auf sich lenken

Gleichzeitig darf Söders bundespolitischer Glanz, den er als Corona-Krisenmanager erreicht hat, nicht Schaden nehmen. Aber das wird nicht reichen: Söder muss immer wieder durch neue Initiativen die positive Aufmerksamkeit der Nation auf sich lenken. Daran arbeitet er unverkennbar. Ein Paradebeispiel war die inoffizielle Krönungsmesse mit Angela Merkel vergangene Woche auf Schloss Herrenchiemsee. Freilich droht dabei die Gefahr der Übertreibung.

Sollte sich Söder tatsächlich zum Anlauf auf das Kanzleramt entschließen, würde die CSU ihn uneingeschränkt unterstützen. Viele allerdings mit flauem Gefühl im Magen. Die Ansichten darüber, ob die CSU nach den gescheiterten Anläufen von Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber zum dritten Mal das Risiko einer Kanzlerkandidatur eingehen sollte, gehen in der Partei weit auseinander. Wenn man in die Annalen der Partei eingehen wolle, könne man dies zweifellos als erster CSU-Kanzler der Geschichte, so ein Eingeweihter. Aber man könne auch den ewigen Dank der Partei erlangen, indem man bei der Landtagswahl 2023 die absolute Mehrheit der CSU zurückerobert.

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Eine Mehrheit der CSU-Landtagsabgeordneten würde es derzeit wohl lieber sehen, wenn sich Söder als beliebter Ministerpräsident um einen satten Zugewinn an Mandaten bei der Landtagswahl 2023 verdient machen würde, statt in Berlin Chef eines spannungsgeladenen Bündnisses zu werden, dem voraussichtlich die Grünen als Partner angehören. Obwohl Söder seine Partei erkennbar begrünt hat, gibt es doch eine Reihe von Themen, bei denen die Christsozialen in einer schwarz-grünen Bundesregierung beachtliche Kröten schlucken müssten. „Lieber in Bayern bleiben und in Berlin Beute machen“, das wünschen sich viele.

Eine ausgesprochene Anti-Laschet-Stimmung

Andere spekulieren mit den frei werdenden Ämtern, die sich in Bayern durch einen Umzug Söders nach Berlin ergeben könnten. Allerdings hat sich in der CSU eine ausgesprochene Anti-Laschet-Stimmung breitgemacht. Sollte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident zum Kanzlerkandidaten der Union ausgerufen werden, täten sich viele Christsoziale schwer, für ihn Bundestagswahlkampf zu machen. Mit Friedrich Merz oder Jens Spahn hätten sie diese Probleme nicht.

Es spricht alles dafür, dass Markus Söder selbst sich noch nicht entschieden hat, sondern abwartet. Der CSU-Chef praktiziert eine Strategie des Offen-Haltens. Übrigens kann man Deutschland auch von Bayern aus regieren – so wie Angela Merkel auch weiter in Mecklenburg-Vorpommern wohnt.

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