Kommentar über Privilegien für Geimpfte Die Grenzen der Freiheit

Über eine Impfpflicht, ob staatlicher- oder privaterseits, muss laut nachgedacht werden, meint Silke Hellwig. Es gibt keinen Anspruch auf die Freiheit, womöglich andere anzustecken.
30.12.2020, 05:00
Lesedauer: 1 Min
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Die Grenzen der Freiheit
Von Silke Hellwig

Die Debatte kommt zur Unzeit. Gäbe es eine Warteliste für jene, die lieber heute als morgen geimpft werden wollen, wäre sie schier endlos. So bedient die verfrühte Diskussion um Privilegien für Geimpfte momentan eher Vorurteile von strammen Impfgegnern: Das sei die vielfach verneinte Impfpflicht durch die Hintertür.

Tatsächlich darf über eine Impfpflicht laut nachgedacht werden, sofern eine Impfung auch andere vor Ansteckung schützt, ob staatlicher- oder privaterseits. Siehe Masernschutzgesetz: Im November 2019 stimmten rund 70 Prozent der Bundestagsabgeordneten für die Impfpflicht gegen Masern, ohne die Schocks dieses Jahres, ohne den Antrieb eines mehrwöchigen Lockdowns, einer Rekord-Kreditaufnahme, enormer sozialer und wirtschaftlicher Folgen. Das übergeordnete Interesse ging vor, der Gesundheitsschutz für alle. Erst vor Kurzem mahnte die Weltgesundheitsorganisation WHO, dass es 2019 weltweit so viele Masern-Fälle gegeben habe wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr, Tendenz steigend, weil zynischerweise die Corona-­Krise die Impfungen erschwere.

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Die Masern sind das eine, die Grippe ist ein anderes Beispiel: Jahr für Jahr sterben Tausende an einer Influenza. Niemand verlangt einen Impfnachweis, in keinem Restaurant, bei keiner Fluggesellschaft. Aus guten Gründen: Zum einen gilt das Coronavirus als wesentlich ansteckender, von der Mutation offenbar ganz zu schweigen. Zum anderen setzt man auf Verantwortungsgefühl und Solidarität. Wer Grippe hat, sieht zu, niemanden anzustecken, aus freien Stücken. Dass man auf diesen Gemeinsinn überwiegend, aber eben nicht durchweg bauen kann, ist eine der Lehren aus der Corona-Krise. Die aktuellen Bilder aus den Skiorten sprechen Bände.

Bundesbürger haben Freiheiten, die ­unbedingt verteidigt werden müssen. Dazu gehört gewissermaßen auch das Recht auf Gesundheitsrisiken – begünstigt durch unausgewogene Ernährung, Bewegungsmangel, mordsgefährliche Sportarten, Nikotin. Für den, der nicht nur sich, sondern auch andere in Gefahr bringt, muss ein anderes Maß gelten. Einen Anspruch auf die Freiheit, andere anzustecken, darf es nicht geben.

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