Kommentar zum Fall Hella Mewis

Ein Super-GAU für die Psyche

Hella Mewis ist frei. Nach vier Tagen Geiselhaft in Bagdad konnte sie den Irak verlassen. Psychische Narben werden vermutlich für immer bleiben, meint Birgit Svensson.
27.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ein Super-GAU für die Psyche
Von Birgit Svensson
Ein Super-GAU für die Psyche

Die deutsche Kulturvermittlerin Hella Mewis (links), hier im Nationaltheater Bagdad.

Beit Tarkib

Hella Mewis ist frei. Nach vier Tagen Geiselhaft in Bagdad wurde sie am Freitagmorgen von irakischen Sicherheitskräften in die deutsche Botschaft gebracht. Noch mal gut gegangen, könnte man meinen. Die anderen Geiseln im Irak wurden länger gefangen gehalten. Doch auch wenn die Gefangenschaft kurz war, es wird etwas bleiben. Die Kulturmanagerin aus Berlin wird sich selbstverständlich ihr Leben lang an diese Entführung erinnern. Kidnapping ist der Super-GAU für die Psyche. Der Kontrollverlust über sich selbst, das Ausgeliefertsein: Das geht nicht spurlos an einem vorbei.

Susanne Osthoff, die erste Deutsche, die im November 2005 im Irak entführt wurde, hatte nach ihrer Freilassung nach 23 Tagen nicht nur ein Trauma durch Kontrollverlust, sondern einen Realitätsverlust, der lange andauerte. Wie im Irakbuch „Mörderische Freiheit“ beschrieben, bestritt sie lange, dass ihr Fahrer sie an die Kidnapper verraten habe. Sie wollte nicht wahrhaben, dass Lösegeld für ihre Freilassung bezahlt wurde und bestand lange Zeit darauf, dass sie es selbst war, die sich mit ihren Entführern geeinigt, dass sie sich selbst durch Gespräche und Überzeugung befreit habe.

Verfolgungswahn und Wohnortswechsel

Als Post-Trauma entwickelte sie einen extremen Verfolgungswahn, sah in jedem einen potenziellen Kidnapper, schloss sich ein, wechselte hektisch ihren Wohnort, zog von einer Stadt zur anderen. Dazu muss man sagen, dass die deutsche Archäologin von sunnitischen Extremisten entführte wurde, Al-Qaida, die nicht selten ihre Geiseln medienwirksam vor einer Kamera umbrachten, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt wurden. Diese Grausamkeiten brannten sich bei allen ins Gedächtnis ein, die zu jener Zeit im Irak lebten.

Bei Hella Mewis indes war schnell klar, dass sie von schiitischen Milizionären entführt wurde. Zum einen, weil sunnitische Extremisten nach dem Ende des IS-Kalifats zu einer derartigen Aktion momentan nicht fähig sind und keine Basis in Bagdad dafür haben. Um Ausländer zu entführen, bedarf es enormer Vorbereitung. Eine blonde Deutsche fällt auf. Es gibt Berichte, wonach das Kulturzentrum Beit Tarkib, das Mewis leitet und wo sie täglich arbeitet, über drei Tage ausgespäht wurde. Ein Auto mit abgedunkelten Scheiben musste beschafft werden, eine Unterkunft, die niemand kennt oder bei der niemand Verdacht schöpft.

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Was ebenfalls gegen sunnitische Extremisten als Kidnapper der Berlinerin sprach, war die Tatsache, dass kein Bekennerschreiben im Internet auftauchte. Dies ist aber in allen Entführungsfällen sunnitischer Extremisten passiert – auch bei Osthoff. Sie brüsten sich mit ihrer „Beute“, sind stolz auf ihre Tat. Schiitische Extremisten tun dies nicht. Dafür tappt man im Dunkeln, weil sich niemand zur Geiselnahme bekennt. So auch bei den drei Franzosen, Mitarbeiter einer christlichen Organisation, die Ende März nach mehr als zwei Monaten Geiselhaft wieder freikamen. Bis jetzt ist unklar, wer die drei entführt hatte. Sicher ist, wie auch im Falle von Hella Mewis, dass es eine der etwa 20 Schiiten-Milizen war, die es derzeit im Irak gibt.

Verschiedene Gründe für Entführungen

Es gibt mehrere Gründe, warum Menschen entführt werden. Lösegeldzahlung ist einer, politische Motive ein anderer. Seit Beginn der Proteste gegen die Regierung gibt es ein neues Phänomen, die sogenannte Denkzettel-Entführung. Mit ihr soll eine Warnung ausgesprochen werden. In diese Kategorie sind die Franzosen ebenso wie Mewis einzuordnen und viele Iraker, die vor ihnen entführt wurden. Es ist eine Maßregelung für die Unterstützung der Protestbewegung, die sich im Irak für mehr Demokratie, Mitsprache und die Einhaltung der Bürgerrechte stark macht.

Die Franzosen haben sich hier eindeutig positioniert, haben den jungen Protestlern ein Forum gegeben, ihre Fotos und Graffitis im französischen Kulturinstitut auszustellen. Hella Mewis agierte ähnlich, ging mit zum Tahrir-Platz und organisierte Theateraufführungen im Beit Tarkib. Dass sie dafür mundtot gemacht werden sollte, ist offensichtlich. Wie ihre Psyche darauf reagiert, ist indes völlig offen. Am Wochenende hat Hella Mewis den Irak zunächst einmal verlassen.

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