Jemen

Krieg, Hunger und Cholera

Die Vereinten Nationen schlagen Alarm angesichts der katastrophalen Lage im Jemen und fordern schnelle Hilfe. Zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht und viele brauchen internationale Hilfe.
09.09.2017, 20:58
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Krieg, Hunger und Cholera
Von Birgit Svensson
Krieg, Hunger und Cholera

Menschen zeigen in Sanaa ihre Dokumente, um eine Essensration durch eine Wohltätigkeitsorganisation zu erhalten.

dpa

Zwei Millionen Menschen sind auf der Flucht, 80 Prozent der Bevölkerung können nur mit internationaler Hilfe überleben. Zehntausende Zivilisten starben bereits durch Hunger und den brutalen Bürgerkrieg, der zwischen einer Militärallianz unter Führung von Saudi-Arabien und der Huthi-Miliz sowie Unterstützern des geschassten Langzeitpräsidenten Ali Abdullah Saleh an mehreren Fronten tobt.

Inmitten dieser Kriegswirren berichtete die Weltgesundheitsorganisation im Oktober 2016 von den ersten Cholera-Fällen. Seither hat sich die Krankheit in allen Teilen des Landes rasant verbreitet und ist längst zur größten jemals dokumentierten Cholera-Epidemie geworden. Neueste Zahlen besagen, dass inzwischen 600.000 Menschen davon betroffen sind.

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Vision Hope ist neben internationalen Hilfsorganisationen mit deutschen Filialen die einzige rein deutsche Hilfsorganisation, die seit Jahren im Jemen arbeitet und noch immer vor Ort ist. Vor wenigen Tagen bekam ihr Chef, Matthias Leibbrand, eine Mail, die Hoffnung macht.

Für September 2017 bis März 2018 erhalte seine Organisation Nahrungsmittel, um 284.000 Menschen zu versorgen – im Monat. „Das sind 840 Lkw mit je 25 Tonnen – insgesamt 21.000 Tonnen“, hat er schnell ausgerechnet. Dazu erhalte Vision Hope Spezialnahrung für etwa 25.000 unterernährte Kleinkinder, für stillende und schwangere Frauen, „auch wieder pro Monat“.

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Leibbrand und sein Team sollen die Nahrungsmittel verteilen, das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen bringt sie zu den Lagern von Vision Hope. Eine riesige logistische Herausforderung, die der Mann aus dem baden-württembergischen Emmendingen und seine Mitarbeiter zu bewältigen haben. 284.000 soll er retten, von fast 30 Millionen Einwohnern.

Ein Tropfen auf den heißen Stein, könnte man schlussfolgern. Doch Leibbrand ist optimistisch. Für ihn ist das Glas immer halb voll. Die Reise von Vision Hope begann 2002 mit Leibbrands Arbeit im Jemen, sagt der 49-jährige Badener am Skype-Telefon. Das Land habe ihn von Anfang an fasziniert.

„Ich erlebte Gastfreundschaft und Großzügigkeit, obwohl die Menschen vor Ort ihre eigenen Herausforderungen, Konflikte und harten Zeiten durchlebten.“ Jemen galt schon damals als das Armenhaus Arabiens. Deutschland war lange Jahre der größte Geldgeber des Landes am unteren Ende der arabischen Halbinsel, Vision Hope eine von mehreren deutschen Organisationen, die sich dort engagierten.

Wasserversorgung ist zusammengebrochen

Der seit über zwei Jahren tobende Bürgerkrieg hat jedoch alles wieder kaputt gemacht. Die Wasserversorgung, auf die sich die deutsche Hilfe vor allem konzentrierte, ist zusammengebrochen. Auch sonst ist das Land völlig am Boden. Die deutsche Botschaft in Sanaa hat längst geschlossen und mit ihr die meisten deutschen Organisationen.

Luftangriffe von Saudi-Arabien zerstören die Infrastruktur und töten oder verletzen viele Menschen. Der Flughafen in Sanaa ist seit über einem Jahr nicht mehr in Betrieb. Hilfsorganisationen fordern dringend, ihn für Hilfsgüter wieder zu öffnen. Matthias Leibbrand koordiniert den Einsatz im Jemen vom türkischen Gaziantep aus, von wo er mit seiner Organisation Projekte in Syrien durchführt.

Auch in Jordanien und Tunesien ist Vision Hope tätig. Doch nach wie vor liegt ihm der Jemen besonders am Herzen. „Alle Mitarbeiter dort sind Jemeniten, mit denen ich täglich im Kontakt stehe“, sagt der Mann aus Emmendingen bei Freiburg, „wir haben in vielen Führungspositionen Frauen, die sehr gut Englisch sprechen und super engagiert sind“.

"Nur eine politische Annäherung könnte eine Lösung bringen

Eine seiner westlichen Mitarbeiterinnen sei kürzlich dort gewesen, eine Rentnerin. Eine dauerhafte Präsenz westlicher Mitarbeiter wäre aber zu riskant. Geiselnahmen waren im Jemen schon immer ein Problem und sind es jetzt mehr denn je, abgesehen von der ständigen Bedrohung durch Luftangriffe. Da das Landesbüro von Vision Hope in Sanaa ist, sind Leibbrand und seine über Hundert Mitarbeiter auch immer wieder konfrontiert mit der politischen Situation.

Die Kämpfe zwischen Huthis und Saudi-Arabien erschweren ihren Alltag erheblich. Projektbüros unterhält Vision Hope in den von Huthis kontrollierten Provinzen Hajjah und der Hafenstadt Hodeida, wo auch die zugesagten Lebensmittel verteilt werden. Die Vereinten Nationen haben den Bedarf für dieses Jahr auf 2,1 Milliarden US-Dollar (1,9 Milliarden Euro) geschätzt, um die Menschen im Jemen mit Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten, Unterkünften und anderen Hilfsgütern zu versorgen.

Deutschland stellt 2017 für die humanitäre Hilfe 50 Millionen Euro zur Verfügung. Im letzten Jahr waren es 33,3 Millionen. Wie es im Jemen weitergeht, ist für Leibbrand nur schwer vorherzusagen. „Nur eine politische Annäherung könnte eine Lösung bringen“, so Leibbrand. Er jedenfalls werde sich auch weiterhin für die Jemeniten einsetzen und so viele Menschenleben wie möglich retten.

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