Kommentar: Friedensnobelpreis Die Geburtstagstorte in Putins Gesicht

Mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis werden gleich zwei europäische Diktatoren und deren Sympathisanten vorgeführt: Das richtige Signal zur rechten Zeit, meint Joerg Helge Wagner.
07.10.2022, 19:35
Lesedauer: 3 Min
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Die Geburtstagstorte in Putins Gesicht
Von Joerg Helge Wagner

An der Friedensliebe mancher Preisträger konnte man schon zweifeln: von Theodore Roosevelt (1905) bis Abiy Ahmed Ali (2019). Oft genug ging die Auszeichnung an Männer, die sich jahrelang erbittert bekriegt und am Ende doch miteinander verhandelt hatten, den Ägypter Anwar as-Sadat und den Israeli Menachem Begin etwa, 1978. Zwei Männer mit Blut an den Händen. Ist es also möglich, dass in einigen Jahren auch Wladimir Putin - gemeinsam mit Wolodymyr Selenskyj - zum Friedensnobelpreisträger wird? Nach zigtausenden Toten und einer irgendwie gearteten "diplomatischen Lösung", die dem russischen Aggressor womöglich noch Teile des geraubten ukrainischen Territoriums belässt? 

Ein unerträgliches Szenario, das mit der aktuellen Entscheidung des Nobelpreiskomitees zum Glück kaum noch wahrscheinlich ist. Denn die dreifache Vergabe verhagelt nicht nur dem Kreml-Diktator die Geburtstagsfeier, sie isoliert auch seine Sympathisanten in aller Welt. Allen voran den kleinen Bruder im Geiste, Weißrusslands Machthaber Alexander Lukaschenko. Drittens ist sie auch eine Mahnung an den ukrainischen Präsidenten, im erbitterten Abwehrkampf nicht die versprochene weitere Demokratisierung des Landes zu vernachlässigen. Das Risiko besteht ja durchaus, wenn man nur noch Patrioten, aber keine Parteien mehr kennen möchte.

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In erster Linie geht es jedoch um Ermutigung, nicht um Ermahnung. „Wir geben einen Preis immer für etwas und an jemanden – nicht gegen jemanden“, betont die Vorsitzende des norwegischen Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen. Der Wert der Auszeichnung steigt deshalb immer dann rapide, wenn sie an Personen geht, die im gewaltlosen Kampf gegen repressive Regimes erhebliche Risiken eingehen. So gesehen, hat der Friedensnobelpreis in diesem Jahr einen Höchststand an Renommee und Glaubwürdigkeit erreicht.

Der weißrussische oppositionelle Rechtsanwalt Ales Bjaljazki ist seit mehr als einem Jahr inhaftiert, da bietet ein Nobelpreis zumindest einen gewissen Schutz vor Misshandlung. Die wichtigste russische Menschenrechtsorganisation Memorial wurde vom Staat bereits aufgelöst, aber offenbar arbeitet sie dennoch weiter. So ist es bezeichnend, dass am Tage der Preisverkündung in Moskau ein Prozess stattfindet, mit dem sich das Regime auch noch Gebäude und anderes Eigentum der Organisation einverleiben will. Angesichts dessen sagt die inzwischen 80-jährige Mitgründerin Swetlana Gannuschkina, es sei noch nicht zu spät für den Preis, auf den sie und ihre Mitstreiter so lange gewartet hatten.

Das ukrainische Center for Civil Liberties schließlich wirkt in viele Richtungen. Es dokumentiert Menschenrechtsverletzungen in den russisch besetzten Gebieten, kümmert sich um Kriegsgefangene und arbeitet nach innen mit daran, ukrainische Gesetze an demokratische Standards anzupassen. Die Auszeichnung ist damit ein Wechsel auf die Zukunft: Wenn nach dem Krieg nicht mehr alles Militärische im Vordergrund steht, wird eine funktionierende Zivilgesellschaft entscheidend sein für den Wiederaufbau des Landes.

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Unterdessen schart Putin die Despoten der ehemaligen Sowjetrepubliken um sich und träumt von einem neuen russisch dominierten Imperium. Dabei gärt es schon im eigenen Machtapparat, erstes Opfer enttäuschter nationalistischer Erwartungen könnte ausgerechnet Verteidigungsminister Sergej Schoigu werden. An der Front soll es nun der tschetschenische Schlächter Ramsan Kadyrow richten - die Begeisterung in der russischen Generalität kann man ahnen.

Nur eine unumkehrbare Niederlage in der Ukraine oder eine Entmachtung - etwa durch meuternde Militärs - wird Putin in seinem zunehmenden Wahn aufhalten. Nein, der Mann strebt keine internationale Auszeichnung für einen Verhandlungsfrieden an. Der diesjährige Friedensnobelpreis ist eher eine Geburtstagstorte zum 70., die mitten in seinem Gesicht landet. Und wenn Diktatoren lächerlich gemacht werden, darf man sich freuen - das wissen wir seit Charly Chaplin. Denn so beginnt die Erosion ihrer Macht.

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