Raketentest

Kim Jong Un bedroht die Welt

Der 20. Raketentest Nordkoreas in diesem Jahr verschärft die Spannungen. Vor der Rakete, die am Mittwochmorgen abgefeuert wurde, war fast zweieinhalb Monate lang Ruhe gewesen.
29.11.2017, 21:01
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Kim Jong Un bedroht die Welt
Von Felix Lee
Kim Jong Un bedroht die Welt

Szene aus Pjöngjang: Nordkoreaner bejubeln den jüngsten Test einer Interkontinentalrakete.

dpa

Ausgesprochen wurde der Frieden nicht. Und doch gab es ihn. Immerhin fast zweieinhalb Monate lang hat Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un keine Atombombe testen und auch keine weitere Rakete ins All schießen lassen. Das Regime nahm offenbar Rücksicht auf den einstigen Verbündeten China. Dort hielt die kommunistische Führung im Oktober ihren großen Parteikongress ab und wollte an einem neuen Vorschlag zur Lösung des Koreakonflikts arbeiten.

Das blieb zwar aus. Doch im November war dann Donald Trump zu Besuch in Ostasien. Ein Raketentest in dieser Zeit hätte den ohnehin schon unberechenbaren US-Präsidenten noch mehr in Rage gebracht. Das wollte Pjöngjang offenbar nicht riskieren. Nun ist es mit dieser Ruhe allerdings schon wieder vorbei.

Am frühen Mittwochmorgen, um 3.17 Uhr Ortszeit, hat das Regime erneut eine ballistische Rakete abgefeuert. Es handelt sich um den 20. Raketentest in diesem Jahr. Nach Angaben des südkoreanischen Militärs flog die Rakete rund 4500 Kilometer hoch und stürzte nach 53 Minuten und rund 900 Kilometern vor der Westküste Japans ins Meer.

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Das klingt zunächst einmal nicht sehr weit. Doch angesichts der Höhe – zehnmal so hoch wie die Umlaufbahn der internationalen Raumstation (ISS) – könnte die Reichweite dieser Rakete US-Experten zufolge bei rund 13 000 Kilometern liegen. Damit würde erstmals die gesamte USA in Reichweite des nordkoreanischen Regimes gelangen.

Nordkoreas Propaganda-Apparat feierte den Raketentest am Mittwoch entsprechend. Die inzwischen weltweit bekannte Nachrichtensprecherin Ri Chun Hee verlas in ihrem traditionell rosafarbenen Gewand die Meldung im Staatsfernsehen mit der für sie typisch bebenden Stimme. „Feuert sie heldenhaft ab für Partei und Vaterland“, zitierte sie den Abschuss-Befehl von Machthaber Kim Jong Un.

Nordkoreas Raketentechnik hat sich rasch entwickelt

Damit sei das historische Ziel erreicht, die atomare Streitmacht des Landes zu vervollständigen. Ri ist eigentlich schon seit Jahren im Ruhestand. Doch für solche Anlässe scheint sie vom Staatssender gerne wieder aktiviert zu werden. Bei dem jüngsten Geschoss handelt es sich um eine Interkontinentalrakete des neuen Typs Hwasong-15.

Bemerkenswert ist nach Ansicht von Militärexperten vor allem, wie rasch sich Nordkoreas Raketentechnik entwickelt hat. Bei der letzten im Juli getesteten Hwasong-14 gingen sie noch davon aus, dass sie eine Reichweite von 6700 Kilometern hat und damit theoretisch die US-Westküste treffen könnte. Nun können die Nordkoreaner fast doppelt so weit schießen.

Nordkorea habe seine jüngste Rakete so hoch geschossen wie nie zuvor, bemerkte denn auch US-Verteidigungsminister James Mattis. Sie bedrohe potenziell jedes Land der Erde. Auffällig verhalten hingegen fiel Trumps Reaktion aus: „Das ist eine Situation, mit der wir umgehen werden“, sagte der US-Präsident. Aber nein, die USA würden ihre Politik nach dem Test nicht ändern.

Drohungen der letzten Wochen, Nordkorea vernichten zu wollen, unterließ er. US-Außenminister Rex Tillerson ließ wissen, dass diplomatische Optionen „gangbar und möglich“ blieben. Ob dahinter die Strategie steckt, nun doch direkte Verhandlungen aufzunehmen, lässt die US-Regierung offen.

Trump und sein Außenminister haben in den vergangenen Wochen widersprüchliche Aussagen gemacht. Mal hat Trump damit gedroht, Nordkorea dem Erdboden gleichzumachen. Bei seinem Besuch in Südkorea Anfang des Monats zeigte er sich dem Regime in Pjöngjang gegenüber jedoch gesprächsbereit.

Warnung vor einer "unkontrollierten Verschärfung"

Auf die Aufnahme diplomatischer Verhandlungen setzt Südkoreas Präsident Moon Jae In. Der liberale Politiker, der erst seit dem Frühjahr das Amt inne hat, setzt anders als seine erzkonservative Vorgängerin auf eine Annäherung an den Nachbarn. Zwar verurteilte er am Mittwoch den Raketentest als „rücksichtslose Provokation“, die seine Regierung nicht hinnehmen werde; zur Warnung schoss das südkoreanische Militär fünf Minuten nach dem Start der nordkoreanischen Rakete drei Raketen ins Meer.

Zugleich warnte Moon jedoch vor einer „unkontrollierten Verschärfung“ – richtete sein Plädoyer allerdings nicht nur an Nordkorea, sondern auch an die USA. „Wir müssen verhindern, dass Nordkorea die Lage falsch einschätzt und uns mit Atomwaffen bedroht, oder dass die USA einen Präventivschlag erwägen könnten.“

Verhaltene Kritik kommt aus Peking: China fordere Nordkorea dringend auf, sich an die Resolutionen des UN-Sicherheitsrats zu halten und „auf Handlungen zu verzichten, die die Spannungen verstärken könnten“, hieß es am Mittwoch aus dem Außenministerium in Peking.

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Musste sich die chinesische Regierung in dem Konflikt zuletzt von Trump vorwerfen lassen, sich in dem Konflikt nicht ausreichend einzubringen, ist sie seit dem Besuch des US-Präsidenten in Peking Anfang November aktiver geworden. Sie schickte ihren ranghohen Sonderbotschafter Song Tao nach Pjöngjang. Doch Machthaber Kim zeigte ihm die kalte Schulter. Er empfing Song einfach nicht.

Sehr viel schärfer griff dieses Mal Russland Nordkorea an. Zum Zeitpunkt des Raketenstarts hielt sich eine russische Delegation in Pjöngjang auf. Präsident Wladimir Putin ließ über seinen Sprecher mitteilen, dass die Parlamentsmitglieder in großer Sorge seien.

Verhandlungen auf Augenhöhe

Er hoffe, dass alle Parteien die notwendige Ruhe bewahrten, um eine Entwicklung auf der koreanischen Halbinsel zum Schlimmsten zu verhindern. Der Test mindere die Chancen für eine Beilegung der Krise. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) verurteilte den Test im Namen der Bundesregierung. „Dies ist ein erneuter Bruch des Völkerrechts durch Nordkorea.“ Trotz der angespannten Lage gibt es von chinesischen Experten die Einschätzung, dass Kim und Trump doch schon bald ins Gespräch kommen könnten.

Schließlich habe Nordkorea das Ziel der atomaren Bewaffnung erreicht. Weitere Tests seien damit überflüssig, sagt der Nordkorea-Experte Xia Liping von der Tongji-Universität in Schanghai. Nun könne das Regime mit den USA in Verhandlung treten – und zwar auf Augenhöhe. Denn außer dem eigenen Machterhalt verfolgt Kim mit seinem Atomprogramm ein weiteres Ziel: Wirtschafts- und Lebensmittelhilfe.

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