Kommentar über die Grüne Zone in Bagdad Mauerfall in angespannter Lage

Lange Jahre schirmten Mauern die gut gesicherte Grüne Zone vom Rest Bagdads ab. Nun ist der Bezirk wieder für alle Bewohner offen. Der Mauerfall erinnert an Berlin 1989, kommentiert Birgit Svensson.
10.06.2019, 22:03
Lesedauer: 3 Min
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Mauerfall in angespannter Lage
Von Birgit Svensson

Es tut so gut, dass die Mauern endlich weg sind. Jetzt erst können wir Dinge in Bagdad sehen, die uns jahrelang verschlossen blieben: Wie groß der Pool von Saddam Hussein wirklich war, in dem er täglich geschwommen hat, als er noch über Irak herrschte. Wie die „Schwerter des Sieges“ von unten aussehen und dass doch noch einige wenige iranische Helme zwischen dem Stützgerüst und dem aus Bronze gegossenen Arm liegen, obwohl die irakische Regierung angeblich alle wegräumen ließ.

Und die Stehle, die der Diktator nach dem acht Jahre dauernden blutigen Krieg gegen Iran fertigen ließ und darauf mit goldenen Lettern die Iraker aufforderte, auf die Helme des Feindes zu trampeln, die in einem Netz um das Denkmal gespannt und auf dem Boden in Beton eingelassen wurden.

Der Krieg endete mit einem Patt, einem Waffenstillstand und über einer Million Toten. Saddam aber verkaufte ihn mit diesem Monument als seinen Sieg. Das Gold der Schriftzüge auf der Stele ist heute weg, die Schrift ist geblieben. Die Grüne Zone, jahrelang der am meisten gesicherte Bezirk im Zentrum der irakischen Hauptstadt, ist jetzt frei zugänglich. Ein völlig neues Gefühl für die sechs Millionen Einwohner.

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Einfach so durchgehen, wo früher Beton, Stacheldraht und Checkpoints waren. Das ist irre und erinnert ein wenig an die Zeit vor knapp 30 Jahren, als in Berlin die Mauer fiel. Auch in Bagdad standen die Menschen Schlange, um in die „Zone“ zu kommen, mussten Leibesvisitationen, Taschenkontrollen, Überprüfungen mit Spiegeln und Hunden über sich ergehen lassen, um auf die andere Seite der Mauer zu gelangen.

Oft dauerte es bis zu sechs Monate, bis man einen Passierschein oder einen Dauerausweis erhielt. Und dann auch nur, wenn man einen wichtigen Grund vorweisen konnte. Aber anders als die Westdeutschen, die de facto einen anderen – wenn auch deutschen – Staat betraten, wechselte man in Bagdad von einem Stadtbezirk in einen anderen, der den meisten unzugänglich und fremd blieb. Die Stadt in der Stadt sollte die Bewohner der Grünen Zone vor dem Terror draußen in der Roten Zone schützen, was sie auch tat.

Die Mehrheit der Politiker der irakischen Regierung wohnte hier. Die ausländischen Botschaften, die der Kriegsallianz 2003 angehörten, waren hier beherbergt und vor allem die Amerikaner machten sich mit ihren Institutionen breit. Unter ihrer Besatzung hatte die Grüne Zone mit über zehn Quadratkilometern die größte Ausdehnung.

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Saddam, der einen übersteigerten Verfolgungswahn hatte, riegelte sich zwar auch schon mit seinem engsten Regierungszirkel hier ein, doch die Ausdehnung war geringer und das Denkmal der „Schwerter des Sieges“ damals noch zugänglich. Jetzt flanieren die Bagdader zwischen und unter den Schwertern hindurch, meist abends, wenn die sengende Hitze etwas nachlässt.

Es sei schon ein bisschen wie in Berlin, meint Nadine, eine Deutsche, die seit Jahren in Bagdad lebt und arbeitet. Jetzt, wenn die Mauer weg sei, merke man erst, wie erdrückend sie war. Für die irakische Seele sei dies eine Befreiung. Obwohl die Freude über den Fall der Mauern in Bagdad überwiegt, gibt es auch kritische Stimmen, die sich um die Sicherheit in der Stadt sorgen.

Zwar gibt es seit dem Ende des Kalifats der Terrormiliz Islamischer Staat kaum noch Anschläge, doch sehen Skeptiker die Gefahren dafür durch den Mauerabriss größer werden. Besonders im Hinblick auf den Konflikt zwischen Iran und den USA, der sich aufbaut. Kurz nachdem US-Präsident Donald Trump eine Verschärfung androhte, drohte der Iran seinerseits mit Angriffen auf amerikanische Institutionen. Wenige Tage später schlug eine Rakete in der Grünen Zone ein, verfehlte jedoch ihr Ziel: die amerikanische Botschaft.

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Viele Iraker befürchten, dass ein Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Ländern auf ihrem Territorium ausgetragen werden könnte, denn der Einfluss Irans im Irak, den die Amerikaner jetzt zurückdrängen wollen, ist immens. Sollte sich die Spannung weiter verschärfen, wird sie das Land spalten. Die Iraker werden sich dann nicht mehr in Sunniten und Schiiten aufteilen, sondern in pro Iran oder pro Amerika.

Doch im Moment genießen die Bagdader ihre neu erlangte Freiheit, sind ihrem Premierminister dankbar, der ihnen die Öffnung der Grünen Zone bei seinem Amtsantritt im vergangenen Oktober versprochen hat und darüber, dass er das Versprechen auch tatsächlich einhält. Das nämlich ist nicht selbstverständlich im Land zwischen Euphrat und Tigris.

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