Kommentar über Reformen in der Kirche

Neue Konzepte verzweifelt gesucht

Es sollte über eine abgestufte „Fördermitgliedschaft“ in der Kirche ebenso nachgedacht werden, wie über eine Abschaffung des Kirchenbeamtentums und eine Reform der Kirchensteuer, meint Benjamin Lassiwe.
25.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Benjamin Lassiwe
Neue Konzepte verzweifelt gesucht

Weniger Kirchenbesucher, sinkende Einnahmen - die Evangelische Kirche reagiert mit einer Reformdebatte.

Christoph Soeder/dpa

Die Situation ist, vorsichtig formuliert, bescheiden: So viele Menschen wie nie zuvor in einem Jahr haben 2019 die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) verlassen. Und durch Corona brechen die Einnahmen durch die Kirchensteuern weiter ein. Von bis zu fünfundzwanzig Prozent weniger Einnahmen allein in diesem Jahr ist hinter den Kulissen der Landeskirchen bereits die Rede. Wer Kurzarbeitergeld bezieht, zahlt darauf keine Kirchensteuern.

Kein Wunder, dass die Evangelische Kirche gerade mitten in einer dramatischen Zukunftsdebatte steckt. Im Mittelpunkt steht ein Elf-Punkte-Papier, dass eine von der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eingesetzte Arbeitsgruppe im Sommer vorgelegt hat. Es enthält viele richtige Ansätze: Die Kirche will stärker mit Partnern von außerhalb der Kirche kooperieren. Nicht zu jedem Thema will sie sich politisch äußern, um den Wert der eigenen Stellungnahme nicht zu entwerten. Neue Formen der Kirchenmitgliedschaft und Spielräume bei der Kirchensteuer diskutiert werden. So weit, so gut.

Bezeichnend für die Lage der Evangelischen Kirche in Deutschland ist allerdings, welches Thema aus dem Papier es vorrangig in die Debatte geschafft hat: die Frage nach der Zukunft der Gemeinde vor Ort nämlich. Die EKD stellt die Rolle der Parochie, also der klassischen Kirchengemeinde in jedem Dorf, grundsätzlich in Frage. „Parochiale Strukturen werden ihre dominierende Stellung als kirchliches Organisationsprinzip verlieren“, heißt es in dem Papier. „Es werden neue Formen der Versammlung um Wort und Sakrament entstehen; die Bedeutung situativ angepasster Formen wird zunehmen.“ Flexible Präsenz von Kirche an wechselnden Orten werde wichtiger werden als das klassische Modell einer „Vereinskirche“ mit „statischen Zielgruppenangeboten“.

Die Vordenker in Rat, Synode, Kirchenamt und Kirchenkonferenz der Evangelischen Kirche haben jedoch verkannt, wer heute zum Kernpublikum der Kirche gehört: Es sind vielfach genau die, die sich im Modell der „Vereinskirche“ wohlfühlen. Und die jede Reform, jede Veränderung als Gefahr für die eigene, kleine heile Welt begreifen.

Das macht die Suche nach neuen Formen in der evangelischen Kirche schwer. Zumal man den Kritikern des EKD-Papiers zugestehen muss, wichtige Punkte gesetzt zu haben. So betonte die Duisburger Theologin Isolde Karle in einem Beitrag für das evangelische Magazin „Zeitzeichen“ die Rolle von Pfarrerinnen und Pfarrern, die den meisten Kirchenmitgliedern eben doch bekannt sind und das Gesicht der Kirche vor Ort darstellten. Der ehemalige Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, Gerhard Wegner, mahnt eine Stärkung der Gottesdienstkultur und der Mitgliederkommunikation der Kirche an.

Wirklich voran bringt die Debatte um das Elf-Leitsätze-Papier der EKD die evangelische Kirche derzeit allerdings nicht. So berechtigt die Kritik an dem vorgebrachten Papier ist, so sehr fehlt es an Gegenvorschlägen. Es gibt zahlreiche Gemeinden, deren Gottesdienste am Sonntag gut besucht sind, und die zu echten Mittelpunkten ihres jeweiligen Sozialraums geworden sind. Aber es gibt auch mindestens eine ebenso große Zahl von Gemeinden, über deren Existenzberechtigung hinter vorgehaltener Hand selbst die eigenen Gemeindepfarrer zweifeln. Das wird in der Debatte häufig ausgeblendet.

Dass alles Engagement vor Ort in den vergangenen Jahren die Abwärtstrends kaum stoppen konnte, wird ebenso gerne übersehen. Nötig wären daher jetzt konkrete Ideen, wie die Evangelische Kirche bei sinkenden Kirchensteuereinnahmen und Mitgliederzahlen weitermachen sollte.

Daher sollte über eine abgestufte „Fördermitgliedschaft“ in der Kirche ebenso nachgedacht werden, wie über eine Abschaffung des mit großen Pensionslasten verbundenen, künftig wohl nur noch schwer finanzierbaren Kirchenbeamtentums und eine grundlegende Reform der Kirchensteuer. Denn eines ist klar: So weiter gehen wie bisher kann es für die Evangelische Kirche mittelfristig auf keinen Fall.

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