Norbert Holst über den Kurs der Grünen Kommentar: Quo vadis, Grüne?

Mit den Verhandlungen über eine grün-schwarze Koalition schreibt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann Geschichte. Im Gegensatz zur Konkurrenz haben die Grünen einen Riesenvorteil.
10.04.2016, 00:00
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Kommentar: Quo vadis, Grüne?
Von Norbert Holst

Mit den Verhandlungen über eine grün-schwarze Koalition schreibt Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann Geschichte. Im Gegensatz zur Konkurrenz haben die Grünen einen Riesenvorteil.

Das ist ein echter Hammer: Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat es nach monatelanger Abstinenz wieder auf die Liste der zehn wichtigsten Politiker Deutschlands geschafft – und landete prompt auf Platz eins.

Das ist der Lohn für die Revolution, die momentan im Schwabenland vonstatten geht: Mit den Verhandlungen über eine grün-schwarze Koalition schreibt der grüne Superstar Geschichte. Wer hätte das gedacht: Nach der Bundestagswahl 2013 galten die von beiden Seiten durchaus ernsthaft betriebenen Sondierungsgespräche schon als politische Sensation. Und jetzt: Die einst erfolgsverwöhnte CDU im Ländle überlegt ernsthaft, als Juniorpartner mit der Ökopartei in eine Koalition zu gehen. Das erste grün-schwarze Bündnis der Republik würde die politische Landschaft merklich verändern. Baden-Württemberg könnte zu einem Testlauf für die Bundestagswahl 2017 werden.

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Kretschmanns Triumph ist der Lohn für eine pragmatische Politik, die fern jeglicher Dogmen auch mal den Parteifreunden gehörige Bauchschmerzen bereitet – siehe seine Zustimmung im Bundesrat zu den sicheren Herkunftsländern in der Flüchtlingskrise. Mit seiner Geradlinigkeit wurde der Oberrealo zum Prototyp des populären Landesvaters. Von der scharfen Debatte um den Stuttgarter Hauptbahnhof bis hin zu Angela Merkels Flüchtlingskurs machte Kretschmann klare Ansagen – und widerstand wie ein Fels in der Brandung populistischen Versuchungen.

Für diese Haltung haben ihn die Wähler im März belohnt. Ohne ihn wären die Grünen niemals auch nur annähernd an die 30-Prozent-Marke gekommen.

Kretschmanns Triumph wirft aber auch Fragen auf, die vielen in den eigenen Reihen nicht schmecken dürften. Sollte sich die Partei hin zur bürgerlichen Mitte öffnen, um den Acht-bis-zehn-Prozent-Bunker in bundesweiten Umfragen endlich zu knacken? Oder wollen die Grünen auf ihren Wurzeln beharren und weiter für lupenreine ökologische und soziale Ziele streiten?

Klar, die Grünen sind – auch wenn es ein „Spiegel“-Titelblatt nach der Atomkatastrophe von Fukushima suggerierte – trotz Kretschmann-Hypes nicht die neue Volkspartei. Aber im Gegensatz zur politischen Konkurrenz haben sie einen Riesenvorteil: Während CDU, CSU und SPD um ihre angestammte Klientel kämpfen müssen, haben die Grünen ein ausbaufähiges Potenzial hin zur Mitte. Das ist die Botschaft von Kretschmanns Erfolg im Südwesten.

Die Basis der Partei hat diese Chance schon lange erkannt. Auf höherer Ebene hingegen tut man sich schwer damit. Gerade Partei-Promis verzetteln sich allzu gern im Ringen um die urgrüne Lehre. Wofür die Bremer Grünen immer wieder bemerkenswerte Beispiele liefern: Die mögliche Freigabe von Cannabis oder der Kampf gegen Homophobie sind bemerkenswerte Ansätze. Aber, die Frage sei erlaubt, sind es wirklich die drängenden Probleme des Landes Bremen oder gar der Republik? norbert.holst@weser-kurier.de

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