Empfehlungen der Leopoldina Wie Experten die Corona-Maßnahmen lockern wollen

Die Leopoldina-Experten empfiehlt schrittweise den Lehrbetrieb an Schulen wieder aufzunehmen. Auch der Einzelhandel, Gasstätten sowie Behörden sollen öffnen dürfen.
14.04.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörg Blank und Marek Majewsky

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will an diesem Mittwoch mit den Ministerpräsidenten über mögliche Lockerungen der Beschränkungen für Menschen und Wirtschaft in Deutschland beraten. Eine wichtige Grundlage der Beratungen dürften die am Montag vorgelegten Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina aus Halle sein. Die Leopoldina-Stellungnahme sei für sie „eine sehr wichtige Studie“, wenn es um die Frage gehe, „wie können wir weiter vorgehen, wenn die Experten uns sagen, dass wir auf festem Grund stehen, was die Verbesserung der Infiziertenzahlen anbelangt“, hatte Merkel am Donnerstag vor Ostern gesagt. Das dürfte trotzdem nicht bedeuten, dass die Empfehlungen aus Halle eins zu eins umgesetzt werden. Neben den Leopoldina-Empfehlungen liegt Merkel und den Regierungschefs unter anderem auch eine Ausarbeitung eines von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) eingesetzten Expertenrats vor. Empfehlungen und Anmerkungen zu wesentlichen Bereichen:


Bildung: Die Leopoldina-Experten raten zu einer schrittweisen und nach Jahrgangsstufen differenzierten Wiedereröffnung von Schulen, Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen. Alle Maßnahmen müssten auf längere Zeit unter Einhaltung der Vorgaben zu Hygiene, Abstand, Mund-Nasen-Schutz, Tests und Quarantäne umgesetzt werden.

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Ihre Empfehlung, zuerst Grundschulen und die Sekundarstufe I (Haupt-, Real- und Gesamtschulen bis Klasse zehn sowie Gymnasien bis einschließlich der Klassen neun beziehungsweise zehn) zu öffnen, begründen sie damit, dass Jüngere mehr auf persönliche Betreuung, Anleitung und Unterstützung angewiesen seien. In Grundschulen müsse mit deutlich reduzierten Gruppengrößen von maximal 15 Schülern gestartet werden, um das Abstandsgebot besser einhalten zu können. Auch zeitversetzter Unterricht sei möglich. Zudem solle es eine Konzentration auf Schwerpunktfächer geben, etwa Deutsch und Mathematik in der Grundschule. „Der Schulhof darf nicht zum Austauschort von Viren werden“, wird betont. Es solle mit den Abschlussklassen begonnen werden, „damit sie auf den Übergang in die weiterführenden Schulen vorbereitet werden können“. Entsprechend empfehlen die Experten auch bei Kitas und Kindergärten einen Betrieb mit reduzierten Gruppengrößen von maximal fünf Kindern (Fünf- und Sechsjährige) je Raum am Übergang zur Grundschule. Weil kleinere Kinder sich nicht an Distanzregeln und Schutzmaßnahmen hielten, sollen die Kitas für sie bis zu den Sommerferien im Notbetrieb bleiben – dies solle auch für die Horte gelten.

In der Sekundarstufe I solle der Unterricht mit jenen Stufen beginnen, bei denen zentrale Abschlussprüfungen stattfänden – bei allen weiteren Jahrgängen wird eine Konzen-­tration auf Kernfächer (Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen) vorgeschlagen. An den Unis und Hochschulen solle das Sommersemester „weitgehend als online/home-learnig- Semester zu Ende geführt werden“.

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In der NRW-Studie heißt es, das Recht auf Bildung der Kinder und Jugendlichen sei ein Grundrecht. „Bildungsangebote sollten daher so schnell wie möglich – in verantwortbarem Umfang und unter Einhaltung hoher Schutzstandards – ermöglicht werden“. Es wird zur Differenzierung der Unterrichtsformate zwischen Ober-, Mittel- und Unterstufen sowie zu zeitversetztem Unterricht geraten.


Öffentliches Leben: Zunächst könnten etwa der Einzelhandel, das Gastgewerbe und Behörden öffnen, schlägt die Leopoldina vor. Auch private und dienstliche Reisen sowie gesellschaftliche, kulturelle und sportliche Veranstaltungen könnten wieder stattfinden. Auch hier sollten jedoch die Voraussetzungen gelten, dass es wenige Neuinfektionen gebe, bekannte Hygieneregeln eingehalten werden und Kliniken gut gerüstet sind. Die Experten sprechen sich zudem für eine Maskenpflicht etwa in Bussen und Bahnen aus.

Die NRW-Experten schreiben, in der Gastronomie seien strikte Vorgaben denkbar, was den Tischabstand oder die Gästezahl angehe. „Großveranstaltungen wie Fußballspiele der Bundesliga mit Zuschauern, aber auch Messen und Kongresse werden auf absehbare Zeit nicht stattfinden können“. Kulturelle Angebote wie Konzerte oder Theatervorstellungen könnten gegebenenfalls mit entsprechenden Einschränkungen wieder stattfinden.

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Pandemiebekämpfung: Die Leopoldina-Experten warnen: „In der Phase der allmählichen Lockerung darf es nicht wieder zu einem raschen Anstieg der Infektionszahlen kommen.“ Als wirksamste Maßnahmen beschreiben sie das Tragen von Mund-Nasen-Schutz, flächendeckendes Testen, die Verwendung mobiler Daten, die Identifizierung der Infizierten sowie die Entwicklung von Therapien. Dies sei notwendig, um das System zu stabilisieren, bis ein wirksamer Impfstoff gefunden sei. Es wird aber auch betont, dass es auch aus gesundheitlicher Sicht wichtig sei, die Maßnahmen zu lockern. Als negative Auswirkungen nennen die Forscher unter anderem eine Zunahme häuslicher Gewalt und psychische Probleme wegen wirtschaftlicher Existenznöte. Explizit abgelehnt wird eine Isolierung von einzelnen Bevölkerungsgruppen wie etwa ältere Menschen zu deren Schutz.

Die NRW-Experten sagen ebenfalls klar: „Das Ziel der Eindämmung der Pandemie bleibt bestehen.“ Mit Blick auf neuere Erkenntnisse über das Virus solle aber damit begonnen werden, die Maßnahmen differenzierter und flexibler zu steuern.


Entscheidungsgrundlage optimieren: Die Leopoldina kritisiert, dass bisherige symptomgeleitete Erhebungen zur verzerrten Wahrnehmung des Infektionsgeschehens führen. Um bessere Daten zu bekommen, werden die Erhebung von GPS-Daten und App-Umfragen nach dem Gesundheitszustand oder Datenspenden von Fitness-Armbändern genannt. Die freiwillig bereitgestellten Daten könnten anonymisiert, sicher und geschützt als Fundament für bessere Prognosen dienen.

Auch die NRW-Expertengruppe spricht sich unter anderem für den Einsatz von Mobiltelefon-Apps ein, um Infektionsketten lückenlos verfolgen zu können. Um den Einstieg in die „Normalisierung“ zu steuern, müsse für eine breite Informationsbasis die Zahl der Tests auf bis zu 500.000 pro Tag erhöht werden.

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Wirtschafts- und Finanzpolitik: Staatsbeteiligungen sollten laut Leopoldina „nur im äußersten Notfall zur Stabilisierung von Unternehmen eingesetzt werden“. An der Schuldenbremse sei festzuhalten. Mittelfristig würden Impulse nötig werden. Dies könnten Steuerentlastungen sein oder das Vorziehen der Teilentlastung beim Solidaritätszuschlag „oder seine vollständige Abschaffung“.


Abwägungsprozesse: In der Leopoldina-Stellungnahme heißt es: „Grundrechtseinschränkungen müssen nicht nur ein legitimes Ziel verfolgen – was in der gegenwärtigen Situation mit dem Schutz von Leben und Gesundheit der Bevölkerung außer Zweifel steht.“ Dennoch habe der Staat die Pflicht, angesichts der Schwere der Maßnahmen „ständig zu überprüfen, ob nicht mildere Maßnahmen in Betracht gezogen werden können.“

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