Bremen Kulturrevolution im Klassenzimmer

Sakine Esen Yilmaz gibt sich kämpferisch: „Das faschistische Regime wird sich nicht ewig halten. Irgendwann wird es Widerstand geben“, sagt die 39-Jährige und meint damit die aktuelle Lage in der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan, der nach dem Putschversuch im Juli immer härter gegen unliebsame Militärs, Journalisten, Politiker und andere Berufsgruppen vorgeht.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Kulturrevolution im Klassenzimmer
Von Eike Wienbarg

Sakine Esen Yilmaz gibt sich kämpferisch: „Das faschistische Regime wird sich nicht ewig halten. Irgendwann wird es Widerstand geben“, sagt die 39-Jährige und meint damit die aktuelle Lage in der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan, der nach dem Putschversuch im Juli immer härter gegen unliebsame Militärs, Journalisten, Politiker und andere Berufsgruppen vorgeht. Sie wirkt energisch, wartet ungeduldig, dass der Dolmetscher ihre Worte übersetzt, aber auch ein wenig müde. Bis zu ihrer Flucht vor wenigen Wochen war Yilmaz Generalsekretärin der türkischen Gewerkschaft Eğitim Sen, die sich um Lehrer und Bildungspersonal kümmert. Neben den anderen Berufsgruppen sind es vor allem auch die Pädagogen, die unter Repressalien der türkischen Regierung zu leiden haben.

Nach dem Putschversuch vom 15. Juli dieses Jahres sind nach Angaben von Yilmaz insgesamt rund 72 000 Lehrer aus dem Schuldienst entlassen worden. 9400 Eğitim-Sen-Mitglieder wurden vorläufig suspendiert. Oft ohne offizielle Begründung, wie Yilmaz sagt. Ihnen wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen vorgeworfen, den türkische Behörden für den Putschversuch verantwortlich machen.

Bisher sei den meisten Entlassenen jedoch kein Prozess gemacht worden, geschweige denn Anklage erhoben worden, sagt Yilmaz. Es gebe keine Kriterien für die Entlassung.„Sie möchten das Bildungssystem neu designen“, erklärt sie und spricht damit die Pläne der Regierung von Erdogans Partei AKP an. Verbeamtete Lehrer sollen durch Angestellte ersetzt werden. Diese seien günstiger und könnten leichter entlassen werden. So sollen laut Yilmaz die Lehrer nach und nach durch regimetreue und AKP-nahe Lehrer ausgetauscht werden. Ähnliche Ansätze habe es bereits im Bankenwesen oder auch im Kulturbereich gegeben, sagt sie.

Sakine Yilmaz selbst ist ebenfalls betroffen. In der Türkei drohen ihr laut eigenen Angaben mehr als 20 Jahre Haft aus unterschiedlichen Gründen. Vier Jahre und drei Monate erhielt sie für ihre Teilnahme an Protesten. Vier weitere Anklagen wegen angeblicher Verbindungen zu terroristischen Organisationen laufen noch. „Ich bin mir keiner Schuld bewusst“, betont sie. Auch ihre entlassenen Kollegen seien unschuldig.

Die Repressionen für Lehrer hätten allerdings nicht erst mit dem Putschversuch angefangen. „Das Ganze hat nach den Wahlen vom 7. Juni 2015 begonnen“, erzählt Yilmaz. Damals wurde in der Türkei über ein neues Parlament abgestimmt. Erdogans AKP musste eine herbe Niederlage verdauen. Eine Regierung kam nicht zustande. Bei den Neuwahlen im November erreichte die AKP dann eine absolute Mehrheit. „Die Vorkehrungen für die Entlassungen wurden bereits damals getroffen“, sagt Yilmaz. Proteste der Gewerkschafter nach den Terroranschlägen in der türkischen Hauptstadt Ankara am 10. Oktober wurden von den Behörden unterbunden.

Mehrfach legten die Lehrer danach die Arbeit nieder, um gegen Ausgangssperren und Schulausfall zu demonstrieren. Infolge dessen seien rund 13 000 Lehrer gefeuert worden, berichtet Yilmaz. Sie ist überzeugt davon, dass Erdogan nur einen Grund für sein Vorgehen brauchte. „Sie haben das ein Jahr lang geplant“, sagt sie. Das Bildungsministerium habe Hand in Hand mit dem türkischen Geheimdienst MIT und den anderen Sicherheitsbehörden zusammengearbeitet.

Dann erzählt sie die Geschichte ihres Kollegen Mitat Güley. Er ist kurdischer Alevit und Mitglied in der Gewerkschaft, jedoch nicht in einer aktiven Position. „Ihm wird vorgeworfen, die Gülen-Bewegung zu unterstützen, dabei war er immer ein Gülen-Gegner“, sagt sie. Trotzdem wurde er entlassen. „Es gibt Tausende solcher Fälle.“

Sie berichtet außerdem von Ausgangssperren, geschlossenen Schulen, die teilweise als Polizeireviere genutzt würden, wie zum Beispiel in der Provinz Şırnak im Osten der Türkei, und von Veränderungen im Unterricht. „Die Schüler sollen wieder mehr an die Religion herangeführt werden“, erklärt sie. Auch der türkische Nationalismus werde verstärkt gerühmt. Die Ereignisse vom 15. Juli werden verklärt und der Unterricht mit AKP-Propaganda durchsetzt. Unter dem Motto „Vier Tage zur Schule, einen Tag zur Moschee“werde zum Beispiel in der Stadt Mersin nun der Unterricht geführt. Das sei laut dem türkischen Recht so aber überhaupt nicht erlaubt. Die Lehrer, die sich gegen das Projekt stellten, seien entlassen worden, berichtet Yilmaz. Aus Furcht vor Denunziationen gebe es in den Lehrerzimmern keine politischen Diskussionen mehr. „Jeder könnte jeden anzeigen“, beschreibt Sakine Yilmaz ein Klima der Angst unter vielen Lehrern.

Auch Yilmaz‘ Ehemann wurde vor Kurzem entlassen. Ihre gesamte Familie lebt noch in der Türkei. Von weiteren Repressionen seien sie aber bislang verschont geblieben, erzählt die 39-Jährige, die jeden Tag in Kontakt mit Verwandten oder ehemaligen Kollegen steht. Sie selbst lebt zurzeit in einer Flüchtlingsunterkunft in Essen, wo sie auf das Ergebnis ihres Asylantrags wartet. „In Deutschland ist die GEW meine Familie“, sagt sie mit Blick auf die deutschen Gewerkschafter, die sie seit ihrer Ankunft in Deutschland unterstützen.

Eine baldige Rückkehr in ihre Heimat schließt Yilmaz unter den gegebenen Umständen aus. Zu tief sind die Veränderungen. Sie setzt nun auf die Hilfe des Auslands. Von der EU und der deutschen Regierung wünscht sie sich vor allem eines: „Sie sollen wieder nach europäischen Werten agieren und nicht nur nach wirtschaftlichen Aspekten.“ Dabei kritisiert Yilmaz vor allem die deutschen Waffenlieferungen an die Türkei. Laut Rüstungsexportbericht der Bundesregierung wurden allein im ersten Halbjahr 2016 Waffen und Munition im Wert von 76,4 Millionen Euro in die Türkei exportiert. Damit rangiert die Türkei auf Platz acht der Länder mit dem größten Volumen von deutschen Waffenexporten. „Diese Waffen werden in der Türkei für die Ermordung von Zivilisten genutzt“, klagt Yilmaz an. „Jemand muss Erdogan sagen, dass jeder das Recht auf Leben hat.“

Zur Person

Sakine Esen Yilmaz (39) war seit 2007 bis zu ihrer Flucht vor dem Regime vor wenigen Wochen Generalsekretärin der türkischen Lehrergewerkschaft Egitim Sen. Nun sucht sie Asyl in Deutschland und lebt in Essen.
„Sie haben das ein Jahr lang geplant.“ Sakine Yilmaz
„Sie möchten das Bildungssystem neu designen.“ Sakine Yilmaz
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+