Kommentar über KZ-Prozesse

Kein Schlussstrich bei der Aufarbeitung von NS-Verbrechen

Im Fernsehstudio wie im Gerichtssaal zeigt sich, dass man den Massenmord an Europas Juden nicht „bewältigen“ kann im Sinne von erledigen und abhaken. Das verhöhnt die Opfer, meint Joerg Helge Wagner.
16.10.2019, 21:33
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Kein Schlussstrich bei der Aufarbeitung von NS-Verbrechen
Von Joerg Helge Wagner
Kein Schlussstrich bei der Aufarbeitung von NS-Verbrechen

Im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig kamen bis Kriegsende rund 65.000 Menschen ums Leben. Heute ist dieser Ort Museum und Gedenkstätte.

Piotr Wittman/dpa

Was hat die „Hart aber fair“-Talkshow vom Montag mit einem Mordprozess zu tun, der an diesem Donnerstag vor dem Hamburger Landgericht beginnt? Jeweils werden Verbrechen an Juden verhandelt, Antisemitismus in seiner brutalsten Form, und der Umgang damit. Und im Fernsehstudio wie im Gerichtssaal zeigt sich, dass man Vergangenheit eben nicht „bewältigen“ kann im Sinne von erledigen, abhaken. Sie wirkt weiter bis in die Gegenwart, sie entlässt die Nachgeborenen nicht aus der Verantwortung.

Muss man einen 93-jährigen Greis, der zur Tatzeit ein Teenager und zudem nur ein kleines Rädchen im monströsen Vernichtungsapparat war, noch vor Gericht stellen? Ja, man muss, sofern man das Gesetz respektiert: Mord verjährt eben nicht, auch nicht die Beihilfe dazu. Mörder dürfen sich in einem Rechtsstaat nie sicher fühlen. Andererseits muss auch jemand, dem Mord vorgeworfen wird, sicher sein, dass er nicht verurteilt wird, wenn man ihm die Tat nicht nachweisen kann. Das sind die Leitplanken der Justiz, und sie sind nicht verhandelbar. Ob es um Massenmord im KZ Stutthof geht oder um Morde und Mordversuch in Halle, spielt hier keine Rolle.

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In einer besseren Welt würde das auch die große Mehrheit der Nichtjuristen so sehen. Niemand käme dort auf den Gedanken, unter ein Menschheitsverbrechen irgendwann einmal einen Schlussstrich zu ziehen – womöglich sogar schon dann, wenn es noch lebende Täter und überlebende Opfer gibt.

In unserer Welt aber werden nach einer im Wortsinn todernsten, hochseriös besetzten Talkrunde Kurznachrichten aus dem Publikum eingeblendet. Wenn es dort heißt, man sollte „das Judenthema etwas zurücknehmen, denn genau das schürt Hass“, bildet das zweifellos heutige Wirklichkeit ab, und um die geht es ja. Nur: „Einfach mal stehen lassen“ darf man das nicht. Der Verweis auf die damalige Wirklichkeit in den KZ ist dann Pflicht, schon aus Respekt vor den Opfern.

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