Kommentar über Nawalny und Schröder

Altkanzler ohne Gespür

Der russische Dissident Nawalny attackiert Altkanzler Gerhard Schröder, der will nun klagen. Einmal mehr ist die Nibelungentreue zu Putin nicht gut für Schröder, meint Norbert Holst.
11.10.2020, 05:00
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Altkanzler ohne Gespür
Von Norbert Holst
Altkanzler ohne Gespür

Will sich die Vorwürfe Nawalnys nicht gefallen lassen: Altkanzler Gerhard Schröder.

Kay nietfeld /dpa

Alexej Nawalny fährt gegen Gerhard Schröder schwere Geschütze auf. Der Altkanzler sei ein „Laufbursche Putins, der Mörder beschützt“ und werde zudem vom Präsidenten bezahlt, behauptete der russische Dissident in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung. Nun ja, da ist mit dem bekanntermaßen hitzköpfigen Nawalny wohl ein wenig das Temperament durchgegangen. Laut Duden ist ein Laufbursche ein „junger Mann, der in einer Firma oder Ähnlichem nur für Botengänge eingesetzt wird“. Der SPD-Politiker hingegen zählt bereits 76 Lebensjahre und wirkte zuletzt nicht immer topfit. Auch in jüngeren Jahren hätte sich Schröder wortstark gegen den Laufburschen-Vergleich gewehrt. Mit den ihm eigenen Worten etwa so: „Ich bin kein Laufbursche, basta!“

Schröder will nun gegen den Springer-Verlag klagen. Er sieht seine Persönlichkeitsrechte verletzt, da die „Bild“ ihn nicht um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten hat. Das ist sein gutes Recht, den die Unterstellungen Nawalnys gehen in der Tat zu weit. Und im Falle Schröders kommt die Ankündigung juristischer Schritte nicht überraschend. Man erinnere sich: Die „Schläfen-Affäre“ um eine angeblich gefärbte Haarpracht landete 2003 sogar vor dem Bundesverfassungsgericht.

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Doch warum hat Nawalny eigentlich diesen Streit vom Zaun gebrochen, just zu einer Zeit, wo er den Giftgas-Anschlag längst noch nicht auskuriert hat? Es ist vor allem die nachvollziehbare Empörung darüber, dass Schröder behauptete, es gebe keine „gesicherten Fakten“ zu den Hintergründen des Anschlags. Soll heißen: Eine Verwicklung Wladimir Putins in den Fall ist nicht bewiesen. Aber braucht es wirklich eine eindeutige juristische Beweislage, um Moskau zur Verantwortung zu ziehen?

Schröder hat offenbar das Gespür für die Verantwortung ehemaliger Kanzler verlassen. Ob Auftragsmord im Tiergarten, ob der Kreml die Krim annektiert oder ob mutmaßlich russische Hacker gezielt Bundestag und Regierung ausspähen: Schröder beißt sich lieber die Zunge ab, als Kritik an Putin zu äußern. Verwundert ist auch Gernot Erler, ehemaliger Russland-Beauftragter der Bundesregierung und Parteifreund von Schröder. Im Magazin „Cicero“ charakterisiert er das Verhältnis als „Männerfreundschaft ohne Rücksicht auf Verluste“. Traurig, der Altkanzler schadet sich, aber auch Deutschland, mit seiner Treue zu Putin.

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