Riexinger war Wunschkandidat des Saarländers / Ex-Bremer im Führungsstab

Lafontaines langer Schatten

Es ist die späte Rache des Oskar Lafontaine. In Vorgesprächen zum Parteitag konnte er seinen Rivalen Dietmar Bartsch nicht ausschalten. Das hat jetzt sein Ersatzmann Bernd Riexinger erledigt, der nun gemeinsam mit Katja Kipping die neue Linken-Spitze bildet.
11.06.2012, 13:27
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Lafontaines langer Schatten
Von Norbert Holst
Lafontaines langer Schatten

Das neue Spitzenduo aus der bisherigen Parteivize Katja Kipping und Baden-Württembergs Landeschef Bernd Riexinger soll die Linke aus der Krise führen.

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Es ist die späte Rache des Oskar Lafontaine. In Vorgesprächen zum Parteitag konnte er seinen Rivalen Dietmar Bartsch nicht ausschalten. Das hat jetzt sein Ersatzmann Bernd Riexinger erledigt, der nun gemeinsam mit Katja Kipping die neue Linken-Spitze bildet.

Göttingen. Manch ein Delegierter in der Lokhalle sitzt plötzlich wie versteinert da. Andere jubeln, steigen auf Tische und Stühle. Sie stimmen spontan das alte Arbeiterlied „Die Internationale“ an – mit der berühmten Zeile „auf zum letzten Gefecht“. Gerade hat Bernd Riexinger die Abstimmung gegen Dietmar Bartsch gewonnen. Das heißt: Die vornehmlich aus Ostdeutschland kommenden Reformer gehen bei der Besetzung der Chefposten leer aus. Oscar Lafontaines Plan ist aufgegangen, er hat Riexinger vorgeschickt und damit die Wahl seines Intimfeinds verhindert. Vielleicht ist der Freudengesang im Lafontaine-Lager wirklich spontan und gar nicht so demütigend gemeint – doch bei manchem Delegierten aus dem Osten kommt das gar nicht gut an.

Am Morgen nach der zermürbenden Wahlnacht ist Deeskalationspolitik angesagt. Fraktionschef Gregor Gysi gibt die Linie vor: Die neue Doppelspitze der Linken müsse eine faire Chance bekommen. Was sie zumindest bekommt, ist ein starkes Unterstützer-Team: Der zum Bartsch-Lager zählende Landeschef von Sachsen-Anhalt, Matthias Höhn, wird mit einer großen Mehrheit von 80,9 Prozent zum Bundesgeschäftsführer gewählt. Auch das vierköpfige Team der Vize-Vorsitzenden wird neu aufgestellt: Sahra Wagenknecht, Lebensgefährtin von Lafontaine, die aber auch im Osten Rückhalt hat. Jan van Aken aus Hamburg und Caren Lay aus Sachsen, beide wie Kipping Verfechter eines „dritten Weges“ abseits der streitenden Flügel. Axel Troost, Wirtschafts- und Finanzexperte der Partei und Mitbegründer der WASG in Bremen, jetzt Bundestagsabgeordneter mit Wohnsitz in Sachsen.

Auch Dietmar Bartsch spielt mit. Der große Verlierer der Wahlnacht gibt sich am Tag danach keineswegs zerknirscht: „Klar, ich hätte gerne diese Wahl gewonnen, aber ich gehe aufrecht vom Parteitag weg“, sagt er in einem TV-Interview. Und nicht zuletzt das neue Führungsduo setzt in seinen ersten Worten alles daran, die Wogen zu glätten. Riexinger, Landesvorsitzender der Linken im Südwesten und Stuttgarter Verdi-Geschäftsführer, verspricht, zunächst mit jenen zu reden, „die mich nicht gewählt haben“. Und die 34-jährige Kipping, seit längerem eine Nachwuchshoffung der Linken, appelliert an die anderen: „Bitte lasst uns diese verdammte Ost-West-Verteilung auflösen.“

Niedersachsen als „Referenzprojekt“

Die ersten Signale vom Spitzenduo kommen gut an in der zerstrittenen Partei. Die Bremer Linken erklären, mit der Wahl des Vorstands habe sich der Parteitag für „Einheit, Pluralität und Bewegungsnähe“ entschieden. Auch Niedersachsens Linke können zufrieden sein: Sie hatten sich im Vorfeld des Göttinger Treffens für Riexinger stark gemacht.

Für den erhofften Neustart der Linken kommt dem niedersächsischen Landesverband eine Schlüsselrolle zu. Die Landtagswahl im Januar 2013 ist der letzte größere Fingerzeig vor der Bundestagswahl im Herbst. „Niedersachsen wird unser Referenzprojekt“, sagt der thüringische Fraktionschef Bodo Ramelow, einer der einflussreichsten Linken-Köpfe. Das Wort vom „Referenzprojekt“ dürfte dann auch für Kipping und Riexinger gelten.

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