Die neuen Generalsekretäre von CDU und CSU Kramp-Karrenbauer ist Hoffnungsträgerin der CDU

Annegret Kramp-Karrenbauer ist nicht mehr Ministerpräsidentin des Saarlands, sondern Generalsekretärin der CDU. Doch bedeutet der Jobwechsel auch die Chance auf eine Nachfolge Angela Merkels?
06.03.2018, 21:43
Lesedauer: 6 Min
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Kramp-Karrenbauer ist Hoffnungsträgerin der CDU
Von Daniela Vates

Vor einem Monat steht eine Frau unter einem riesigen goldfarbenen Zeiger. Mehrere Meter hängt das Kunstwerk über ihr in der Wandelhalle des Bundesrats, er pendelt ein wenig hin und her und bleibt dann stehen. Die Spitze zeigt auf die Frau, die in ein Mikrofon spricht – über Bildungspolitik und darüber, dass sie sich freut auf eine Art Klassenausflug: Die Ministerpräsidenten der Länder, mit denen sie gerade getagt hat, würden im März gemeinsam nach Brüssel fahren, sagt sie. Es wirkt alles ziemlich unspektakulär. Annegret Kramp-Karrenbauer ist Ministerpräsidentin des Saarlands, Regentin über knapp eine Million Einwohner. Hinter ihr sind große Stellwände aufgebaut. „Großes entsteht im Kleinen“ steht darauf, das Motto des Saarlands. Kramp-Karrenbauer beantwortet ein paar Fragen, dann wendet sie sich ab und verschwindet schnell in den Gängen. Sie ist auf dem Weg vom Kleinen ins Große, aber das kann man zu dem Zeitpunkt nur ahnen.

Einen Monat später hat Kramp-Karrenbauer den Job gewechselt. Ein anderer ist nun Ministerpräsident im Saarland, gerade gewählt an diesem Donnerstag. Bei der Reise nach Brüssel wird Kramp-Karrenbauer nicht mehr dabei sein. Sie ist nun Generalsekretärin der CDU: Berlin statt Saarbrücken, Büro in der Parteizentrale an mehrspuriger Straße statt in einem 50er-Jahre-Flachbau der Staatskanzlei, umgeben von prächtigen Barockbauten.

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Es ist nicht nur ein Umzug. Der Jobwechsel bedeutet gleichzeitig noch etwas anderes: Kramp-Karrenbauer ist die Frau mit den größten Chancen auf eine Nachfolge Angela Merkels. Wenn die Kanzlerin und Parteichefin hinschmeißt, wenn sie geht oder gehen muss, wäre die Lage klar: Die 55-Jährige wäre die neue Nummer eins der CDU.

Das Besondere ist: In der CDU, die in den letzten Monaten so gerungen hat mit Merkel und mit sich selbst, sind darüber keine Kämpfe ausgebrochen. Zufriedenheit hat sich breitgemacht und fast ein wenig Euphorie. 98,8 Prozent der Delegierten haben Kramp-Karrenbauer auf dem Parteitag am Montag in ihr neues Amt gewählt. Es war das beste Ergebnis, das je ein Generalsekretär auf einem Parteitag bekommen hat. Volker Kauder, der aktuelle Fraktionschef, ist 2005 mal mit 100 Prozent in dieses Amt gewählt worden, aber damals haben nicht 1000 Delegierte abgestimmt, sondern nur 98. Aber das würde noch nicht reichen, wenn da nicht noch etwas anderes wäre: Kramp-Karrenbauer, die in der Partei bequem AKK abgekürzt wird, ist nicht nur gewählt worden. Sie wurde gefeiert.

„Freudige Überraschung“

Losgegangen ist das vor zwei Wochen, als Merkel die Personalie in den Führungsgremien der Partei verkündete. „Freudige Überraschung“, konstatierte ein Sitzungsteilnehmer bei seinen Kollegen: Jemand gibt seinen Job als Regierungschefin auf für einen Posten in der Partei, der bisher eher eine erste kleinere Station war für eine Karriere in der CDU. Schlagartig verstummte das Gemäkel über das Ergebnis der Koalitionsverhandlungen und die Forderung nach Erneuerung. Plötzlich war die Partei wieder etwas Großes.

Und Kramp-Karrenbauer bedient die Sehnsucht nach diesem Großen zusätzlich: Sie nennt Heiner Geißler als Vorbild, den Generalsekretär aus den 80er-Jahren. Wegen ihm sei sie einst in die CDU eingetreten, sagt sie. Es ist die Erinnerung an alte Zeiten, als die Wehrpflicht noch nicht abgeschafft und der Atomausstieg eine belächelte Forderung der Grünen war, an die alte westdeutsche CDU. Das diffuse Wehmutsgefühl mancher in der Partei findet in dieser Reminiszenz vielleicht einen Anker.

Kramp-Karrenbauer formuliert mit dem Hinweis auf Geißler auch einen Anspruch, den auf Eigenständigkeit im Amt. Sie will keine Zuarbeiterin sein, sondern eher eine kleine Parteichefin. „Angemessener Spielraum“, nennt sie das diplomatisch. Es passt, dass beide Frauen erzählen, Kramp-Karrenbauer habe die Idee mit der Generalsekretärin selbst gehabt, ob das nun stimmt oder nicht. Ganz spontan jedenfalls hat sich das Ganze wohl nicht entwickelt: Am Abend der Bundestagswahl kommentierte die saarländische Regierungschefin als eine der ersten das Ergebnis. Wenige Wochen später hielt sie auf der Jahresversammlung der Jungen Union eine Art Generalsekretärs-Übungsrede. „Wir müssen raus aus der Komfortzone“, rief sie. Amtsinhaber Peter Tauber wurde ausgebuht, Kramp-Karrenbauer bekam stehende Ovationen. Raus aus der Komfortzone, man kann es so sehen, dass sie damit ihren Jobwechsel angekündigt hat.

„Der Star ist die CDU“

Und dann der Parteitag: Nach einer angespannten Debatte über den Koalitionsvertrag tritt Kramp-Karrenbauer ans Redner­pult – und die Spannung löst sich. Sie ruft: „Der Star ist die CDU.“ Die Partei müsse glänzen. Sie greift die AfD an und noch mehr die FDP. Der wirft sie vor, in letzter Minute vor der Verantwortung zurückgezuckt zu sein. „Wenn das alle Handwerker in diesem Land machen würden, ganz Deutschland würde in Schutt und Asche liegen.“ Aggressi­vität, Pathos, einprägsame Sätze – es ist CSU-Aschermittwochs-Hochstimmung im Saal.

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Kramp-Karrenbauer sagt inhaltlich gar nicht so viel anderes als Merkel, aber sie trägt es anders vor: mit Schwung und Angriffslust. „Die Begeisterung auf dem Parteitag zeigt, was uns gefehlt hat“, sagt ein Abgeordneter hinterher. Und ein weiterer, Deutschlandfahne als Anstecker im Jackettaufschlag, verkündet aufgeräumt: „Sie ist sicher nicht die Galionsfigur der Konservativen. Aber sie hat gezeigt, dass sie Rücksicht auf uns nehmen will.“ Auf der anderen Seite, auf der der Aufstieg des auf der Flüchtlingskritik-Klaviatur spielenden Jens Spahn sorgenvoll beobachtet wurde, seufzt jemand erleichtert: „Mit ihr ist sicher, dass die CDU nicht nach rechts abdriftet.“

Kramp-Karrenbauer sei eine „Mini-Merkel“, spottet FDP-Chef Christian Lindner. Die Saarländerin mag ähnlich pragmatisch sein, aber sie ist deutlich weniger verhalten. Sie hat Lust am Auftritt, am Grenzen-Austesten, an der Positionierung.

Es ist ihr viel gelungen, das macht selbstbewusst: Kramp-Karrenbauer hat eine steile Karriere hingelegt, scheinbar mühelos. Sie war mit Mitte 20 in der Jungen Union, wurde Grundsatzreferentin der CDU im Saarland, saß ein halbes Jahr als Nachrückerin im Bundestag vor der Wahlniederlage der CDU 1998, verlor ihr Mandat, ging in den Landtag und wurde enge Mitarbeiterin des dortigen Ministerpräsidenten Peter Müller. Der machte sie zur Innenministerin, der ersten Frau in diesem Ressort bundesweit, danach zur Bildungs- und auch noch zur Arbeitsministerin. Der Ehemann, ein Bergbauingenieur, steckte beruflich zurück und kümmerte sich um die drei Kinder. Als Müller Verfassungsrichter wurde, übernahm Kramp-Karrenbauer seinen Job. Sie schmiss die zerstrittene FDP aus der Regierung, riskierte damit Neuwahlen und gewann.

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Und sie positionierte sich: für den Mindestlohn, die Erhöhung des Spitzensteuersatzes und eine gesetzliche Frauenquote, gegen die AKW-Laufzeitverlängerung. Sie widersprach der CSU beim Betreuungsgeld und bei der Pkw-Maut. Sie sei in die Politik gegangen, weil sie gesehen habe, dass für Frauen vieles schwerer sei als für Männer, hat sie vergangenes Jahr in einem Image-Film der CDU gesagt. „Das wollte ich so nicht hinnehmen.“ In der Partei hieß es: Als Frau und so links werde AKK nach Merkel nicht nach oben rücken.

Gesellschaftspolitisch konservativ

Dass sich das geändert hat, liegt daran, dass Kramp-Karrenbauer auch die Landtagswahl vor einem Jahr wieder gewonnen hat – und zwar mit dem CDU-Sehnsuchts-Ergebnis von über 40 Prozent. Und es liegt daran, dass sie auch andere Akzente setzte – deutlich und ein bisschen grell, wie Wunderkerzen auf einer Torte. Die Ehe für alle verglich sie mit Inzest-Beziehungen. Kurz vor der Landtagswahl im vergangenen Jahr kündigte sie an, Wahlkampfveranstaltungen türkischer Politiker zu verbieten – obwohl im Saarland gar keine geplant waren. Sie gilt in der CDU jetzt als Wahlzauberin und als gesellschaftspolitisch konservativ.

Das mit der Mini-Merkel haut im Übrigen auch deshalb nicht hin, da die echte Merkel sich wohl kaum mit Kittelschürze und Besen als Putzfrau verkleiden würde, um über die Politik herzuziehen. Kramp-Karrenbauer macht das jedes Jahr bei der Narrenschau, einer saarländischen Karnevalsveranstaltung. „Bin gerade aus Berlin kumm. Da war ich engedeelt. Ach, zum Putzen“, verkündet sie da dann in ihrem leicht schleifenden Dialekt.

Nur in diesem Jahr hat sie abgesagt, sie war eingeteilt in Berlin, zum Sondieren mit den Sozialdemokraten über eine Regierung. In den Koalitionsverhandlungen übernahm sie die Zuständigkeit für die Bildungspolitik. Bei der Familienpolitik saß sie mit am Tisch. Es war die letzte Vorbereitungsrunde für den Sprung nach Berlin. Kramp-Karrenbauer sagt, sie wolle sich jetzt erst mal dem neuen Grundsatzprogramm der Partei widmen. Der zentrale Satz in ihrer Parteitagsrede war: „Ich kann, ich will, ich werde.“ Auf dem Podium etwas weiter links saß Merkel mit einem zufriedenen Lächeln.

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