Kommentar über Kuba

Kuba versucht es mit „karibischen Intershops“

Es fehlt in Kuba wieder an fast allem, mehr denn je an harter Währung, an Nahrungsmitteln, aber auch an Infrastruktur und Treibstoff. Die Insel ist in einem Teufelskreis, meint Klaus Ehringfeld.
15.01.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Klaus Ehringfeld
Kuba versucht es mit „karibischen Intershops“

In den Straßen von Havanna sind viele alte Autos zu sehen, doch das Benzin wird knapp auf Kuba.

EPA/ Ernesto Mastrascusa

Die Ochsenkarren sind zurück auf Kuba. Auf den Feldern in den Provinzen der Insel müssen die Bauern wieder mit der jahrhundertealten Methode anbauen, weil es entweder keine Traktoren oder keinen Diesel gibt. Manchmal gibt es weder das eine noch das andere. Auch die Ärzte sind wieder da, rausgeschmissen aus Brasilien, Bolivien, Ecuador und El Salvador oder von der Regierung zurückgeholt aus Venezuela. Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer und Trainer waren Kubas wertvollster Exportartikel in den vergangenen Jahren. Sie brachten Devisen oder wurden mit Öl- und Lebensmittellieferungen verrechnet.

Die Entwicklungen in der Landwirtschaft und beim Experten-Export belegen, wie es zu Beginn des Jahres 2020 auf dem letzten kommunistischen Vorposten in der westlichen Welt aussieht. Es fehlt wieder an fast allem, mehr denn je an harter Währung, an Nahrungsmitteln, aber auch an Infrastruktur und Treibstoff. Es ist ein Teufelskreis. Weil es kein Geld gibt, kann kein Benzin oder Öl bezahlt werden. Daher kann nicht genügend im Land produziert werden, weshalb es wieder mehr Devisen braucht, um im Ausland Nahrungsmittel einzukaufen.

Die Krise ist also wieder zurück. Sie ist selbstgemacht, aber auch fremdverschuldet. Alte Verbündete wie Venezuela sind pleite, neue Freunde wie die USA, die unter Barack Obama nah an Kuba heranrückten, sind unter Donald Trump wieder in die Feindrolle des Kalten Krieges zurückgefallen. Und da Kuba auch 60 Jahre nach der Revolution noch immer nicht alleine lebensfähig ist, müssen also wieder das Benzin rationiert und die Klimaanlagen öfters abgeschaltet werden. Kurzarbeit in den staatlichen Fabriken und das Fehlen bestimmter Güter gehören wieder zum Alltag. Toilettenpapier, Käse und Kaffee sind auch gegen harte Währung kaum noch zu bekommen.

Es erinnert also alles immer mehr an eine Zeit an, die man in der Führungsspitze der Kommunistischen Partei längst überwunden glaubte. Die „Spezialperiode“, die Revolutionsführer Fidel Castro nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausrief, als die Insel zeitweise sogar vor dem wirtschaftlichen Untergang stand. Eine Lehre von damals haben die Machthaber gezogen. Havanna setzt jetzt auf mehrere Partner. Neben dem neuen „Bruderstaat“ Venezuela gehören Mexiko, Russland, Iran, China und Algerien zu den Alliierten. Aber außer den Experten, also der Arbeitskraft der eigenen Bevölkerung, hat Havanna nichts zu bieten.

Daher bleiben die Devisen knapp, denn Venezuelas Wirtschaft kollabiert und der Tourismus auf Kuba bricht unter den Quasi-Sanktionen der USA ein. Besonders hart treffen die Restriktionen bei den Dollar-Überweisungen. Exilkubanern in den USA ist es jetzt nur noch gestattet, 1000 Dollar pro Quartal an ihre Familienangehörigen zu überweisen. Dollar-Spenden sind sogar ganz verboten.

Es wird also eng, sehr eng für die Regierung. Aber anstatt die aktuelle Schieflage zu einer umfassenden Reform zu nutzen und endlich die anachronistischen Altlasten der kommunistischen Wirtschaften abzuschaffen, wird wieder nur an den Symptomen rumgedoktort. Neueste Idee der Führung: „Back to the DDR“. Die Regierung will der Devisenknappheit mit „karibischen Intershops“ begegnen. Ende Oktober wurden die ersten 13 dieser Dollar-Läden eröffnet. Dort lässt die Führung vor allem elektronische Haushaltsgeräte und Autozubehör verkaufen, aber auch Artikel des täglichen Bedarfs, die es sonst nirgendwo mehr gibt.

Aber Ökonomen sind sich sicher: Die Dollar-Läden können nur das Schlimmste verhindern. Langfristige Besserung verspräche nur eine Abkehr vom System der Staatsbetriebe, von denen der größte Teil fast nichts zur Produktivität auf der Insel beiträgt, aber viele Arbeitskräfte bindet. Noch wichtiger aber wäre in der Landwirtschaft ein „Markt-Sozialismus“ wie in China oder Vietnam. Der würde den Bauern völlig freie Hand lassen bei der Frage, was sie produzieren und an wen sie zu welchen Preisen verkaufen. Bisher müssen Kubas Bauern einen Großteil ihrer Produktion an den Staat abgeben – und bekommen dafür nicht einmal den Marktpreis.

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