Kommentar über den Westsahara-Konflikt Die Welt ignoriert die Friedfertigen

Nach 29 Jahren Waffenruhe in der Westsahara spitzt sich der Konflikt wieder zu. Trotz Marokkos aggressiver Politik schaut die Welt weg, meint Monika Felsing.
29.12.2020, 05:00
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Die Welt ignoriert die Friedfertigen
Von Monika Felsing

Die Geduld hat ein Ende. An der Grenze zur besetzten Westsahara herrscht nach 29 Jahren der Waffenruhe wieder Krieg – auch wenn Marokko das Gegenteil behauptet. Die Befreiungsbewegung Frente Polisario kämpft für die Unabhängigkeit ihres Landes. Die Saharauis bieten einem Gegner die Stirn, der ihnen nicht nur militärisch haushoch überlegen ist. Der marokkanische König versteht es wie andere Autokraten, seine geopolitische Macht auszuspielen. Mitten in einem Krieg, den es angeblich nicht gibt, hat er US-Präsident Donald Trump dazu gebracht, die Besetzung des Landes für rechtmäßig zu erklären.

Für Marokko existiert weder die Demokratische Arabische Republik Sahara noch die Frente Polisario (Volksfront zur Befreiung von Saguía el Hamra und Río de Oro). „Eine radikale marokkanische Minderheit“ nennt die Regierung in Rabat das Volk, dessen eine Hälfte 1976 in die algerische Wüste geflohen ist und dessen andere Hälfte in den besetzten Gebieten lebt – brutal unterdrückt, wie Berichte über massive Menschenrechtsverletzungen belegen. Ihre Musik dürfen die Saharauis in ihrer Heimat nicht hören, ihre Sprache, Hassania, in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Von ihren Angehörigen und vom Rest der Welt sind sie abgeschnitten, denn Marokko lässt weder Diplomaten der Vereinten Nationen noch Journalistinnen oder Journalisten ins Land.

Seitdem Marokko das Erbe der Kolonialmacht Spanien angetreten hat, beutet es das Land am Atlantik wirtschaftlich aus. Abnehmer finden sich genug, nicht nur für das begehrte Phosphat, auch für Sardinen und Tomaten. Deutsche Firmen wollen an Wind- und Solarenergieparks verdienen, US-Konzerne Erdöl fördern. Marokko hat Handelspartner und zahlreiche politische Verbündete. Von der Europäischen Union lässt sich die Regierung dafür bezahlen, dass weniger Menschen von Marokko aus über das Meer flüchten. Die Grenze zu Algerien ist ohnehin dicht, die zum freien Teil der Westsahara mit sieben Millionen Minen bestückt. An diesem 2700 Kilometer langen Todesstreifen musste der Krieg niemandem erklärt werden.

Auf das versprochene Referendum warten die Saharauis seit 1991. Den eher hilflosen Kompromissvorschlag der UN, die Westsahara zu einer weitgehend autonomen marokkanischen Provinz zu machen, lehnen sie verständlicherweise ab. Die Blauhelme haben nicht einmal ein Mandat, den Saharauis in den besetzten Gebieten beizustehen, wie die Bremer Solidaritätspreisträgerin Aminatou Haidar beklagt, die 2019 auch den Alternativen Nobelpreis erhalten hat. Ihr Einfluss droht zu schwinden, weil der jungen Generation jede Perspektive fehlt. Zu groß ist der Zorn über all die leeren Versprechungen. Seit Jahrzehnten leben etwa 170 000 Saharauis in der algerischen Wüste, mitten im Nirgendwo, und warten auf gerechtere Zeiten. Internationale Beobachter staunen, wie lange ein Volk so etwas aushalten kann.

Resilienz, der Begriff aus der Physik und der Traumatherapie, darf aber nicht zum politischen Kalkül werden. Wer darauf setzt, dass die Opfer von Kriegen, des Klimawandels oder neoliberaler Politik leidensfähig sind, will irgendwann nicht mehr die Probleme lösen, sondern die Einstellung dazu. Für die Saharauis und für einige andere Völker ist es eine bittere Erfahrung, dass ihre Friedfertigkeit ihnen nichts als warme Worte einbringt. "Wenn wir den Krieg wieder aufnehmen, entsteht dadurch vielleicht Aufmerksamkeit für unsere Situation“, hat ein offizieller Vertreter der saharauischen Jugend gesagt. Und niemand hat ihm ernsthaft widersprochen.

Donald Trump wiederum erklärt die marokkanische Besatzung für legal, weil Marokko 1777 als erstes Land die USA anerkannt hat und nun als weiteres arabisches Land den Staat Israel anerkennen soll. Der politische Winkelzug hat deutlich mehr Diplomaten aufgeschreckt als die marokkanischen Landminen, die Menschenrechtsverletzungen und die Schüsse an der Grenze zusammen. Ein Sprecher der Frente Polisario verhielt sich äußerst resilient: Er ließ die Nachricht an sich abprallen. Und wartet – auf den neuen Präsidenten.

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