Interview

„Männer suchen häufiger das Risiko“

Verkehrspsychologin Nina Wahn spricht im Interview unter anderem über die Auswirkungen einer Geisterfahrt auf die anderen Autofahrer sowie auf den Falschfahrer selbst.
05.02.2018, 21:54
Lesedauer: 3 Min
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„Männer suchen häufiger das Risiko“
Von Aljoscha-Marcello Dohme
„Männer suchen häufiger das Risiko“

Nina Wahn ist Verkehrspsychologin beim ADAC.

ADAC

Warum werden so viele Menschen zu Falschfahrern?

Nina Wahn: Da gibt es vielfältige Ursachen. Bei den meisten Falschfahrern können wir leider nur spekulieren, weil man sie im Nachhinein nicht fragen kann. Entweder sind sie zwischenzeitlich schon gar keine Falschfahrer mehr und sind damit auch nicht aufgreifbar oder aber sie sind in einen Unfall verwickelt.

Ein Grund für eine Falschfahrt kann eine Kurzschlusshandlung sein, wenn beispielsweise die Ausfahrt verpasst wurde. Die Autofahrer sind dann vielfach mit der Situation überfordert und drehen einfach um. Manchmal ist auch ein suizidaler Gedanke Hintergrund und die Geisterfahrt findet mit Absicht statt. Manche Geisterfahrten entstehen aber auch durch Orientierungslosigkeit, wenn Autofahrer beispielsweise unter Drogen oder Alkohol stehen.

Welche Auswirkungen hat eine Geisterfahrt für Autofahrer, die ein solches Ereignis erlebt haben?

Wenn man direkt davon betroffen ist, kann so ein Erlebnis psychische Traumata bei den beteiligten Autofahrern nach sich ziehen. Dies gilt aber nicht nur für Zusammenstöße mit Geisterfahrern, sondern für Unfälle jeglicher Art.

Welche Auswirkungen hat die Fahrt auf den Falschfahrer selbst?

Die Reaktionen auf eine Falschfahrt sind sehr individuell. Viele Fahrer brauchen ein bisschen, bis sie ihre Geisterfahrt realisiert haben. Dies gilt vor allem für unbewusste Geisterfahrten oder aber wenn Alkohol oder Drogen im Spiel sind. Oft kann die Situation auch traumatisch und schockierend sein. Für die Betroffenen steht dann die Frage im Raum, wie konnte das passieren?

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Was löst die Meldung von einem Falschfahrer bei Autofahrern aus, die beispielsweise auf der Gegenstrecke oder in unmittelbarer Nähe unterwegs sind?

Das Problem bei dieser Thematik ist, dass es häufig ganz unerwartet auftritt. Daher hat man nur sehr wenig Zeit, um darauf zu reagieren. Weil es ein besonderer Reiz ist, den man bei der Fahrt nicht erwartet, bedarf es da völliger Konzentration, damit man angemessen reagiert. Somit kann das ein schockierendes Ereignis sein, je nach Grad der Betroffenheit.

Sieht man einen Falschfahrer auf der anderen Seite, kann einen das auf der Weiterfahrt noch länger beschäftigen. Ist da etwas passiert? Muss die Polizei informiert werden? Wie ist das ausgegangen? Natürlich beschäftigt man sich damit, ob einem das auch passieren kann. Deshalb kann dieses Erlebnis durchaus dazu führen, dass man fortan noch konzentrierter und wachsamer fährt, als zuvor.

Eine Auswertung des ADAC hat ergeben, dass es deutlich mehr männliche als weibliche Falschfahrer gibt. Woran könnte das liegen?

Diese Frage lässt sich nur hypothetisch beantworten. Wir gehen aber davon aus, dass etwa 30 bis 40 Prozent der Falschfahrer ältere Menschen sind. Bei älteren Menschen haben wir derzeit noch die Sachlage, dass viel mehr ältere Männer als Frauen Auto fahren. Das liegt daran, dass die Frauen früher kaum einen Führerschein hatten, beziehungsweise dass in dieser Generation häufig der Mann Auto fährt.

Eine weiterere Hypothese betrifft jüngere männliche Fahrer, die die Lust nach einem Kick verspüren. Dieses Verlangen hängt mit dem Testosteronspiegel zusammen. Das sehen wir auch bei den Unfällen von Fahranfängern, die deutlich mehr von Männer verursacht werden. Männer suchen häufiger als Frauen das Risiko. Ursächlich hierfür ist der Hormonspiegel, das Testosteron.

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Was kann ein Autofahrer tun, um nicht selbst zum Geisterfahrer zu werden?

Wer konzentriert, wachsam, gesund und unberauscht Auto fährt, der sollte eigentlich nicht zum Falschfahrer werden. Gerade Ältere sollten jedoch regelmäßig zum Sehtest gehen und dabei überprüfen lassen, ob die Sehfähigkeit noch zum Autofahren ausreicht. Man sollte sich dabei vergewissern, dass man die Schilder noch richtig erkennt, vor allem auch bei Dämmerung oder bei Nacht. Gerade dann können sich Fahrer häufig nicht an anderen Verkehrsteilnehmerin orientieren und werden so zu Geisterfahrern. Grundsätzlich gilt: Auch auf Strecken, die einem gut bekannt sind, sollte man konzentriert und wachsam Auto fahren.

Die Fragen stellte Aljoscha-Marcello Dohme.

Zur Person:

Nina Wahn ist Verkehrspsychologin beim ADAC und beschäftigt sich mit sämtlichen psychologischen Teilbereichen, die den Straßenverkehr und die Mobilität im Allgemeinen beinhalten.

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