Kommentar über Nord- und Südkorea

Kim lacht sich ins Fäustchen

Nordkoreas Strategie folgt einem alten Muster: Die Dynastie der Kims hat Nachbarstaaten und Großmächte immer provoziert, um dann die Ernte in Form von Wirtschaftshilfe einzufahren, schreibt Felix Lee.
19.01.2018, 19:06
Lesedauer: 3 Min
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Kim lacht sich ins Fäustchen
Von Felix Lee
Kim lacht sich ins Fäustchen

Nordkoreanische Sportler dürfen zur Olympia 2018 im südkoreanischen Pyeongchang reisen - und sollen bei der Eröffnung am 9. Februar sogar gemeinsam mit den südkoreanischen Athleten einlaufen.

dpa

Endlich. Nord- und Südkorea reden wieder miteinander. Nach mehr als zweijähriger Funkstille zeigen sich beide Seiten plötzlich gesprächsbereit. Nordkoreanische Sportler dürfen zu den Olympischen Winterspielen anreisen, die in drei Wochen im südkoreanischen Pyeongchang beginnen. Südkoreas Präsident Moon Jae-in wiederum kann in seine lange versprochene Annäherungspolitik einsteigen. Die Kriegsgefahr scheint gebannt.

Dabei schien der Konflikt noch vor drei Wochen verhärteter denn je – ­zumal Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un und US-Präsident Donald Trump sich einen verbalen Schlag­abtausch um den „größten Atomknopf“ lieferten, wie es pubertierende Halbstarke nicht besser hätten tun können. Nun nennt derselbe Trump den nordkoreanischen Diktator in einer atemberaubenden Kehrtwende einen Freund.

Für Südkoreas Präsident ist die Annäherung ein Glücksfall

Was scheinbar völlig überraschend kommt, fällt zumindest von nordkoreanischer Seite in ein langfristiges Muster. Die Dynastie der Kims hat die Nachbarstaaten und die Großmächte immer wieder provoziert, um dann die Ernte in Form von Wirtschaftshilfe einzufahren. Kims versöhnliche Ansprache an Neujahr markierte den Punkt, an dem er von einer Taktik auf die andere umgeschaltet hat. So hatte es sein Vater vor ihm mehrfach gemacht. Es handelt sich um eine kalkulierte Strategie.

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Für Südkoreas Präsident Moon ist der Zeitpunkt des Kurswechsels dennoch ein Glücksfall, weil mit den Olympischen Spielen in einem knappen Monat ein Großprojekt bevorsteht, das erhebliche internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Er muss in dieser Zeit den Gästen aus aller Welt absolute Sicherheit garantieren. Kims Strategie geht voll auf. Moon hat eine Aufhebung der Sanktionen ins Spiel gebracht und denkt selbst über langfristige Gesprächsformate nach. All das, ohne dass Kim auch nur eine einzige Rakete oder Atomwaffe verschrotten musste.

Von konservativen Kräften in Südkorea und den USA werden die Gespräche misstrauisch beäugt: Die Annäherung könne der Versuch des Nordens sein, einen Keil zwischen Südkorea und dessen Schutzmacht USA zu treiben. Die Kritik ist aber unbegründet.

Trump verblüfft

Schon einmal hatte es eine Annäherung gegeben. Im Jahr 2000 begann Südkoreas damaliger Präsident Roh Moo Hyun, ein enger Weggefährte des jetzigen Staatschefs Moon Jae In, mit der Sonnenscheinpolitik, um zu einer friedlichen Konfliktlösung beizutragen. 2007 unterzeichneten Roh und der damalige Staatschef Nordkoreas, Kim Jong Il, sogar eine Friedenserklärung. Die Annäherung endete mit dem Präsidentenwechsel in Seoul zum Hardliner Lee Myung Bak. Wenig später nahm Nordkorea das Atomwaffenprogramm wieder auf.

Sicherlich wäre es die Rolle der USA, auf eine Fortsetzung der Sanktionen zu drängen, bis Kim ernsthaft abrüstet. Doch Trump verhält sich gewohnt naiv und widersprüchlich. Seine Sprüche vom „größeren Knopf“ und von „Feuer und Zorn“ sind auf einmal vergessen. „Ich habe eine sehr gute Beziehung zu Kim“, sagte Trump nun im Interview mit dem „Wall Street Journal“.

Das verblüfft selbst bei Trump, schließlich hatte Kim ihn einen „Tattergreis“ genannt und den USA mit totaler Vernichtung gedroht. Trump wiederum hatte Kim als „klein und dick“, „Raketenmann“ und einen „kranken Welpen“ beschimpft. Gibt es etwa geheime Gesprächskanäle zwischen Trump und Kim, auf denen sich die neue Freundschaft angebahnt hat? Fast sicher nicht. Trump plappert bloß ahnungslos irgendetwas vor sich hin.

Zwei Optionen für Kim Jong-Un

Kim wird sich ins Fäustchen lachen. Es ist trotz alldem eine gute Nachricht, dass sich jetzt wieder das Fenster für Gespräche öffnet. Denn ein Krieg wäre katastrophal. Und ein plötzlicher Zusammenbruch des Regimes ist ein Szenario, das alle Seiten vermeiden sollten. Solange Kanäle nach Nordkorea offen sind, lässt sich auch mehr Einfluss nehmen.

Die größte Hoffnung für Frieden liegt weiterhin im Wandel von innen heraus. Der Weg dahin liegt in Reformen. Kim schwankt noch zwischen zwei Strategien: Er könnte das Volk in Armut halten, weil es dann gefügiger ist. Oder er könnte Reformen im chinesischen Stil einleiten und sich als Genie der Wirtschaftspolitik feiern lassen.

Vorerst bevorzugt er es noch, die Leute arm und ignorant zu halten. Es kommt jetzt darauf an, ihn von den Vorteilen hohen Wachstums und einer Öffnung nach außen zu überzeugen. Chinas Diplomaten arbeiten bereits daran. Auch die westlichen Länder sollten die Chance nicht verstreichen lassen, die die freundliche Zeitspanne des Kim-Kreislaufs bietet.

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