Beleidigungen und Gewalt: Brandbrief einer Beamtin löst Debatte aus

Kein Respekt mehr für die Polizei

Eine Polizei, die keinen Respekt mehr bekommt, sondern sich im Gegenteil mit Beleidigungen oder tätlichen Angriffen konfrontiert sieht – die Diskussion darüber treibt hohe Wellen, seitdem eine Polizeibeamtin ihrem Frust freien Lauf ließ. Sie beklagt sich über straffällige Migranten, die für den Staat nur noch Verachtung übrig hätten.
10.04.2014, 00:00
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Kein Respekt mehr für die Polizei
Von Jürgen Hinrichs

Eine Polizei, die keinen Respekt mehr bekommt, sondern sich im Gegenteil mit Beleidigungen oder tätlichen Angriffen konfrontiert sieht – die Diskussion darüber treibt hohe Wellen, seitdem eine Polizeibeamtin ihrem Frust freien Lauf ließ. Sie beklagt sich über straffällige Migranten, die für den Staat nur noch Verachtung übrig hätten.

Sie ist eine Polizistin, 30 Jahre alt und als Griechin in Deutschland geboren. Sie lebt und arbeitet in Bochum, fährt dort seit zehn Jahren Streife – und hat es irgendwann nicht mehr ausgehalten. „Meine Kollegen und ich werden täglich mit straffälligen Migranten konfrontiert, die nicht den geringsten Respekt vor der Polizei haben“, hatte Tania Kambouri in einem Leserbrief für die Zeitschrift der Deutschen Polizeigewerkschaft (GdP) geschrieben. Seitdem reißt die Diskussion nicht mehr ab. Wie stark ist der Staat noch, wenn seine Polizisten verhöhnt, beleidigt und angegriffen werden? Und das nicht allein von kriminellen Migranten.

„Ein Riesenproblem“, sagt der Bremer GdP-Vorsitzende Jochen Kopelke. Zahl und Qualität der Delikte gegen Polizeibeamte hätten eine besorgniserregende Dimension erreicht. „Die Abstammung der Menschen, die so etwas tun, spielt für uns dabei keine Rolle.“

Nach Zahlen der Bremer Polizei gab es im Jahr 2011 knapp mehr als 500 Delikte gegen Polizeibeamte, zwei Jahre später seien es bereits fast 700 gewesen, davon rund 300 Beleidigungen. „Die Polizistinnen und Polizisten auf der Straße erleben immer häufiger aggressives und respektloses Verhalten“, heißt es in einer Mitteilung von gestern. „Fast jeden Tag wird in Bremen ein Polizist beleidigt“, lässt sich Polizeivizepräsident Dirk Fasse zitieren.

Tania Kambouri fasst das Problem enger, sie bezieht sich ausschließlich auf Migranten, die Straftaten verüben. „Es kann nicht sein, dass solche Menschen, die das Grundgesetz nicht achten und eine Parallelgesellschaft geschaffen haben, hier tun und lassen können, was sie wollen“, schimpft die Beamtin in ihrem Leserbrief. Selbst eine Migrantin, werde sie bei Einsätzen häufig als Verräterin behandelt oder schon deshalb nicht respektiert, weil sie eine Frau sei.

Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, kann die Klage der Polizeibeamtin nachvollziehen: „Es ist keine Übertreibung, was sie sagt.“ Straffällige Migranten insbesondere aus der Türkei und aus Russland seien bei Angriffen gegen Polizeibeamte stark überrepräsentiert. „Mit ihrer Macho-Kultur tun sie sich überdies sehr schwer, speziell weibliche Beamte zu akzeptieren.“

Verallgemeinern dürfe man das aber nicht, warnt Pfeiffer: „Es geht ja nicht um die Migranten, sondern um eine besondere Gruppe unter ihnen.“ Hinzu komme, dass die Gewalt von Tätern mit Migrationshintergrund in den vergangenen 15 Jahren abgenommen habe. Dies sei durch Studien belegt. Pfeiffer: „Es hat sich in diesem Bereich viel getan, vor allem durch eine verbesserte Integration.“ Der Wissenschaftler glaubt, dass es auch in Zukunft einen Rückgang der Gewalttaten von Migranten gegen Polizisten geben wird.

Die Bundesspitze der Polizeigewerkschaft sieht das anders. Sie spricht von einer fatalen Entwicklung. „Schon ganz junge Menschen mit Migrationshintergrund bauen sich vor Polizisten auf, spucken sie an und betiteln sie als Nazis, wenn die Kräfte versuchen einzuschreiten“, sagte GdP-Chef Rainer Wendt diese Woche in einem Interview. Ein Verhalten, das in weite Teile der muslimischen Gemeinschaft hineinreiche. Dort gebe es bereits eigene Gerichtsbarkeiten. Wendt: „Das heißt, bei Teilen der Migranten bildet sich eine Staatsverachtung aus.“

Wendts Gewerkschaftskollege in Niedersachsen betont dagegen einen allgemeinen Verfall von Autorität. „Die Polizei wird grundsätzlich nicht mehr so anerkannt wie früher“, sagt Landesvorsitzender Dietmar Schilff, „unabhängig davon, wer ihr gerade gegenübersteht.“ Die Polizei allein könne dieses Problem nicht lösen. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und fängt bei der Bildung an.“ Ein Angriff gegen einen Polizisten, so Schilff, sei immer auch ein Angriff gegen die Gesellschaft und ihre Bürger. Kommentar Seite 2

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