Behandlung soll in Berlin erfolgen

Kremlkritiker Nawalny liegt nach möglicher Vergiftung im Koma

Alexej Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker der russischen Führung. Er wurde mehrfach festgenommen und auch schon angegriffen. Nun liegt er im Koma. Wurde er vergiftet? Aus Berlin gibt es ein Angebot zur Hilfe.
20.08.2020, 08:03
Lesedauer: 3 Min
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Kremlkritiker Nawalny liegt nach möglicher Vergiftung im Koma

Nawalny ist der führende Kopf der liberalen Opposition in Russland. Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa

Pavel Golovkin / dpa

Der russische Regierungskritiker Alexej Nawalny liegt nach einer möglichen Vergiftung in einem Krankenhaus im Koma. Das teilte seine Sprecherin Kira Jarmysch in der sibirischen Großstadt Omsk am Donnerstag mit. Der 44-Jährige sei an ein Beatmungsgerät angeschlossen worden und nicht bei Bewusstsein. „Ich bin sicher, dass er absichtlich vergiftet wurde“, sagte Jarmysch. Nawalnys engster Kreis geht davon aus, dass Informationen über eine mögliche Vergiftung zurückgehalten werden.

Sein Team will nun erreichen, dass er nach Deutschland geflogen und in der Berliner Charité behandelt wird. Aus Berlin gibt es bereits ein Angebot zur Hilfe.

Ein behandelnder Arzt in Omsk bestätigte zunächst, Nawalny befinde sich in einem „ernsten, aber stabilen Zustand“. Zur genauen Diagnose nannte er keine Details. „Vergiftung ist eine Möglichkeit.“ Am Abend erklärte der Mediziner der Agentur Interfax zufolge lediglich, dass es keine Hinweise auf einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder eine Infektion etwa mit dem Coronavirus gebe.

Die Lage habe sich seit der Ankunft im Krankenhaus deutlich stabilisiert, hieß es am Nachmittag. „Was wir bislang geschafft haben, ist für den Moment ein vorsichtiges gutes Zeichen“, sagte der stellvertretende Chefarzt Anatoli Kalinitschenko. Die Klinik sei im Kontakt mit Spezialisten in Moskau.

Der Oppositionelle war zu Recherchen in Sibirien unterwegs. Vor der Abreise sei es ihm noch gut gegangen, sagte seine Vertraute Jarmysch. Am Flughafen in Tomsk habe er noch eine Tasse schwarzen Tee getrunken. Während des Flugs habe er sich dann unwohl gefühlt und noch an Bord das Bewusstsein verloren.

Das Flugzeug auf dem Weg nach Moskau landete dann wegen des Notfalls in Omsk. Dann wurde Nawalny ins Krankenhaus gebracht. Dort habe das Team auch die Polizei alarmiert, sagte Jarmysch. Die Ärzte seien sehr verschlossen und gäben keine Auskunft. Nawalnys Frau Julia und seine Vertrauensärztin seien sofort nach Omsk geflogen. Erst nach Stunden sei Julia zu ihrem Ehemann gelassen worden, sagte Jarmysch.

Team will Nawalny in Berlin behandeln lassen

Nach Vorstellungen von Nawalnys Team soll er zur weiteren Behandlung nach Berlin geflogen werden. „Wir versuchen, das zu ermöglichen“, sagte der Filmproduzent Jaka Bizilj der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Nawalny solle in der Charité behandelt werden. Aus der Klinik gebe es bereits eine Zusage. Aktuell würden noch Fluggenehmigungen eingeholt. Nawalny solle mit einer Spezialmaschine aus Omsk geholt werden. Zuvor hatte die „Bild“ über die Pläne berichtet. Der Wunsch sei von der Familie an ihn herangetragen worden, sagte Bizilj.

Nawalnys persönliche Ärztin Anastassija Wassiljewa hatte zuvor schon einen möglichen Transport ins Ausland angedeutet. Der Kreml versprach eine schnelle Prüfung eines entsprechenden Antrags. Wegen des Coronavirus sind die Grenzen nach wie vor geschlossen.

Der Kreml betonte, dass es eine Untersuchung durch die Polizei geben werde, sollte sich der Verdacht auf eine Vergiftung bestätigen. „Wie jeden Bürger unseres Landes wünschen wir ihm baldige Genesung“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Interfax zufolge. „Die Behörden haben viele Kritiker. (...) Wenn aber das Leben eines russischen Staatsbürgers bedroht ist, dann ist das eine ernste Situation, die sowohl Ärzte als auch Ermittler sehr ernst nehmen.“

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell schrieb auf Twitter, sollte sich ein Giftanschlag bestätigen, müssten die „Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden“.

Nawalny ist der führende Kopf der liberalen Opposition. Er hat auch viele Feinde im Machtapparat. Der studierte Jurist wirft der Regierung und Oligarchen regelmäßig Korruption und Machtmissbrauch vor. Zuletzt hatte ihm auch der umstrittene Staatschef von Belarus (Weißrussland), Alexander Lukaschenko, vorgeworfen, hinter den Massenprotesten in seinem Land zu stehen.

Behandlung wegen angeblichen Allergieschocks

Jarmysch brachte den Vorfall mit anstehenden Kommunalwahlen in Russland im September in Verbindung. „Offensichtlich haben die Behörden irgendwelche Vorstellungen, dass die Situation gefährlich werden könnte und man, wenn es nötig ist, auch Alexej neutralisieren muss“, sagte Jarmysch dem Radiosender Echo Moskwy.

Auf den prominenten Kämpfer gegen Korruption hatte es in der Vergangenheit mehrfach Anschläge gegeben. Vor einem Jahr musste er während seiner Haftstrafe in einem Krankenhaus angeblich wegen eines Allergieschocks behandelt werden. Nawalny betonte damals, dass er vergiftet worden sein könnte. Immer wieder gibt es Razzien in seinen Büros. Er wurde auch oft festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt. In Russland waren mutmaßliche Vergiftungen im politischen Milieu in der Vergangenheit immer wieder ein Thema. (dpa)

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