Windhuk

Lutheraner-Gipfel im Zeichen der Versöhnung

Windhuk. „We are liberated by godsgrace“, singen die Menschen im Zelt. Marimbatrommeln, Flötenklänge und ein Akkordeon begleiten den großen Chor, der am Mittwochmorgen im Konferenzzentrum des African Safari Court in Windhuk musiziert.
11.05.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Benjamin Lassiwe

Windhuk. „We are liberated by gods
grace“, singen die Menschen im Zelt. Marimbatrommeln, Flötenklänge und ein Akkordeon begleiten den großen Chor, der am Mittwochmorgen im Konferenzzentrum des African Safari Court in Windhuk musiziert. Es ist der Beginn der unter dem Motto „Befreit durch Gottes Gnade“ stehenden 12. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB), des weltweiten Dachverbands von 147 lutherischen Kirchen in 98 Ländern weltweit, denen mehr als 74 Millionen Christen angehören. 500 Jahre nach dem Thesenanschlag von Martin Luther treffen sich seine Nachfolger in Afrika, „um zu zeigen, dass die Reformation eine Weltbürgerin geworden ist“, sagt der assistierende Generalsekretär des LWB, Ralstaun Deffenbaugh. In Namibia sind mehr als 50 Prozent der Bevölkerung lutherisch, so viel wie in keinem anderen Land in Afrika.

Bei ihrem Gottesdienst haben die Lutheraner prominenten Besuch: Bodo Ramelow (Linke), der Ministerpräsident von Thüringen, ist nach Windhuk gekommen. „Ich bin gern als Botschafter des Landes Thüringen hier, um deutlich zu machen, dass ohne Martin Luther und die Reformation diese großen Feierlichkeiten gar nicht möglich wären“, sagt Ramelow. Doch der Besuch des Ministerpräsidenten hat noch eine andere Komponente. Denn Deutschland und Namibia haben eine gemeinsame Geschichte. Bis zum Ersten Weltkrieg war das Land eine deutsche Kolonie – und Schauplatz eines grausamen Kriegsverbrechens. Im sogenannten Herero-Aufstand wurden 1904 mehrere tausend Angehörige der Herero und Nama von deutschen Kolonialtruppen unter Lothar von Trotha in die wasserlose Omaheke-Wüste getrieben, wo sie elendig verdursteten. Ihre Nachfahren klagen deswegen vor einem US-Bundesgericht in New York auf Entschädigung. „Das war der erste moderne Völkermord der Geschichte, begangen von deutschen Kolonialtruppen“, sagt Ramelow. In Namibia plädierte er für einen Prozess der Aussöhnung und eine offizielle Entschuldigung Deutschlands.

Dass sich Deutsche und Namibier Gedanken über ihre gemeinsame Geschichte machen, begrüßte auch der scheidende Präsident des LWB, der palästinensische Bischof Munib Yunan. Noch mehr aber zeigte er sich um den Weltfrieden besorgt. Heute brauche es nur „eine Art von Stolz zweier Staatsoberhäupter“, um einen Konflikt zu entfachen. „Das ist aber nicht der Weg Christi“, betonte Junan, der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land ist. Erneut forderte Yunan auch ein gemeinsames Abendmahl von Lutheranern und Katholiken. Eine gemeinsame Erklärung, die er im vergangenen Jahr mit Papst Franziskus unterzeichnet habe, gebe ihm Hoffnung für die weitere Arbeit an Fragen, in denen die beiden Dialogpartner noch nicht übereinstimmten. Dies betreffe etwa die Themen Amt, Abendmahl und Ekklesiologie, also das Kirchenverständnis.

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