Kommentar über Jom Kippur

Versöhnen und verteidigen

Versöhnung ist keine Utopie. Aber sie braucht das Klima einer wehrhaften Demokratie, um überhaupt stattfinden und gedeihen zu können, meint Joerg Helge Wagner zum Jom-Kippur-Fest.
27.09.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Versöhnen und verteidigen
Von Joerg Helge Wagner

Beim hebräischen Wort Jom Kippur denken ältere Deutsche fast automatisch den Zusatz „Krieg“ mit. Der Jom-Kippur-Krieg, das war im Oktober 1973, als ägyptische Truppen am höchsten jüdischen Feiertag Israel angriffen, die Bar-Lev-Linie überrannten und den halben Sinai zurückeroberten – bevor sie nach kurzem, aber verlustreichen Krieg wieder zurückgedrängt wurden. Wenige Jahre später haben beide Staaten Frieden geschlossen. Für die damaligen Staatschefs Anwar al-Sadat und Menachem Begin – absolut keine Tauben – konnte man sogar von Versöhnung sprechen. Fest der Versöhnung, das ist auch die Bedeutung von Jom Kippur.

Leider ist der Nahe Osten in den vergangenen Jahrzehnten nicht friedlicher geworden, und das Leben für die jüdischen Gemeinden nicht sorgloser – in Deutschland wie auf der ganzen Welt. Sie werden oft gleichsam in Haftung genommen für das Handeln der israelischen Regierung; für gewaltbereite Judenhasser sind Synagogen und andere Einrichtungen bevorzugte Ziele. Das gilt für Nazis wie für Islamisten, wie die Anschläge von Halle im vorigen Jahr oder von Düsseldorf anno 2000 zeigten.

Lesen Sie auch

Versöhnung als Utopie? Mit Leuten, die das Judentum als „Rasse“ und „minderwertig“ betrachten, ist Versöhnung unmöglich. Ebenso mit Menschen, die den jüdischen Staat Israel vernichten wollen. Gegen diese extremistischen Minderheiten muss vielmehr der Gedanke der Versöhnung verteidigt werden. Das darf eine offene Gesellschaft nicht nur den Sicherheitsbehörden überlassen. Sofortiger und lauter Widerspruch von jedem ist gefordert, wenn antisemitisch gehetzt wird. Notfalls auch eine Strafanzeige – das ist keine Denunziation, sondern gelebte wehrhafte Demokratie.

Deren Klima braucht es, damit Versöhnung gedeihen kann, auf allen Ebenen. In Marburg wurde jetzt der Verein „Gemeinsam für Jüdisch-Muslimischen Dialog“ vorgestellt – zum muslimischen Aschura-Fest, das wiederum seine Wurzeln im Jom Kippur hat. Moses, Noah und Hiob werden auch im Koran als die Propheten Musa, Nuh und Ayyub geehrt. „Wissen ist das Gegengift zu Vorurteilen“, sagt Monika Bunk, die jüdische Mitgründerin des Vereins. Und Bilal El-Zayat, ihr muslimischer Gründungspartner, betont: „Wir werden den Nahostkonflikt nicht in Marburg lösen.“ Natürlich nicht. Es ist schon viel, wenn er nicht auch noch in unsere Städte getragen wird.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+