Joerg Helge Wagner über Club of Rome

Kommentar: Von der Rettungsvision zur Öko-Diktatur

In den 1970er- und 80er-Jahren gehörte der Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ in jeden ordentlichen links-alternativen Haushalt. Doch das neueste Update des Berichts scheint seltsam aus der Zeit gefallen.
14.09.2016, 00:00
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Kommentar: Von der Rettungsvision zur Öko-Diktatur
Von Joerg Helge Wagner

In den 1970er- und 80er-Jahren gehörte der Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ in jeden ordentlichen links-alternativen Haushalt. Doch das neueste Update des Berichts scheint seltsam aus der Zeit gefallen.

In den 70er- und 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts gehörte der Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ ins Naturholz-Regal jedes ordentlichen links-alternativen Haushalts. In allen Unistädten lag der Wälzer des Club of Rome in den Buchläden aus. Bei „2001“ konnte man ihn sogar gleich palettenweise ordern – viele der gerade entstehenden Ortsverbände der Grünen werden dankbar zugegriffen haben.

Denn hier stand, schwarz auf weiß und wissenschaftlich grundiert, alles, was man schon ahnte, befürchtete, wovor man warnte. In der Kurzfassung: Wenn die Welt mit Bevölkerungswachstum und Ressourcenverbrauch so weitermacht wie bisher, ist die Menschheit 2072 am Ende. Das wirklich revolutionäre an der 1972 erschienenen ersten Fassung des Berichts waren aber nicht die Thesen an sich – es war die Tatsache, dass sie auf Computersimulationen beruhten. So sagte man für das Jahr 2000 eine Weltbevölkerung von rund sechs Milliarden Menschen voraus – was ziemlich genau so eintraf.

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Diese und andere Treffer verliehen dem Ruf nach einer gerechteren, schonenderen Weltwirtschaft, nach einem Gleichgewicht von Ökologie und Ökonomie, erhebliches Gewicht. Industriell verursachte Umweltkatastrophen von Seweso über Bhopal bis Tschernobyl und zur Ölpest im Golf von Mexiko taten ein Übriges. Ein ökologisches Bewusstsein erwachte weltweit, es wurde salon- und politikfähig, schließlich auch ein Antrieb des technischen Fortschritts. Ob Solarenergie, FCKW-freie Kühlschränke oder Katalysator und Start-Stopp-Automatik in modernen Autos – für vieles war der Club-of-Rome-Bericht die Initialzündung. Das ist unzweifelhaft sein historischer Verdienst.

Entwicklungsbremse für Schwellenländer

Doch das nunmehr fünfte Update des Berichts scheint seltsam aus der Zeit gefallen. Es liest sich stellenweise wie das Programm jener Ökologischen Linken, die sich 1991 unter Jutta Ditfurth von den mittlerweile regierungsfähig gewordenen Grünen abspaltete. Der Fahrplan in eine sozialistisch angehauchte Öko-Diktatur mit staatlich verordneten Ein-Kind-Familien, gedeckelten Arbeitszeiten und Einkommen, Abschied von der freien Berufswahl. Leistungsanreize bestehen vor allem darin, möglichst wenige Kinder zu bekommen, wenig zu verbrauchen und vor allem das zu produzieren, was der Staat für gut befindet.

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass dies vor allem eine Entwicklungsbremse für Schwellenländer wie Brasilien, Ägypten oder Vietnam ist – während die post-industriellen Dienstleistungsgesellschaften auf der nördlichen Halbkugel mit so einem Radikalprogramm eher klar kämen. Das gilt etwa, wenn die Steuern auf den Verbrauch fossiler Brennstoffe angehoben werden, während die Einkommensteuer sinkt: Da freut sich der Werbegrafiker in Hamburg, während der kleine Handwerker in Nairobi flucht. Die maßgeblichen Autoren des Berichts stammen indes aus Norwegen und Großbritannien.

Wie komplex, ja unmöglich ein globales Wirtschafts- und Ressourcenmanagement ist, lässt sich aktuell sehr schön am Ölpreis zeigen. Der sinkt und sinkt, weil die Förderländer kaum andere Einnahmen haben und deshalb mehr anbieten, als gebraucht wird. Es wird unter anderem deshalb weniger gebraucht, weil die industrialisierten Abnehmerländer es gelernt haben, mit weniger auszukommen – siehe oben.

Revolutionäre Entwürfe entstehen heute anderswo

Wenn der Preis aber immer weiter fällt, ist das am Ende auch für sie schlecht: Sie werden dann nämlich ihre Produkte nicht mehr in den Förderstaaten los. Rating-Agenturen prüfen bereits eine Herabstufung von Russland, Saudi-Arabien und anderen. Das wiederum wird auf die internationalen Börsen durchschlagen – man muss also geradezu auf einen erhöhten Energiehunger dynamischer Schwellenländer hoffen. Mittelfristig würden die dann wieder steigenden Ölpreise auch den stagnierenden Absatz umweltfreundlicher E-Autos fördern. Hätte Saudi-Arabien aber den Ehrgeiz, sofort auf Sonnenenergie umzusteigen, wäre das wohl sein Ruin – profitieren würden allein benachbarte Ölexporteure.

Revolutionäre Entwürfe entstehen heute jenseits des Club of Rome. Der Potsdamer Klimaforscher Anders Levermann etwa denkt an den künstlichen Aufbau gigantischer Schneeberge am Südpol aus abgepumptem Wasser, um den steigenden Meeresspiegel zu senken. Davon würden vor allem küstennahe Schwellenländer profitieren. Unvorstellbar? Vielleicht heute noch. Aber Levermann setzt auf Fortschritt durch Einsicht – wie der Club of Rome 1972.

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