Kakaoanbau in Afrika Kinderarbeit ist auf vielen Plantagen selbstverständlich

Nirgendwo auf der Welt wird so viel Schokolade gegessen wie in der Schweiz und in Deutschland. Kinderarbeit ist auf den Kakao-Plantagen häufig selbstverständlich. Auch Bremer Unternehmen beziehen ihren Kakao aus Afrika.
16.12.2017, 09:50
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Jürgen Bätz und Nico Schnurr

Die neunjährige Moahé hat in der Kakaoplantage ihres Vaters Unkrautvernichtungsmittel versprüht. Morgens und abends schleppte das zierliche Mädchen Wasserbehälter vom Dorfbrunnen nach Hause, die schwerer waren als sie selbst. „Mir hat davon immer der Nacken sehr wehgetan“, erinnert sich das Mädchen. Moahé war bis vor Kurzem eines von rund zwei Millionen Kindern, die in der Elfenbeinküste und in Ghana im Kakaoanbau arbeiten – damit Kunden in Deutschland und anderswo ihre Schokolade genießen können.

"Ich wusste ja nicht, dass die Arbeit etwas Schlechtes ist. Für mich war es normal", sagt Moahé entschuldigend. Doch wo Kinderarbeit anfängt, endet die Kindheit: Sie gefährdet die Gesundheit, kann das Wachstum der Kinder hemmen und schlägt sich in der Regel negativ auf ihre Schulbildung durch. Doch wegen einer Mischung aus Unwissen, Tradition und Armut hält sich die Kinderarbeit in den Dörfern Westafrikas. Von hier kommen rund zwei Drittel des weltweit produzierten Kakaos, der von Herstellern wie Mars, Nestlé, Lindt & Sprüngli, Mondelez, Hachez und anderen verarbeitet wird.

Und nirgends auf der Welt wird so viel Schokolade verzehrt wie in Deutschland und in der Schweiz: jedes Jahr etwa zehn Kilogramm pro Kopf. Allein in Deutschland wurden in diesem Jahr circa 143 Millionen Schokoladen-Nikoläuse und Weihnachtsmänner hergestellt, wie der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie mitteilt. Der Kakao dafür wird meist aus der Elfenbeinküste und Ghana importiert.

Kinderarbeit seit Generationen

Moahé hat in ihrem Leben erst ein einziges Mal Schokolade probieren können. „Sehr süß“, sagt sie mit breitem Grinsen. Die Kakaobohnen dafür kommen etwa aus ihrem Heimatdorf Konan Yaokro im Süden der Elfenbeinküste, doch Geld für Schokolade hat hier kaum jemand. Der Ort mit etwa 500 Einwohnern ist nur über einen holprigen Feldweg zu erreichen, es gibt keinen Strom und kein fließend Wasser. Aber Konan Yaokro verfügt über das ideale, tropische Klima für die begehrte Frucht des Kakaobaums. Moahé, ihre vier Geschwister und ihre Eltern leben hier in einem kleinen Haus auf etwa 20 Quadratmetern Wohnfläche. Davor trocknen die Kakaobohnen in der Sonne.

Auch Moahés Vater hat schon als Kind auf der Kakaoplantage seiner Eltern gearbeitet. Sein Vater habe die Hilfe gebraucht, sagt der heute 35-jährige Fabrice Amangoua. „Ich kann nicht mal meinen Namen schreiben, weil mein Vater mich deswegen nie zur Schule geschickt hat.“ Dieses Los will er seinen Kindern auf jeden Fall ersparen. Doch er dachte sich nichts dabei, als er sie trotzdem etwas arbeiten ließ. „Ich wusste nicht, dass es nicht in Ordnung ist.“

Mit steigenden Bevölkerungszahlen wird die Anzahl der Jungen und Mädchen, die auf Kakaoplantagen arbeiten, immer größer. In der Elfenbeinküste ist deren Zahl zwischen 2009 und 2014 um etwa 50 Prozent auf 1,2 Millionen Kinder gestiegen, wie eine Studie der Tulane Universität in New Orleans im Auftrag des US-Arbeitsministeriums herausfand. In Ghana ging die Zahl der Kinderarbeiter im gleichen Zeitraum leicht auf 0,9 Millionen zurück. Die Studie beruhte auf einer Befragung von knapp 2300 Haushalten in beiden Ländern.

Unfall als Antrieb

Kinderarbeit ist in der Elfenbeinküste eigentlich verboten: schwere Lasten tragen, etwa von Kakaosäcken, giftige Chemikalien wie Insektizide versprühen oder die Handhabung von Macheten zum Unkrautjäten oder Aufschlagen der Kakaofrüchte widersprechen dem Gesetz. Leichte Arbeiten wie Einsammeln einzelner reifer Kakaofrüchte oder die Hilfe beim Trocknen der Bohnen sind aber erlaubt.

Eine der Organisationen, die sich vor Ort für Kinder einsetzen, ist die Internationale Kakaoinitiative (ICI). Sie hat in Konan Yaokro und knapp 2700 weiteren Dörfern ein erfolgreiches System zur Bekämpfung von Kinderarbeit eingerichtet, zumeist im Auftrag von Nestlé.

Lesen Sie auch

Der Dreh- und Angelpunkt des Systems sind in den Dörfern verankerte Mitarbeiter wie Serge Alain Affian. Der 30-jährige Kakaobauer hat in Konan Yaokro für ICI jeden Haushalt besucht, um zu sehen, wie viele Menschen unter einem Dach leben und was sie machen. Dabei erklärt er, wieso Kinderarbeit schlecht ist und wie ICI ihnen helfen kann.

„Ein Kind muss beschützt werden und gehört in die Schule“, sagt Affian. Alle Daten seiner Gespräche mit Eltern und Kindern sowie über die Besuche von Häusern und Plantagen werden von ihm penibel in einer Smartphone-App erfasst. Wenn es wie bei Moahé Fälle von Kinderarbeit gibt, arbeitet er zusammen mit ICI eine Lösung aus, etwa um die Kinder wieder in die Schule zu bringen.

Für Affian ist das eine Herzensangelegenheit. Er hat als Kind auf der Plantage seines Vaters gearbeitet, als seinem Bruder die Machete ausrutschte und ihn mit voller Wucht am Unterarm erwischte. „Danach konnte ich nicht mehr in die Schule gehen. Ich konnte nicht mal mehr einen Kugelschreiber halten“, sagt Affian. „Das soll keinem anderen Kind mehr passieren.“

Um sicherzustellen, dass keine Kinder auf den Plantagen schuften, arbeitet ICI Hand in Hand mit den Abnehmern der Bauern, den Kooperativen. Der Kakao aus Konan Yaokro etwa geht über eine Kooperative im nahen N'Douci an den US-Rohstoffhändler Cargill, der den Kakao dann an Nestlé verkauft. Der zuständige Nestlé-Manager Yann Wyss sagt: „In unserer Lieferkette darf es keine Kinderarbeit geben.“

Lesen Sie auch

Keine Garantie gegen Kinderarbeit

Auch bei Milka-Hersteller Mondelez haben sie sich das zum Ziel gesetzt. Der internationale Konzern, dessen deutsche Zentrale in Bremen liegt, will bis 2022 etwa 400 Millionen US-Dollar investieren, um die Lebensumstände der Kakaobauern in Westafrika zu verbessern. „Cocoa Life“ haben sie ihr Programm genannt, es soll den Bauern ein besseres Einkommen sichern, die Infrastruktur verbessern – und der Kinderarbeit so die Grundlage entziehen. Auch eine Organisation hat der Konzern beauftragt, um die Situation der Kinder in Dorfgemeinschaften zu prüfen.

Hachez wählt einen etwas anderen Weg. Der Bremer Schokoladenhersteller bezieht seinen Kakao vor allem aus Ecuador und Ghana. Seit vielen Jahren engagiert sich das Unternehmen im westafrikanischen Land. „Hachez hat schnell gemerkt: Allein mit Geld und Verboten wird man Kinderarbeit nicht bekämpfen können“, sagt Christian Strasoldo. Seit Kurzem ist er neuer Geschäftsführer von Hachez und glaubt, dass sich Kinderarbeit nur verhindern lässt, wenn es Alternativen vor Ort gibt.

Gemeinsam mit dem Mutterkonzern Toms Group habe Hachez in Ghana Schulen gebaut und Straßen, die zu den Schulen führen. Man habe Lehrer ausgebildet und ein „Sicherheitsnetz von Elterngemeinschaften“ geschaffen, die Farmer zur Rede stellten, wenn sie Kinder beschäftigen. „Wir trainieren die Gemeinschaft, Kinderarbeit zu vermeiden“, sagt Strasoldo. Die Farmer müssten mehr verdienen, lösen lasse sich das Problem aber nur, wenn auch die Gemeinschaft im Dorf die Rechte von Kindern akzeptiere und anerkenne, dass ihre Ausbildung wichtig sei, sagt der Hachez-Geschäftsführer.

Strasoldo glaubt, dass der Ansatz seines Unternehmens funktioniere. Dass Hachez die Strukturen, die zu Kinderarbeit führten, wirksam bekämpfe. In Ghana sei längst noch nicht alles gut. „Aber wir haben den Prozess, dass Kinderarbeit dort keine Rolle mehr spielt, inzwischen sehr weit getrieben“, sagt Strasoldo. Zwar könne man nicht garantieren, dass in Einzelfällen doch mal ein Kind auf dem Feld arbeite. „Aber inzwischen können wir uns ganz sicher sein, dass das von der Gemeinschaft vor Ort nicht mehr geduldet wird.“

In Konan Yaokro war das Durchsetzen der Regeln gegen Kinderarbeit zunächst schwierig. „Die Eltern haben gesagt, sie brauchen die Hilfe ihrer Kinder, sie schaffen es nicht allein“, sagt Affian. Doch die Akzeptanz stieg, sobald die Bewohner sahen, dass ICI auch Hilfe anbot.

Die Organisation hat in der Elfenbeinküste eigenen Angaben zufolge bereits rund 1400 Klassenzimmer renoviert oder neugebaut. Die Organisation kann zudem bei der Bezahlung der Schulgebühren helfen. Um zu verhindern, dass Kleinkinder mit auf die Felder genommen werden, hat ICI in einigen Dörfern auch einen Kindergarten eingerichtet.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+