Korea

Keine Angst, wenig Freude

Vor Beginn der olympischen Winterspiele nähern sich die beiden verfeindeten Staaten Nord- und Südkorea wieder an.
03.02.2018, 21:16
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Keine Angst, wenig Freude
Von Felix Lee
Keine Angst, wenig Freude

Noch schaufelt ein Arbeiter Schnee an der Langlaufanlage in der Nähe der Alpensia-Skisprunganlage, aber am kommenden Freitag starten die olympischen Winterspiele von Pyeongchang.

dpa

Als Frank Sinatras „My Way“ erklingt, huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Chang Che Shun schließt seine Augen. Verträumt wippt er zur Musik seinen Kopf hin und her. Seine Frau Jin Jo sitzt neben ihm. Sie summt dazu. Der Kaffee ist schwarz, kein Milchschaum, auch keine andere besondere Spezialität, einfach nur Filterkaffee. „Seoul ist voll von Cafés“, sagt der 70-Jährige. Aber Läden nach seinem Geschmack seien rar. Deswegen kämen er und seine Frau regelmäßig zur Musicbox.

Die Musicbox ist ein Café in Jongno, einem der wenigen verbliebenen alten Viertel von Seoul. Filmplakate auf denen Audrey Hepburn oder Clark Gable zu sehen sind, hängen an den orange-beige gehaltenen Wänden. Eine bunte Lichterkette schmückt am Eingang eine nachgebaute Box, in der ein DJ sitzt und Schallplatten auflegt – so wie es in den sechziger Jahren üblich war. Hier in dem Café ist die Zeit steheh geblieben. Die Senioren schwärmen hemmungslos von vergangenen Zeiten.

Sehnsucht nach der Vergangenheit – die ist bei den älteren Leuten in Seoul oft anzutreffen. Zu viel hat sich in Südkorea in den letzten Jahren zu rasch verändert. In der Hauptstadt ist alles Alte abgerissen. Die jungen Leute haben andere gesellschaftliche Werte, einen völlig anderen Lebensstil. Das prägt auch die Einstellung zu den dominierenden Themen dieser Tage: Nordkorea – und Olympia.

„Ja, wir wollen die Wiedervereinigung“, sagt Chang. „An diesem Ziel müssen wir festhalten.“ Ansonsten werde es nie Frieden geben. „Wir verzeichnen eine Spaltung der Gesellschaft entlang von Alterslinien“, beschreibt Go Myong-hyun das Phänomen. Der 40-jährige Politologe sitzt im modernen Bau des renommierten Asan Institute for Policy Studies in einem edlen Stadtteil von Seoul.

Die ältere Generation befürworte einen engen Austausch mit dem Norden und hänge „einer romantischen Vorstellung von nationaler Einheit an“, sagt Go. Die jüngeren Südkoreaner könnten mit Kims Regime dagegen nichts anfangen. „Es nervt sie, dass ihre schönen Winterspiele plötzlich zum Propagandafest des skurrilen Nachbarlandes mutiert sind.“

"Warum sollte das dieses Mal anders sein?"

Cloé Jung zuckt gleichgültig mit den Achseln. Ja, die auf Seoul gerichteten Raketen seien eine Bedrohung. Doch Angst habe sie keine. „Was solle schon passieren?“, fragt sie. Seit sie geboren ist lebt sie mit der Bedrohung. Ihre Eltern ebenso. „Wir kennen es gar nicht anders“, sagt Cloé.

Sie sitzt im Café Ma Non Troppo, in Seouls angesagtem Stadtviertel Hannam. In Glastresen liegen Macarons fein nebeneinander aufgereiht neben Tarts und Mousse au Chocolat-Törtchen. Holzstühle und Sofas wie sie in einem Wiener Kaffeehaus stehen könnten, füllen den Raum. Es duftet nach Orangenschalen. „Wir Südkoreaner haben es uns bequem gemacht“, sagt sie.

Hoffnungen, dass der Konflikt demnächst gelöst werden könnte, hegt die 36-Jährige jedoch keine. Sie habe in ihrem Leben schon so häufig zu hören bekommen, dass die beiden Koreas sich annäherten – um sich dann wieder zu verkrachen. Wirklich passiert ist nichts. „Warum sollte das dieses Mal anders sein?“

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Vor etwas mehr als einem Monat standen sich Nord- und Südkorea noch spinnefeind gegenüber. Pjöngjangs Machthaber Kim Jong Un wetterte ohne Unterlass gegen Südkorea, dem „Vasallenstaat der USA“. Zehntausende Artillerie-Geschütze sind auf Seoul gerichtet. Und dann Nordkoreas Atomprogramm: Mehr als ein Dutzend Langstreckenraketen hat das Regime in Pjöngjang im vergangenen Jahr abgeschossen – und eine Wasserstoffbombe getestet.

Doch zum Jahreswechsel kam die plötzliche Wende: Der nordkoreanische Machthaber äußerte in seiner Neujahrsrede den Wunsch nach Annäherung und der Teilnahme an den Olympischen Winterspielen, die am 9. Februar im südkoreanischen Pyeongchang beginnen, gerade einmal 60 Kilometer von der Grenze entfernt.

Seitdem ging es Schlag auf Schlag. Treffen in Panmunjom, dem berühmten Dorf mitten in der entmilitarisierten Zone, das erste zwischen ranghohen Vertretern seit mehr als zwei Jahren. Dann die Einigung auf einen gemeinsamen Einmarsch der Teams beider Länder unter der blauweißen Wiedervereinigungsflagge und ein gemeinsam aufgestelltes Eishockey-Damenteam. Selbst von der Teilnahme der nordkoreanischen Girlband Moranbong ist die Rede. Die Band ist Nordkoreas Antwort auf Südkoreas K-Pop, seit „Gangnam Style“ auch weltweit angesagt.

So viel Annäherung müsse nicht sein

Cloé ist von Beruf Moderatorin. Ihre Sitzhaltung ist perfekt. Der weite Kragen ihrer fliederfarbenen Anzugjacke fällt elegant zur Seite herab. Sie mache Ballett, erzählt sie. Das sei der neue Trend bei Frauen in ihrem Alter. So wie Yoga oder Pilatis es vorher waren. Klar, eine Wiedervereinigung sei „eine schöne Sache“, sagt sie – aber nicht realistisch.

Schon jetzt hätten Flüchtlinge aus Nordkorea große Probleme, sich in Südkorea zurechtzufinden. Abgesehen von der gemeinsamen Sprache gebe es kaum noch Gemeinsamkeiten. Die Arbeitsmoral sei anders, ihr Bildungsgrad niedrig, sie würden sich anders verhalten. Es gebe nicht einmal mehr viele verwandtschaftliche Verbindungen. „70 Jahre Trennung sind eben eine lange Zeit“, sagt Cloé. Derzeit kämen gerade einmal wenige Dutzend nordkoreanische Flüchtlinge im Jahr. „Wie soll es werden, wenn die Grenze offen ist und Millionen Nordkoreaner in den Süden kommen?“

„Annäherung zwischen beiden Koreas schön und gut“, sagt Cloé. Doch das gehe ihr nun doch zu weit. Sie hat in den vergangenen Wochen mehrere Veranstaltungen zum olympischen Fackellauf moderiert und die südkoreanischen Athleten angefeuert, die die Fackel vor sich her trugen. Dass nun südkoreanische Eishockey-Spielerinnen Nordkoreanerinnen Platz machen müssen, findet sie unfair. So viel Annäherung müsse dann doch nicht sein.

Die Konservativen wettern

Die südkoreanische Presse übt noch heftigere Kritik. Der seit vergangenem Mai regierende Präsident Moon Jae-In, ein Linksliberaler, der um eine Versöhnung mit Nordkorea bemüht ist, habe sich von Nordkoreas Regime zu schnell abspeisen lassen. Nordkorea werde den Südkoreanern die Show stehlen, wettern die Konservativen. Die Winterspiele in Pyeongchang seien „Pjöngjang-Spiele“, spotten ausländische Medien.

Frieden und weniger Hektik – das wünscht sich der 70-jährige Chang. „Es ist angenehm hier“, sagt Chang. Anders als in anderen Ecken von Seoul müsse er auch nicht ständig hektischen Menschen ausweichen, die beim Gehen auf ihre Smartphones starren. Im Café Musicbox starrt niemand auf sein Handy. Die Gäste blicken stattdessen auf ihren Kaffee. Oder sie schauen sich gegenseitig an. Der DJ hat nun einen südkoreanischen Schlager aus den Fünfzigern aufgelegt. „Das hieß damals schon K-Pop“, sagt Chang.

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