„Tolle Aufgabe für Architekten“ Kirchen-Neubauten: Spektakulär - und manchmal auch umstritten

Eine Vielzahl von Kirchen ist in den vergangenen Jahren geschlossen worden - doch es entstehen auch neue. Und die sind architektonisch gewagt, anspruchsvoll und manchmal auch umstritten.
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Kirchen-Neubauten: Spektakulär - und manchmal auch umstritten
Von Silke Hellwig

Das Gebäude ist alles andere als unauffällig. Seine Architektur zieht Aufmerksamkeit auf sich, es erinnert entfernt an den Berliner Hauptbahnhof, es handelt sich aber um einen Sakralbau. Die Herz-Jesu-Kirche in München-Neuhausen wurde im Jahr 2000 eingeweiht. Laut Pressemitteilung des Bistums galt sie seinerzeit „als richtungweisend für den Sakralbau des 21. Jahrhunderts“. Der Neubau war nötig, weil die Vorgängerkirche abgebrannt war.

Nicht nur die Architektur jüngerer Museumsbauten oder öffentlicher Gebäude wie Ministerien oder Botschaften kann aufsehenerregend ausfallen, sondern auch die von modernen Sakralbauten. Im Stadtportal wird die Münchner Kirche wie folgt beschrieben: „Einzigartig ist die Konstruktion des äußeren blauen Glaskastens, der einen inneren hölzernen Kubus bekleidet, ohne mit diesem verbunden zu sein. Die 14 Meter hohe Eingangsseite lässt sich wie ein riesiges Portal vollständig öffnen.“

Katholische und evangelische Neubauten wachsen empor

Wie passen Kirchen-Neubauten in eine Zeit, in der die Volkskirchen über Bedeutungsverlust und Gemeindemitgliederschwund klagen? Tatsächlich wurde in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von Kirchen geschlossen, verkauft oder umgenutzt. Allein in Hamburg, berichtete das „Hamburger Abendblatt“ vor zwei Jahren, gab die evangelische Kirche zwischen 2003 und 2015 elf Gotteshäuser auf. Neubauten für Gläubige diverser Konfessionen entstehen dennoch weiterhin – durch fusionierte oder auch wachsende Gemeinden; hier müssen Kirchengebäude ersetzt, da an heutige Anforderungen angepasst werden.

Für Aufsehen und Schlagzeilen sorgen oft Neubauten von klassischen Moscheen, wie in Gießen (Eröffnung im August) oder demnächst in Erfurt erwartet, selten aus architektonischen Gründen. Vor einigen Jahren resümierte die Deutsche Islam Konferenz: „Über 100 islamische Gotteshäuser und Moscheen werden in Deutschland derzeit geplant, genehmigt oder bereits gebaut – mehr als je zuvor. Immer mehr muslimische Gemeinden verlassen die bislang provisorisch genutzten Räume.“

Doch auch katholische und evangelische Neubauten wachsen empor, die Herz-Jesu-Kirche ist laut Erzbischöflichem Ordinariat München nicht etwa die jüngste im Erzbistum. In der Gemeinde Poing entsteht bis 2018 eine neue Kirche, die alte sei zu klein geworden, so das Ordinariat. Laut „Süddeutscher Zeitung“ sind Ausgaben in Höhe von 14,6 Millionen Euro eingeplant.

„Ein Kirchenbau ist eine tolle Aufgabe für Architekten“

Das ist nur ein Beispiel aus einer ganzen Reihe von Neubauprojekten der katholischen Kirche, wie die 27 Bistümer und Erzbistümer berichten: Die jüngste Kirche im Bistum Hildesheim ist die Heilig-Kreuz-Kirche in Hannover-Altwarmbüchen, sie wurde Anfang dieses Jahres geweiht. In Leipzig entstand 2015 die Propstei St. Trinitatis, in Vechta vor wenigen Jahren die ökumenische Kirche am Campus an der Universität. In Augsburg wurde ein neues Kloster des Ordens der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul mit Wohn- und Pflegeheim gebaut. Im Bistum Paderborn wurde in diesem Jahr eine „vollständig neu konzipierte ‚Kirche der Annäherung‘“ in Hardehausen eröffnet. In Schillig (Wangerland) erhebt sich seit 2012 die St. Marien-Kirche, in Eschborn wurde vor wenigen Tagen eine neue katholische Kirche samt Gemeindezentrum und Kindertagesstätte geweiht. Die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) bilanziert in ihrer jüngsten Übersicht (Stand 2015) 20 516 Kirchen bundesweit, 332 seien um-, ungenutzt oder vermietet. Von 1990 bis 2015 seien 272 „Kirchen und Gottesdienststätten“ verkauft, 105 abgerissen worden. Unter „Neubau“ summiert die EKD 391, unter „Sanierung, Schenkung, Zukauf oder Weiteres“ 162 Objekte. Die jüngste evangelische Kirche in Bremen stammt aus dem Jahr 1977, es ist laut Sabine Hatscher, Sprecherin der Bremischen Evangelischen Kirche, die Kirche am Himmelskamp in Bockhorn. Das jüngste katholische Gebäude ist die Birgitten-Kapelle im Schnoor, sie wurde vor 15 Jahren eingeweiht, so Martina Höhns vom katholischen Gemeindeverband in Bremen.

Sakralbauten stellen für Architekten eine besondere Aufgabe dar, sagt Oliver Platz, Präsident der Architektenkammer Bremen. Platz ist Geschäftsführer der Architektengesellschaft namens „Gruppe OMP“, die selbst einen Sakralbau verwirklicht hat: die Neuapostolische Kirche der Gemeinde Hannover-Süd mit „Lichtturm“ und zwei angeschlossenen Wohngebäuden, Ende 2015 eingeweiht. Anlass für den Neubau war die Zusammenlegung mehrere Standorte, so Platz. „Ein Kirchenbau ist eine tolle Aufgabe für Architekten, weil das Raumerlebnis eine große Rolle spielt“.

„Der Raum muss eine besondere Aura haben“

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) stellte vor einigen Jahren fest: „Dass Kirchen architektonische Leckerbissen sein können, liegt auf der Hand: Diese Bauten müssen sich nicht ,rechnen‘. Sie stehen unter keinem finanziellen Erfolgszwang und erlauben darüber hinaus dem Architekten, sich mit Raum, Inszenierung und sakraler Überhöhung eine Eintrittskarte für die Hall of Fame im internationalen Architekturhimmel zu sichern.“

„Sakralbauten verstehen sich heute als Ort der Gemeinschaft“, sagt Platz, sie müssten multifunktional sein. Damit sei es nicht getan: „Der Raum muss eine besondere Aura haben, die nicht alltäglich ist und Ruhe und Konzentration ermöglicht“. Dabei spiele nicht nur die Architektur selbst eine Rolle, sondern auch die Materialien, das Licht, die Akustik seien wichtig. Zudem müssten sich die Gebäude mit ihrer Nachbarschaft vertragen.

Die FAZ zitierte den Hamburger Kirchbaumeister Bernhard Hirche: „Einerseits sind Kirchen heute bautechnisch so anspruchsvoll wie Konzertsäle. Andererseits ist eine immense Sehnsucht nach sakralen Räumen zu verzeichnen. Das heißt, dass die neuen Kirchen anders als früher mehr an die Sinne als an den Intellekt appellieren.“

Über die architektonische Entfaltung freikirchlicher Gemeinden gibt es laut der Bundesgeschäftsstelle des Bunds Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland kein „belastbares Zahlenmaterial“. Nach grober Schätzung habe es in den vergangenen 20 Jahren bundesweit rund 300 bis 400 freikirchliche Bauprojekte gegeben. Es gibt einen „Arbeitskreis Architektur und Freikirche“, der in unregelmäßigen Abständen einen eigenen Architekturpreis vergibt.

Mit Preisen bedacht wurde der Entwurf für die katholische „Kirche am Meer“ in Schillig, Friesland. 4,7 Millionen Euro flossen laut „Wilhelmshavener Zeitung“ in das Gebäude, das an eine enorme Welle erinnern soll, die 20 Meter in die Höhe ragt. Die Bevölkerung hat für den Bau, der vor fünf Jahren geweiht wurde, eigene Namen gefunden: „Jesus‘ Badelatschen“ und „God‘s Halfpipe“.

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