Kommentar über die Lage in Beirut

Ein Land zwischen Verzweiflung und Hoffnung

So makaber es ist: Durch die Explosion steht der Libanon plötzlich im Interesse der internationalen Politik. Hilfen sollen an Reformen gekoppelt werden. Das macht ein wenig Hoffnung, meint Hans-Ulrich Brandt.
12.08.2020, 05:00
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Ein Land zwischen Verzweiflung und Hoffnung
Von Hans-Ulrich Brandt
Ein Land zwischen Verzweiflung und Hoffnung

Die Wut der Menschen in Beirut ist groß: "Meine Regierung hat das getan" steht auf dieser Mauer am Hafen.

Marwan Naamani /dpa

Nach dem Ende des Bürgerkriegs war es die in allen arabischen Ländern sehr verehrte Sängerin Fairuz, die dem Libanon wieder Hoffnung gab und den Glauben an Versöhnung. Mit ihrem Auftritt vor 50.000 Menschen auf der Place de Martyrs, dem Märtyrerplatz im Herzen Beiruts, und “den 200.000 Geistern des Krieges“, wie eine Zeitung damals schrieb, stärkte sie den Lebensmut der Libanesen. Von ihr stammt auch die tieftraurige Liebeserklärung an ihre Stadt, Li Beirut - An Beirut, die sie 1984 während des Bürgerkriegs (1975 – 1990) geschrieben hatte. Darin heißt es: „Von ihrer Herrlichkeit zeugt Beiruts Asche. Jetzt hat meine Stadt ihre Lichter gelöscht.“

Es ist erschreckend, wie aktuell diese Hymne auf Beirut wieder geworden ist. Die Explosion von 2700 Tonnen Ammoniumnitrat hat die Stadt von einem Tag auf den anderen zurückgeschleudert in die Apokalypse des Bürgerkriegs: Ruinen überall, Häuser ohne Fenster und Türen, verschüttete Straßen, Obdachlose, Verletzte, Tote. Und mit dieser Katastrophe sind sowohl die Hoffnungslosigkeit als auch die Wut der Menschen auf die Regierung zurückgekommen. Der Libanon steht erneut am Abgrund, und die offenen Fragen sind: Welche Zukunft erwartet das Land? Und: Wer kann sie überhaupt gestalten? Eine Antwort hat auch der bekannte libanesische Schriftsteller Abbas Beydoun nicht. In einem Interview antwortet er: „Vielleicht stehen wir vor dem Beginn einer Freiheitsbewegung. Aber vielleicht stürzen wir auch in einen Zustand der Verzweiflung“.

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In Beirut ist nach Tagen des Aufräumens und Trauerns die Zeit des Protestierens gekommen. Die Regierung von Premier Hassan Diab, für viele die Zielscheibe ihres Zorns, ist zurückgetreten. Vorgezogene Neuwahlen wurden angekündigt. In einem herkömmlichen demokratischen Staat sind das erste Schritte der Besserung, im Libanon nicht. Dort gibt es keinen Staat und keine wirkliche Regierung. Es gibt noch nicht einmal eine libanesische Nation, keine Einheit des Volkes. Die Menschen sind Gefangene ihrer Konfessionen. Die Macht halten die einstigen Rivalen des Bürgerkriegs fest in Händen. Die Anführer der Christen, Schiiten, Sunniten und Drusen plündern den Libanon mit ihrem Patronagesystem.

Übrig geblieben ist ein zutiefst korruptes und seit letztem Jahr auch endgültig bankrottes Land. Armut und Arbeitslosigkeit steigen rasant, die notdürftig funktionierende Infrastruktur des Landes – Strom, Wasser und Müllentsorgung – ist längst an ihre Grenzen gekommen. Die Anführer der Glaubensgruppen mit ihre Cliquen haben sich den Libanon zur Beute genommen und aufgeteilt: Hisbollah-Chef Nasrallah und der Chef der Amal-Bewegung Berri für die Schiiten; Präsident Aoun für die maronitischen Christen; Ex-Premier Hariri für die Sunniten und Drusen-Anführer Jumblat. Sie stellen durch die konfessionelle Verteilung der Regierungsämter sicher, dass nichts gegen ihre Interessen geschieht. Die Regierung ist zwar zurückgetreten, eine neue könnte gewählt werden. Aber ändern könnte auch sie nichts, solange das Kartell der im Hintergrund Herrschenden nicht zerschlagen wird. Wer aber würde das wagen?

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Bei allem Mut der sich jetzt zurückgemeldeten Protestbewegung: Der Weg hin zu einem Staat ohne konfessionelle Einflussnahme ist auch nach der Katastrophe im Hafen von Beirut kaum vorstellbar. Schon im Herbst vergangenen Jahres musste unter dem Druck der Straße eine Regierung zurücktreten. An der desaströsen Lage änderte sich dadurch nichts.

Eines aber gibt etwas Hoffnung. So makaber es ist: Durch die schreckliche Explosion vor acht Tagen steht der Libanon plötzlich im internationalen Interesse. Frankreich hat sich eingeschaltet, die Vereinten Nationen, der Währungsfonds, die EU. Am heutigen Mittwoch ist Außenminister Heiko Maas in Beirut. Hilfsgelder an Reformen koppeln, das ist der einhellige Tenor aus Paris, New York, Brüssel und Berlin. Überwacht von einer neutralen Instanz wie der UN? Es wäre schon viel gewonnen, wenn im Libanon die Hilfe dort ankommen würde, wo sie gebraucht wird. Oft fällt in Beirut der Satz: Bevor sich etwas ändert, muss erst alles kaputt gehen." Es wäre ein Albtraum, wenn nicht einmal dies stimmen würde.

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