Bundesregierung bringt Verbot auf den Weg Ende des Schredderns von Küken

Weil sie sich nicht vermarkten lassen, werden massenhaft Küken kurz nach dem Schlüpfen getötet. Tierschützer machen seit Jahren Front gegen diese Praxis. Ein Ausstieg kommt jetzt konkret auf den Weg.
20.01.2021, 19:17
Lesedauer: 3 Min
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Ende des Schredderns von Küken
Von Wolfgang Mulke

Pünktlich zur Agrarmesse Grüne Woche, die in diesem Jahr nur virtuell im Internet stattfindet, hat Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ein lange gefordertes Gesetz auf den Weg gebracht. Das Bundeskabinett beschloss ein Verbot des Tötens männlicher Küken zum Jahresende 2021. Inzwischen gibt es technische Möglichkeiten, das Geschlecht der Küken schon im Ei zu bestimmen und die Küken gar nicht erst schlüpfen zu lassen. Die männlichen Küken von Legehennen sind für die Aufzucht von Hähnchen nicht geeignet. Deshalb werden sie bisher getötet. Auf diese Weise landen in Deutschland jährlich 45 Millionen Küken im Abfall. Ab 2024 sollen dann Technologien zum Einsatz kommen, die das Geschlecht schon sehr früh bestimmen ­können. Damit können Schmerzen für die ­Embryonen weiter verringert werden.

„Diese unethische Praxis gehört dann der Vergangenheit an“, sagte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU). Sie sprach von einem „bedeutenden Fortschritt für den Tierschutz“. Weltweit sei Deutschland das erste Land, das so klar vorgehe. Kritiker, die bei der bisherigen Praxis auch von „Kükenschreddern“ sprechen, forderten dagegen einen weitergehenden Systemwechsel.

Bis Ende 2021 sollen dem Entwurf zufolge marktreife Alternativen zur Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei zur Verfügung stehen. Das Landwirtschaftsministerium hatte die Entwicklung dieser Verfahren nach eigenen Angaben mit mehreren Millionen Euro gefördert. Alle bereits verfügbaren Möglichkeiten zur Geschlechtsbestimmung im Ei setzten zwischen dem 9. und 14. Bebrütungstag an, hieß es. Es werde weiter geforscht, damit dies noch früher möglich werde. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass ab 2024 das Töten von Hühnerembryonen im Ei bereits nach dem 6. Bruttag verboten wird. Insgesamt wird ein Küken 21 Tage ausgebrütet.

Neben der Tötung von Hühnerembryonen im Ei existieren zwei weitere Möglichkeiten, das Töten der geschlüpften männlichen ­Küken zu umgehen: die Verwendung sogenannter Zweinutzungshühner, die – wenngleich weniger – so doch auch aus wirtschaftlicher Sicht ausreichend Fleisch und Eier liefern, oder alternativ die Aufzucht von sogenannten Bruderhähnen. Dabei wird das an sich unrentable Mästen der Hähne über höhere Preise der Eier der Legehennen mit­finanziert.

Kritik am Regierungsentwurf kam vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): „Statt männliche Küken zu ­töten, werden in Zukunft die Eier aussortiert. Das kann keine Lösung sein“, sagte der Vorsitzende Olaf Bandt. „Wir brauchen den längst überfälligen Umbau der Tierhaltung – hin zu einem System, das keine Tiere aussortiert, weil sie scheinbar nutzlos sind.“ Nötig sei, konsequent auf Zweinutzungshühner zu setzen.

Ähnlich äußerte sich der Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, Martin Rücker. „Wer Tierschutz möchte, muss den tierquälerischen Irrsinn der Hochleistungshennen beenden“, sagte er. „Wenn nur die grausame Praxis des Kükentötens in Deutschland beendet wird, ändert dies an dem unerträglichen Leid der Legehennen rein gar nichts.“ Auch die Aufzucht von Bruderhähnen bringe keinen entscheidenden Fortschritt. Rücker sprach sich ebenfalls für Zweinutzungshühner aus.

Die Fraktionschefin der Linken im Bundestag, Amira Mohamed Ali, erklärte, es gebe nur eine tierschutzgerechte Lösung. „Die männlichen Küken müssen aufgezogen werden und das mit anständigen Haltungs­bedingungen.“ Das neue Gesetz verschiebe „das millionenfache Töten der männlichen Küken nur um wenige Tage vor das Schlüpfen, wenn die Tiere bereits Schmerz empfinden“, so Mohamed Ali weiter. ⇒(Mit KNA)

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Tierversuche künftig nur mit Genehmigung

Versuchstiere sollen in Deutschland besser geschützt werden. So sollen Tierversuche künftig einer Genehmigung bedürfen, wie aus einem am Mittwoch von der Bundesregierung auf den Weg gebrachten Gesetzentwurf hervorgeht. Bislang mussten sie lediglich angezeigt werden. Außerdem sollen Versuchs­anträge künftig detaillierter und nach fest-
gelegten Kriterien durch die Behörden geprüft werden. Ziel der Regierung sei die Verbesserung, Verringerung und Vermeidung von Tierversuchen, erklärte Bundesagrarministerin ­Julia Klöckner (CDU). Der Gesetzentwurf sieht weiterhin vor, dass ein „angemessener Teil“ der Kontrollen von Einrichtungen, in denen mit Tieren experimentiert wird, ohne Vorankün­digung erfolgen muss. Die Häufigkeit der ­Kontrollen soll zudem auf einer Risikoanalyse ­basieren. Zudem möchte die Regierung die ­Unabhängigkeit der Tierschutzbeauftragten in Forschungseinrichtungen stärken. Grundsätzlich sollen laut Agrarministerium Tierversuche zu wissenschaftlichen Zwecken – wenn möglich – durch Alternativen ersetzt werden.

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