Standpunkt zur Lage im Libanon Libanon - Ein Land am Abgrund

Einst war das Land „die Schweiz des Nahen Ostens“. Heute steht der Libanon am Abgrund. Nun will sich dort Deutschland stärker engagieren. Das grenzt an Selbstüberschätzung, meint Birgit Svensson.
08.04.2021, 05:00
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Libanon - Ein Land am Abgrund
Von Birgit Svensson

Stundenlang ist der Libanon ohne Strom. Zwei der vier Energiekraftwerke stehen still. Kein Geld für Treibstoff, keine Devisen, nichts mehr. Seit Monaten verschärft sich die wirtschaftliche Situation. Die Inflation lag bei Lebensmittelpreisen im vergangenen Jahr bei schwindelerregenden 402 Prozent, weil das libanesische Pfund mehr als 80 Prozent an Wert verloren hatte.

Ende 2020 berichteten 19 Prozent der libanesischen Staatsangehörigen und 21 Prozent der syrischen Flüchtlinge vom Verlust ihrer Haupteinkommensquellen. Die Gründe: die kombinierten Auswirkungen der Finanzkrise und der Covid-19-bedingten Einschränkungen. Der Libanon wird inzwischen von zwei UN-Organisationen als eines der Länder geführt, dem eine ernsthafte Hungerkrise bevorstehen könnte. Ein Land im Absturz. Ist der Libanon überhaupt noch zu retten?

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Viele Menschen in Beirut verzweifeln. Wer noch Arbeit hat, kriegt nicht einmal mehr die Hälfte des Lohns von vor einem Jahr. Dennoch werden die Mieten nicht herabgesetzt, und die Preise für Lebensmittel explodieren. Es kommt zu Plünderungen. Die „Schweiz des Nahen Ostens“, wie der Libanon einst genannt wurde, produziert so gut wie nichts, muss beinahe alle Waren einführen. Wie die Schweiz in Europa lebte der Libanon im Nahen Osten vom Geld der anderen, die es zuhauf auf seinen Banken horteten – bis alles zusammenbrach. Viele Bürger versuchen mittlerweile panisch, ihre Nahrungsmittelvorräte aufzustocken, bevor ihr Geld noch weniger wert ist.

Die Nähe zu Israel, zum Konfliktherd Syrien, die Millionen von syrischen Flüchtlingen, die hohe Jugendarbeitslosigkeit, nicht zuletzt die komplizierten politischen Verhältnisse bestimmen das Leben. Im Land spielt die islamistische Hisbollah eine wichtige Rolle, aber auch Saudi-Arabien mischt mit, obendrein wirken die geopolitischen Interessen von Iran, Türkei, USA, Russland und China. All das ist zu viel für den kleinen, knapp sieben Millionen Einwohner zählenden Zedernstaat. Und dann ist da noch die Korruption. Corona und die Korruption seien ein und dasselbe Desaster, sagen die Libanesen. Beide nähmen die Luft zum Atmen.

Wie sehr sich die Krake Korruption in alle Schichten der Gesellschaft hineingefressen hat, ist am Beispiel Libanons gut zu beobachten. Als der erste Impfstoff gegen das Virus eintraf, wurde er geradewegs vom Flughafen ins Parlament transportiert, um die Politiker zu impfen. „Die wurden geimpft und meine Oma musste sterben“, berichtet Mohamad aus Beirut, „mich selbst hat es jetzt auch erwischt“. Zwei Wochen lang konnte der Diabetiker sich nicht auf den Beinen halten, lag ausschließlich schwer atmend im Bett. Nach der Impfung der Abgeordneten und der Regierungsmitglieder war der gesamte Impfstoff aufgebracht.

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Das Land ist gebeutelt: Im vergangenen August explodierten rund 2700 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen von Beirut, 190 Menschen wurden getötet und mehr als 6500 verletzt. Mehr als 6000 Menschen starben bislang an oder mit Covid-19. Viele Menschen erwägen, das Land zu verlassen. Die zeitweilige Hoffnung, die der französische Präsident Emmanuel Macron nach der Katastrophe im Libanon weckte, ist genauso verpufft wie die großen Worte der libanesischen Politiker, die Besserung gelobten.

Dass Macron mit seiner Krisenintervention scheiterte, spricht Bände über die Schwierigkeit der Lage – und besonders über die Haltung eines europäischen Staatschefs. Fast ein Jahr nach der Katastrophe am Hafen hat der Libanon noch immer keine Regierung.

Nun will es Deutschland versuchen. Man wolle den zerstörten Hafen wieder aufbauen und ein Zeichen der Hoffnung setzen, heißt es vonseiten der Bundesregierung. Allerdings knüpft Berlin das Angebot an Bedingungen. So soll sich die politische Elite des Libanon zunächst auf eine funktionierende Regierung verständigen, die Staatsfinanzen auf eine solide Basis stellen und gegen die Korruption vorgehen. Hört sich an wie einst Macron. Dass die Deutschen damit mehr Erfolg haben werden als die Franzosen, grenzt an Selbstüberschätzung.

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