Kommentar über Diskurse

Wenn Toleranz nur für die eigene Meinung gilt

Wer ständig Toleranz einfordert, sollte auch selbst andere Meinungen aushalten können. Kleine, aber lautstarke Gruppen dürfen nicht über die Grenzen des Diskurses bestimmen, meint Ben Zimmermann.
04.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Wenn Toleranz nur für die eigene Meinung gilt
Von Ben Zimmermann
Wenn Toleranz nur für die eigene Meinung gilt

Kabarettistin Lisa Eckhart wird des Antisemitismus, des Rassismus und der Homophobie bezichtigt.

Hans Punz /dpa

Es sind nur drei Silben, doch mit diesem einen Wort lassen sich Debatten mitunter vorentscheiden. Wer einen Wissenschaftler, Künstler, Journalisten oder Politiker „umstritten“ nennt, hat ihn quasi im Handstreich gebrandmarkt und in die politische Ecke der Schmuddelkinder geschoben, mit denen man sich besser nicht abgibt. Das Adjektiv lässt sich ziemlich willkürlich einsetzen. Die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter, die Schriftstellerin und frühere DDR-Dissidentin Monika Maron, die Kabarettisten Dieter Nuhr und Lisa Eckhart oder die Autorin J. K. Rowling sind Beispiele aus jüngster Zeit, denen dieser Stempel verpasst wurde.

Was die Genannten bei aller Unterschiedlichkeit gemein haben: Sie vertreten Positionen, die in Teilen des kulturell dominierenden Milieus als anstößig empfunden werden. Und es sind meist Fragen der Identitätspolitik, die für Aufregung sorgen. Rassismus, Sexismus, Islamophobie, Antisemitismus, angebliche Nähe zu Rechten – mit diesen Vorwürfen sind die Ankläger schnell bei der Hand. Gestrichene Auftritte, boykottierte Veranstaltungen oder die Kündigung durch den eigenen Verlag sind die Folgen.

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Das Ausgrenzen missliebiger Meinungen, das bewusste Abwürgen von Debatten – bekannt unter dem Stichwort Cancel Culture – ist aus den USA längst nach Europa geschwappt. Diesseits wie jenseits des Atlantiks geht es an den Universitäten, eigentlich ein Hort des offenen Meinungsstreits, besonders radikal zu. Selbst linksliberale Professoren beklagen eine zunehmende Intoleranz, die von kleinen, aber lautstarken Gruppen forciert wird.

Verstärkt von ihren Twitter-Communitys dominieren die Wächter der politischen Moral inzwischen viele gesellschaftliche Diskurse, auch wenn sie in der Minderheit sind. Sie setzen das Framing, geben also die gewünschte Einordnung vor. Was früher links war, wird jetzt als neue Mitte definiert. Nach dieser ­Logik ist alles Nichtlinke rechts – und damit schnell tabu.

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Dissidenten aus dem eigenen Milieu

Es scheint eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die politische Linke, die früher gar nicht hitzig genug streiten konnte, auf einmal so mimosenhaft reagiert, und dass man heutzutage eher mit konservativen Positionen provoziert statt mit linken. Dabei muss man gar nicht konservativ sein, um die zunehmende ­Intoleranz derjenigen, die ständig Toleranz fordern, einengend zu finden. Ein bisschen ur-grünes Rebellentum reicht schon, und deshalb sind es oft Dissidenten aus dem eigenen Milieu, die sich auflehnen – und mit entsprechenden Shitstorms rechnen müssen.

Dabei ist die Gesellschaft schon lange viel weiter, als es glauben gemacht wird. Debatten, die früher im überschaubaren Milieu der taz-Leserinnen und -Lesern geführt wurden, sind längst im Mainstream angekommen. Homo-Ehe? Kein Aufreger mehr. Drittes Geschlecht? Längst gesetzlich geregelt.

Um die trotzdem wachsende Gereiztheit zu rechtfertigen, wird der Bereich des Anstößigen ständig erweitert. Die Rassismus-Definition beispielsweise ist inzwischen so überdehnt, dass ein Großteil der Bevölkerung verdächtig erscheint. Wer das Wort „Farbige“ benutzt, ist schon in die Falle getappt. Politisch korrekt wäre „Person of Colour“ (PoC), obwohl es sinngemäß das Gleiche bedeutet. Dass das außerhalb der eigenen Blase niemand mehr versteht, stört die neuen Tugendwächter nicht.

Der Diskurs gehört in die gesellschaftliche Mitte

Diese Haltung ist Gift für gesellschaftliche Debatten. Natürlich: Mit Nazis muss man nicht diskutieren. Doch nicht alle rechts von der SPD sind gleich Nazis. Man ist nicht automatisch antifeministisch, wenn man Gendersternchen für eine Zumutung hält. Man wird nicht sofort zum Leugner des Klimawandels, wenn man die Begeisterung für Fridays for Future nicht teilt. Und man ist noch lange nicht islamophob, nur weil man im Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung der Frau sieht. Der Diskurs, auch und gerade der polarisierende, gehört in die gesellschaftliche Mitte, sonst kapert ihn der politische Rand.

Denn die Pointe der Cancel Culture ist eine bittere: Während sich die Kulturrevolutionäre an den Abweichlern abarbeiten, wüten die wirklichen Rassisten ungeniert weiter, wie nicht zuletzt Donald Trumps Anhänger beweisen. Die überbordende politische Korrektheit leitet viel mehr Wasser auf deren Mühlen als eine unbotmäßige Formulierung, die die Sprachwächter in Rage versetzt.

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