Kommentar zu Joe Biden

Retter der amerikanischen Seele

Joe Biden ist offiziell als Herausforderer von Amtsinhaber Donald Trump benannt worden. Er gilt als der Hoffnungsträger schlechthin, nicht von ungefähr, meint Thomas Spang.
22.08.2020, 05:00
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Retter der amerikanischen Seele
Von Thomas Spang
Retter der amerikanischen Seele

Präsidentschaftskandidat Joe Biden hielt eine kraftvolle Rede auf dem virtuellen Parteitag der Demokraten.

Andrew Harnik /AP /dpa

Auf dem ersten virtuellen Parteitag in der Geschichte der USA stand Joe Biden vor einer doppelten Aufgabe. Er musste die Demokraten für den Wahlkampf motivieren und den Amerikaner zeigen, warum sie ihn zum nächsten Präsidenten wählen sollen. Nach diesen vier Tagen gibt es wenig Zweifel, dass es keinen besseren Kandidaten gibt, „die Dunkelheit zu überwinden“, die Amerika in diesen Tagen der Pandemie umgibt, als den guten Menschen aus Delaware.

Während die Kandidatur des 77-jährigen ehemaligen Vizepräsidenten Barack Obamas vor Ankunft des tödlichen Virus wenig Sinn zu machen schien, sieht die Situation fast sechs Millionen Infizierte und mehr als 171.000 Tote später anders aus. Der Grund dafür findet sich in der von Schicksalsschlägen gezeichneten Lebensgeschichte Bidens. Als stotterndes Kind einer irisch-katholischen Arbeiterfamilie erduldete „Joey“ in der Schule, von anderen gehänselt zu werden. Mit eisernem Willen und der Unterstützung seiner Familie überwand er seine Angst. Mit 29 Jahren wurde er als jüngster Politiker in den Senat gewählt.

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Seinen historischen Sieg konnte er nicht feiern: Er verlor seine erste Frau und Tochter bei einem Autounfall. Wie der Beginn seiner politischen Laufbahn fast an dieser Tragödie scheiterte, drohte der Tod seines geliebten Sohns Beau im Alter von nur 46 Jahren sie 2015 zu beenden. Der Vizepräsident überließ Hillary Clinton den Vortritt bei der Präsidentschaftskandidatur. In beiden Fällen gab Biden nicht auf. Das Stehaufmännchen versuchte, in dem schmerzhaften Verlust einen tieferen Sinn zu erkennen. Biden fand seine Bestimmung im öffentlichen Amt, das er nicht als Spielwiese für einen Egotrip, sondern als Dienst an anderen versteht.

Während des virtuellen Parteitags legten unzählige Menschen bewegend Zeugnis für einen ab, der zuhört, wenn es drauf ankommt, Fremden in Not seine private Telefonnummer gibt, Kompromisse vermittelt und Trauende tröstet. Genau das macht Bidens Kandidatur zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte der USA so stimmig. Biden bietet sich als Heiler einer verwundeten Nation an. Einer, der verspricht, wie Ehefrau Jill es auf den Punkt brachte, für die Amerikaner zu tun, was er für seine eigene Familie getan hat.

Michelle mit einem Obama Weckruf an Amerika

Der Parteitag legte den Kontrast zum Charakter des Amtsinhabers offen. Er entblößte Trumps „Es-ist-was-es-ist“-Zynismus und zeigte mit dem Finger auf seine Überforderung im Amt. Geschickt überließ es Biden der ehemaligen First Lady Michelle Obama, einen Weckruf an Amerika über die Gefahren vier weiterer Trump-Jahre im Weißen Haus auszustoßen. Gefolgt von der Warnung des ersten schwarzen Präsidenten im Weißen Haus vor dem Ende der Demokratie in Amerika.

In seiner starken Kandidatenrede zum Abschluss des Parteitags führte er alle Fäden zusammen. Biden präsentierte sich nicht bloß als einer, der Antworten auf die vier Krisen der Corona-Pandemie, des strukturellen Rassismus, der Massenarbeitslosigkeit und des Klimawandels hat. Er bietet sich am 3. November als Retter der Seele der Nation an. Konkret, kraftvoll und konzentriert präsentierte er sich als solide Alternative zum Amtsinhaber.

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Der Versuch Trumps, Biden einerseits zum „schläfrigen Joe“ abzustempeln, der seine Fakultäten nicht mehr beisammen hat, und ihn gleichzeitig als Gefangenen der radikalen Linken zu stilisieren, geht nicht auf. Es ist nicht einmal eine Karikatur des Kandidaten, weil die Darstellung nichts mit der Realität zu tun hat.

Auch letzte Zweifel sind verflogen

Parteitage waren schon immer „Infomaterials“ der Kandidaten. Das von Biden ließ sich unter den Bedingungen einer außer Kontrolle geratenen Pandemie kaum besser komponieren. Nach seinem überzeugenden Finale braucht sich der Präsidentschaftskandidat der Demokraten nicht um Geschlossenheit und Energie in den eigenen Reihen zu sorgen. Auch letzte Zweifel, ob er der Richtige ist, sind verflogen.

Die Amerikaner haben weder Lust auf Chaos noch auf Revolution. Sie suchen in diesen unsicheren Tagen nach einem anständigen Präsidenten, der echtes Mitgefühl zeigt und Normalität verspricht – einen Tröster der Nation. Joe Biden hat auf dem Krönungsparteitag bewiesen, dass er genau der Richtige für diesen Job ist.

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