Zur Lage der Kinder in Zeiten von Corona

Pause von den Belastungen in der Gruppenbetreuung

Es gab während des Lockdowns weniger Stress in den meisten Familien, die Ernährung der Kinder war besser, die Kinder hatten mehr Bewegung, meint unsere Gastautorin Erika Butzmann.
25.10.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Erika Butzmann

Unabhängig von der sich zuspitzenden Corona-Lage soll hier ein Blick hinter die Kulissen geworfen werden, und zwar zum Thema Kindheit während des Lockdowns. Über das Befinden der Kinder wurde viel spekuliert, nichts erforscht. Lediglich durch Online-Elternbefragungen wurde ein negatives Bild gezeichnet, wonach es besonders den Kita-Kindern schlecht erging. In den Medien wurde berichtet, dass diese Kinder in ihrer sozialen, kognitiven und psychischen Entwicklung geschädigt werden, weil sie nicht in die Kita können. Einmal abgesehen davon, dass dieses Bild mit der Realität kaum etwas zu tun hatte, wurde damit den Eltern jede Erziehungs- und Beziehungsfähigkeit abgesprochen.

Zum Glück gab es auch Studien, die über Zufriedenheit mit der Homeoffice-Situation von der Mehrheit der Eltern berichteten, beziehungsweise die feststellten, dass drei Viertel der Familien das ständige Zusammensein überwiegend gutgetan hat. Warum wurde dies in den meisten Medienberichten unterschlagen? Warum wurde die Minderheit der Kinder, die aufgrund ihrer prekären Familiensituation nicht von dem Zusammensein mit den Eltern profitieren konnten, zur Mehrheit gemacht? Will niemand sehen, warum es den meisten Kita- und Grundschulkindern während des Lockdowns gut erging?

Die Gründe dafür sind klar: Kinder unter zwei Jahren sind von ihrer Entwicklung her nicht für eine Fremd- und Gruppenbetreuung geeignet. Kindergarten- und Grundschulkinder sind aus gleichem Grund nicht für eine Nachmittagsbetreuung geeignet, weil sie für eine gute Entwicklung noch viel freie Zeit in der Familie benötigen. Es gab während des Lockdowns weniger Stress in den meisten Familien, die Ernährung der Kinder war besser, die Kinder hatten mehr Bewegung, auch wenn die Freunde nicht ausreichend zur Verfügung standen. Erst die Kinder ab elf Jahre haben wirklich unter den fehlenden Freundeskontakten gelitten, weil diese für ihre Entwicklung wichtig sind.

Am besten erging es nachweislich den meisten Krippenkindern, die drei Monate Pause von den Belastungen in der Gruppenbetreuung hatten. Weil diese emotionalen Belastungen Folgen für die spätere psychische Gesundheit haben, wurde im Sommer ein Aufruf an die Familienpolitik gestartet, in dem 250 Kindheitsexperten eine Wende in der Frühbetreuung forderten. Doch diese Fachleute wurden nicht angehört. Warum? Weil das Schreckgespenst der Retraditionalisierung und die Forderungen der Wirtschaft das verhinderten. Beides missachtet existenzielle Bedürfnisse dieser Kinder.

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Zur Person

Unser Gastautor

ist Erziehungswissenschaftlerin und Entwicklungspsychologin. Sie ist seit über 30 Jahren in der Weiterbildung und Beratung von Eltern und Erzieherinnen im Umland und in Bremen tätig.

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