Staatsanwalt untersucht 100 Todesfälle in Delmenhorst Krankenpfleger steht unter Mordverdacht

Wenn sich die Ermittlungen bestätigten, wäre es der größte Mordfall in der Geschichte der Bundesrepublik: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen einen ehemaligen Krankenpfleger aus Delmenhorst in über 100 Fällen.
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Von Andreas D. Becker

Wenn sich die Ermittlungen bestätigten, wäre es der größte Mordfall in der Geschichte der Bundesrepublik: Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen einen ehemaligen Krankenpfleger aus Delmenhorst in über 100 Fällen.

Am Anfang, im ersten Prozess 2008, war es ein versuchter Mord. Zurzeit sind es schon fünf Taten, für die sich der Ex-Krankenpfleger Niels H. vor dem Landgericht Oldenburg

verantworten muss: drei Morde, zwei weitere versuchte Morde. Und jetzt werden über 100 weitere Todesfälle untersucht. Alle diese Menschen starben zwischen Dezember 2002 und Juli 2005 auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst, in den zweieinhalb Jahren, in denen Niels H. dort als Intensivpfleger arbeitete. Damals verdoppelte sich die Todesrate auf der Station, gut 200 Menschen mehr als normal starben. Deswegen scheint es so, als wenn Niels H. nicht nur angeben wollte, als er im Gefängnis zu einem Mithäftling sagte: „Dann bin ich wohl der größte Serienmörder der Nachkriegsgeschichte.“ Bei 50 Toten habe er aufgehört zu zählen.

„Es haben sich während der Beweisaufnahme Hinweise darauf ergeben, dass der Angeklagte für den Tod weiterer Menschen verantwortlich sein könnte“, erklärte Martin Rüppell, Sprecher der Staatsanwaltschaft. Was nicht ganz den Tatsachen entspreche, entgegnete die Delmenhorster Rechtsanwältin Gaby Lübben. Sie vertritt die Nebenkläger. „Die Hinweise sind seit 2005 bekannt. Bisher gab es nur einen neun Jahre dauernden Ermittlungsboykott.“

Die Staatsanwaltschaft hat nun einen Gutachter beauftragt, der alle Patientenakten der in Frage kommenden Fälle auswertet. Das sind einige. Der Kommissar Manfred Borchers, der den Fall bislang federführend untersuchte, hatte vor dem Gericht vorgerechnet, wie viele Menschen Niels H. vielleicht getötet hat: „In der Zeit, als Niels H. in Delmenhorst arbeitete, gab es auf der Intensivstation 411 Tote. 321 starben während seiner Arbeitszeit oder maximal zwei Stunden nach seinem Schichtende. 191 dieser Verstorbenen wurden eingeäschert.“ Es gibt also 130 potenzielle Opfer, die obduziert werden könnten. Das soll auch geschehen, wenn der Gutachter zu dem Schluss kommt, dass die Grunderkrankung eines Patienten nicht plausibel als Todesursache erscheint und in diesen Fällen der Wirkstoff Ajmalin nicht ärztlich verordnet war.

Ajmalin ist ein gefährlicher Wirkstoff in dem Medikament Gilurytmal. Es wird bei Herzrhythmusstörungen eingesetzt, kann aber, wenn es falsch gespritzt wird, zum Herzstillstand führen. Gilurytmal dürfen deswegen nur Ärzte verabreichen, keine Pfleger. Niels H. hat es trotzdem getan. Der Gilurytmal-Verbrauch hatte sich, ohne dass es jemand bemerkte, in seiner Zeit auf der Delmenhorster Intensivstation mehr als versechsfacht. H. wollte laut Anklage, dass die Patienten in eine lebensbedrohliche Situation geraten, damit er sie wiederbeleben kann. Er tat es, um sich zu produzieren. Er tat es wohl auch gegen Langeweile. Den Tod dieser Patienten nahm er in Kauf, deswegen wird er wegen Mordes angeklagt.

Immer wieder wurde im Prozess die Frage gestellt, warum trotz so vieler Indizien nur so wenige Fälle untersucht wurden. Immer wieder hieß es, die Staatsanwaltschaft habe nicht mehr gewollt. Neben dem Fall von 2008, der zu H.s erster Verurteilung führte, gab es später acht Exhumierungen, von denen zumindest die Obduktionsergebnisse von fünf Verstorbenen zur jetzigen Anklage führten. Seit Januar dieses Jahres sind noch weitere vier Strafanzeigen gegen Niels H. gestellt worden, drei Leichen wurden exhumiert. „In diesen Fällen konnte der Wirkstoff Ajmalin nicht nachgewiesen werden“, erklärte Rüppell. Das Klinikum Delmenhorst versicherte gestern, die Ermittlungen in vollem Umfang zu unterstützen. Die Akten der zwischen Dezember 2002 und Juli 2005 auf der Intensivstation verstorbenen Patienten seien der Staatsanwaltschaft übergeben worden.

Wegen der Größe des Falles wird nun eine Sonderkommission in der Polizeidirektion Oldenburg eingerichtet, sagte Polizeisprecher Bastian Wollering. Dabei wird dann noch ein weiterer Aspekt beleuchtet: In seiner Freizeit war H. sehr häufig als Rettungssanitäter im Einsatz. Auch dabei soll es häufig zu Reanimationen gekommen sein, das jedenfalls hatte Kommissar Borchers vor Gericht angedeutet. Diese Fälle werden nun ebenfalls genauer betrachtet, entsprechende Akten sind vom Landkreis Oldenburg bereits an die Staatsanwaltschaft gegeben worden.

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