Kommentar zum Vergleich mit Sophie Scholl Widerstand aus der Komfortzone

Dass manche „Querdenker“ das Vokabular aus der Zeit des Nationalsozialismus bemühen und Jana aus Kassel sich wie Sophie Scholl fühlt, ist nicht nur geschmacklos, sondern auch beunruhigend, meint Silke Hellwig.
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Widerstand aus der Komfortzone
Von Silke Hellwig

Damit hätte Jana aus Kassel nicht gerechnet: dass ihr Auftritt bei einer Demo sogenannter Querdenker in Hannover bundesweit ein derart großes Echo auslösen würde. Allerdings ist es nicht von der Art, die ihr gefallen kann. Sie fühle sich wie Sophie Scholl, sagte sie, „weil ich seit Monaten aktiv im Widerstand bin“. Nicht nur damit hat sie sich diskreditiert. Ihre Reaktion auf die Kritik eines Ordners, der sich wegen dieses haarsträubenden Vergleichs von der Demo verabschiedete, lässt ebenfalls tief blicken: Wie ein bockiges Kind warf sie Mikro und Redemanuskript hin und verließ die Bühne.

Geschichtsignoranz sowie Bildungslücken sind nichts Neues. Hin und wieder liest man von Menschen, die in der Öffentlichkeit tätig waren, bis sie eine Entgleisung oder Geschmacklosigkeit vom Arbeitsplatz katapultierte. Eine TV- und eine Radio-Moderatorin scherzten mit dem Satz „Arbeit macht frei“. Prinz „Trouble Harry“ trug auf einer Kostümparty eine Nazi-Uniform.

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Im Falle Jana aus Kassel und der Elfjährigen, die sich bei einer „Querdenker-Demo“ in Stuttgart mit Anne Frank verglich (weil das arme Ding seinen Geburtstag heimlich mit Freunden feiern musste), liegt die Sache doch etwas anders: Der Hinweis auf vermeintliche Parallelen entblößt mehr als eine Verharmlosung der Gräuel des Nationalsozialismus. Die beiden haben die Legende bedient, an der zumindest ein Teil ihrer Mitstreiter bewusst strickt. Das Vokabular stammt aus den dunklen Kapiteln im Geschichtsbuch, die sich um die Machtergreifung der Nazis drehen: Das Virus komme der Regierung gelegen, um Grundrechte auszuhebeln, das Volk zu unterdrücken und eine Corona-Diktatur einzurichten. Von Ermächtigungsgesetzen ist die Rede, von Gleichschaltung der Medien. Kochbuch-Autor Attila Hildmann kündigte gar an, sich in den Untergrund zurückzuziehen: „Gehe ich im Kampf für unsere Freiheit drauf, dann nur mit Waffe in der Hand und erhobenen Hauptes.“

Kultureller Niedergang

Das ist natürlich Blödsinn, zeugt von Selbstüberschätzung und womöglich auch von kulturellem Niedergang: 75 Jahre Freiheit, Frieden und Wohlstand, mehrere Jahrzehnte der Selbstverwirklichung und Individualisierung, der Tabu-Brüche und Ich-Bezogenheit zeigen unerwartete Folgen. Wenn die Freiheit schier grenzenlos, die Möglichkeiten ungeahnt sind, kulturell, ethisch-moralisch, geografisch, kann jegliche Grenze, an die man stößt, ganz grundsätzlich als Zumutung verstanden werden.

Die Eingriffe in die persönlichen Freiheiten, die das Virus erzwingt, sind gravierend, keine Frage, auch heikel. Sie müssen hinterfragt werden. Doch nach unzähligen fetten, selbstgefälligen und vollkaskoversicherten Jahren werden sie, ungeachtet des Anlasses oder der Begründung, für manche an sich zu einer Ungeheuerlichkeit, zur reinen Schikane. Egomanen fühlen sich entmündigt, versklavt oder gar verfolgt. Sie sind nicht in der Lage, sich mit Auflagen zu arrangieren, die sie nicht einsehen oder ihnen etwas abverlangen. Einschränkungen beim Reisen werden zur Inhaftierung im eigenen Land superlativiert. Ein Partyverbot wird als Menschenrechtsverletzung angesehen, Maskenpflicht als eine unerträgliche Bürde.

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Aber auch Vergleiche der Corona-Krise mit einem Krieg, wie von Politikern wie dem französischen Staatschef Emmanuel Macron oder von der Queen bemüht, sind unangebracht. Der „Zeit“ sagt die Therapeutin Ingrid Meyer-Legrand, spezialisiert auf die Arbeit mit Kriegsenkeln: „Die Menschen in Deutschland sitzen in warmen Wohnungen und sind nicht von Lebensmitteln abgeschnitten. Wir befinden uns nicht im Krieg.“

Die Allermeisten sitzen satt im Warmen. Die Verfassung garantiert ihnen, jederzeit ihre Meinung frei herausbrüllen, Politiker und Virologen verunglimpfen, die krudesten Theorien verbreiten zu können. Sie können das Land verlassen, kurz oder für immer, Corona-Auflagen anzweifeln und juristisch anfechten. Sie sind dabei mit nichts bedroht außer mit Kritik, Bußgeld oder Spott, wenn sie sich selbst zu unerschrockenen Rebellen, unkorrumpierbaren Freidenkern und einsamen Rufern in der Wüste stilisieren. Das ist nicht heldenhaft, es ist tragisch und nicht zuletzt beunruhigend.

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