Kommentar zum „Rezo“-Video

Lol ey, Rezo!

„Rezo“ mischt mit einem frechen Video die CDU und die Republik auf. Er sollte uns auch verraten, welche Form von Staat und Demokratie er denn eigentlich will, meint Politikredakteur Joerg Helge Wagner.
24.05.2019, 17:40
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Lol ey, Rezo!
Von Joerg Helge Wagner
Lol ey, Rezo!

Youtube-Star "Rezo" (rechts) hat den Apparat von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak völlig aus dem Tritt gebracht.

FOTO: obs/WeltN24 GmbH

Videos mischen gerade das politische Leben auf: erst ein blauer Rechtspopulist aus Österreich, kurz darauf ein junger Mann mit blauer Haartolle aus Deutschland. Das erste Video, heimlich produziert, führte zum Sturz der Regierung in Wien. Das andere wird solche Folgen in Deutschland nicht haben, aber es macht die Kanzlerinnenpartei immerhin hochgradig nervös und lässt sie schlecht aussehen.

Offensichtlich wurde die CDU von der Attacke via Youtube eiskalt erwischt. Ein 26-jähriger Dampfplauderer mit dem Pseudonym „Rezo“ und einer Körpersprache, die an Ausdruckstanz erinnert, bringt einen hochprofessionellen Macht- und Kommunikationsbetrieb völlig aus dem Tritt. Das erstaunt und erschreckt gleichermaßen.

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Dabei wurden die vielen argumentativen Schwächen in der 55-minütigen Wutrede rasch, kühl und umfassend seziert, etwa auf faz.net – aber dahinter steckte eben ein kluger Kopf in einer Frankfurter Redaktion und nicht einer im Berliner Konrad-Adenauer-Haus. Und „Rezo“ selbst ist nun auch ganz bestimmt kein Dummkopf, er wirkt eher wie Juso-Chef Kevin Kühnert auf Speed. Über Sätze wie „Ich mag Leben voll gerne“ mag man sich mokieren, und Gerede über „die ärmsten 50 Prozent, also 40 Millionen Menschen“ ist in Bezug auf Deutschland jenseits jeder Seriosität. Doch zum Video kann man auch zwölfeinhalb Seiten mit Links, quasi als Fußnoten, abrufen. Das hat schon eine ganz andere Qualität als das „Merkel, hau ab!“-Geschrei, das man im Bundestagswahlkampf zwar nicht überhören, aber doch noch überspielen konnte.

„Rezo“ und seine Fans lehnen ja nicht „das System“ oder „diesen Staat“ ab – das unterscheidet sie bei allen Schwächen in Argumentation und Stil grundlegend von den rechts- und linksradikalen Feinden dieser Demokratie. Acht Millionen Aufrufe des Videos und 800.000 Likes sind nicht entscheidend: Die meisten dieser ohne jeglichen Aufwand verteilten Klicks dürften von Leuten stammen, die ohnehin nie CDU wählen würden. Die wollen vermutlich auch nicht über Feinheiten des Parteiprogramms debattieren.

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Die entscheidende Frage, mit der man "Rezo" & Co. konfrontieren muss, lautet: Welche Art von Staat und Regierung wollt ihr denn? So eine Art Demokratie auf Zuruf? Wenn sich nur genügend Empörte im Netz oder auf dem Marktplatz versammeln, lassen wir eben mal diesen ganzen anstrengenden, zuweilen auch frustrierenden Kram mit Parlamentsausschüssen, Koalitionsverträgen etc. weg und lenken einfach ein? Kann man so machen. In der Schweiz dürfen deshalb seit 2009 keine Minarette mehr gebaut werden – das Volk wollte es so. Vielleicht beschert uns eine à la "Rezo" viral aufgeheizte direkte Demokratie ja nicht nur autofreie Innenstädte, sondern auch ausländerfreie Zonen in Teilen der Republik?

Ja, ein hässlicher Gedanke, wo man sich doch gerade mit der „Süddeutschen“ darüber freuen wollte, dass „die Jugend“ endlich „den Alten den Kampf ansagt“. „Die Jugend“ gibt es freilich genau so wenig wie „die Alten“, „die Ausländer“, den „bösen Wolf“ oder den „schwarzen Mann“: Während die einen tapfer fürs Weltklima „streiken“, sitzen die anderen bei Starbucks oder gucken Netflix – fliegende Wechsel nicht ausgeschlossen. Ist auch alles okay. Man darf sie trotzdem daran erinnern, dass sie gegenüber den meisten Altersgenoss(inn)en weltweit sehr privilegiert sind – und dass sie dies unter anderem einer repräsentativen Parteien-Demokratie verdanken, die im Großen und Ganzen hervorragend funktioniert.

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