Kommentar zur US-Wahl Trump verhält sich wie ein Autokrat

Es ist anders gekommen als gedacht: Joe Biden hat Amtsinhaber Donald Trump nicht eindeutig dem Weg aus dem Weißen Haus weisen können. Die Wahl ist denkbar knapp. Das verheißt nichts Gutes, meint Thomas Spang.
05.11.2020, 05:00
Lesedauer: 1 Min
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Trump verhält sich wie ein Autokrat
Von Thomas Spang

Das befürchtete Albtraumszenario der amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2020 entfaltet sich im Zeitlupentempo vor den Augen der Welt. Während Millionen per Briefwahl gültig abgegebener Stimmen noch ausgezählt werden, ruft sich der Amtsinhaber aus dem Weißen Haus heraus zum Wahlsieger aus. Und behauptet Betrug, wo es keinen gibt. Damit verhält sich Donald Trump nicht wie der Führer der freien Welt, sondern wie ein autokratischer Herrscher einer Bananenrepublik. Wahlen werden in Demokratien weder in Umfragen noch durch Proklamationen von Präsidenten entschieden, sondern durch den Souverän: das Volk.

Der demokratische Herausforderer Joe Biden lieferte in der Wahlnacht das Kontrastprogramm eines verantwortlichen Führers. Er trat vor die Kameras und bat die Amerikaner um Geduld in der Nachspielzeit. Obwohl er nach Stand der Dinge mehr Wege hat, eine Mehrheit im Wahlmännerkollegium zu gewinnen, hielt er sich zurück, den Ereignissen vorzugreifen.

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Bereits jetzt steht fest, dass keiner der beiden Kandidaten bei diesen historischen Wahlen ein überzeugendes Mandat für sich reklamieren kann. Der von den Demokraten erhoffte und einigen Demoskopen vorausgesagte Erdrutschsieg Bidens blieb aus. Trotz seines Versagens in der Pandemie und vier Jahren politischen Tumults während seiner unkonventionellen Amtszeit wiesen die Amerikaner den Präsidenten nicht so entschieden zurück, wie es die Umfragen erwarten ließen.

Die kommenden Tage werden brisant. Wobei der Präsident weder selbst die Auszählung der Stimmen stoppen, noch direkt zum obersten Gericht marschieren kann. Aber die Heerscharen an Anwälten werden nichts unversucht lassen, Stimmen anzufechten und den Ausgang der Auszählung zugunsten Trumps zu verändern. Der Effekt Trumps faktenfreier Behauptung, die Wahlen bereits gewonnen zu haben, besteht darin, einem möglichen Wahlsieg seines Herausforderers die Legitimität abzusprechen. Je länger sich der Prozess hinschleppt, desto mehr Potenzial besteht für Chaos und Gewalt.

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