Kommentar über die katholische Kirche

Bischöfe sollten Verantwortung übernehmen

Die Bischofskonferenz wurde nicht genutzt für eine kritische Aufarbeitung der Missbrauchsfälle. Das ist bedauerlich und wird den berechtigten Zorn in den Kirchengemeinden nicht bremsen, meint Benjamin Lassiwe.
26.02.2021, 05:00
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Von Benjamin Lassiwe
Bischöfe sollten Verantwortung übernehmen

Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Limburgs Bischof Georg Bätzing.

Sascha Steinbach / dpa

Das große Donnerwetter ist ausgeblieben. Obwohl die Christen im Kölner Erzbistum in Scharen die Kirche verlassen, obwohl die Missbrauchsaufarbeitung von Rainer Maria Kardinal Woelki ein „Desaster“ ist, wie selbst Limburgs Bischof Georg Bätzing sagt, der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, gibt es keine Kritik am Amtsbruder aus dem Rheinland. Das ist bedauerlich, denn klare aufrüttelnde Worte aus den übrigen Diözesen und eine Kurskorrektur in Köln wären genau das, was die katholische Kirche hierzulande wohl am Nötigsten bräuchte.

Schließlich ist es den Bischöfen durchaus bekannt: Viel Zeit haben sie nicht mehr. Georg Bätzing selbst sprach von weniger als zehn Jahren, die noch zur Verfügung stünden, um sich auf die finanziellen Folgen der massenhaften Austritte einzustellen. Schulen, Altenheime, Kindertagesstätten: Ob die Kirche künftig noch solche Einrichtungen tragen können wird, wird auch davon abhängen, wie gut und wie schnell sie jetzt die Kurve kriegt. Wie transparent und offen sie in den nächsten Monaten mit den diversen, in fast jedem Bistum zu erwartenden Missbrauchsstudien umgehen. Und welche Konsequenzen – auch welche persönlichen Konsequenzen – sie aus deren Ergebnissen ziehen.

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Denn was wäre eigentlich glaubwürdiger als ein Bischof, der wegen seiner Verantwortung, die er einst als Generalvikar oder Weihbischof für den Umgang mit Missbrauchstätern hatte, dem Papst den Rücktritt anböte? Und sein weiteres Schicksal damit in die Hand dessen läge, der ihn einst zum Bischof oder Kardinal gemacht hatte? Weniger hilfreich ist da die brüderliche Treue, die seine Mitbrüder derzeit gegenüber Kardinal Woelki an den Tag legen.

Immerhin haben sich die Bischöfe auf einem Studientag mit Kirchenaustritten und den Ursachen dafür beschäftigt. Dass aber eine der Hauptursachen der derzeitigen Misere mit im Raum saß, scheinen die Bischöfe dabei schlicht nicht begriffen zu haben. Um es klar zu sagen: Der „Rheinische Katholizismus“, einer der Stützpfeiler der katholischen Kirche in Deutschland, ist am Zerbröckeln. Schon in 20 Jahren wird es ihn wohl nicht mehr geben, wird die Kirche auch im katholisch geprägten Rheinland keine Volkskirche mehr sein.

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Doch es gibt auch Hoffnungszeichen. Zum Beispiel die Wahl der Theologin Beate Gilles zur Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz: Wer es wagte, noch vor einem oder zwei Jahren auf Pressekonferenzen die Frage zu stellen, ob eine Frau diesen Posten von Pater Hans Langendörfer übernehmen könnte, wurde von manch altgedientem Kollegen angeschaut wie jemand, der gerade in Badehose, Plastikschlappen und mit dem Duschtuch über der Schulter die altehrwürdige Bibliothek des Fuldaer Priesterseminars betreten hatte. Tatsächlich ist es ein wichtiges Signal, dass die Bischöfe die höchste, keinem Priester vorbehaltene, Position der katholischen Kirche in Deutschland mit einer Frau besetzt haben. Damit kommen sie auch der Reformbewegung Maria 2.0 entgegen, die freilich forderte, dass alle Posten in der Kirche auch für Frauen zugänglich sein sollten.

Und auch, dass Bätzing erklärte, auch einem Protestanten, der darum bittet, die Kommunion spenden zu wollen, ist ein wichtiges Zeichen: Im Jahr des Ökumenischen Kirchentags in Frankfurt macht der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz damit deutlich, dass er bereit ist, in der Ökumene deutlich weiter zu gehen, als es derzeit Stand der Dinge ist.

Ob diese Hoffnungszeichen allerdings den Ärger bremsen können, der an der katholischen Gemeindebasis aber auch in der Gesamtgesellschaft über den Umgang von Kardinal Woelki und anderen Bischöfen mit dem sexuellen Missbrauch herrscht, darf wohl mit Fug und Recht bezweifelt werden. Nein, will die katholische Kirche in Deutschland auch in Zukunft eine bedeutsame gesellschaftliche Institution sein, braucht es einen neuen Kurs, vor allem bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. Und ohne Transparenz und die Übernahme persönlicher Verantwortung durch einzelne Bischöfe wird das nicht gehen.

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