Geflüchtete in Bosnien-Herzegowina

Flüchtlingslager Lipa: Beheizte Zelte für mehr als 800 Menschen

Für die rund 800 Bewohner des Flüchtlingslagers Lipa (Bosnien) zeichnet sich eine Besserung ihrer Situation ab. Sie werden jetzt mit Unterstützung der Europäischen Union in beheizten Zelten untergebracht.
09.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Adelheid Wölfl, Bihać

Viele verweigern seit Tagen die Essenspakete, die das Rote Kreuz liefert. Sie fordern eine bessere Unterkunft. Etwa 800 Migranten – vorwiegend Pakistanis und Afghanen – befinden sich weiterhin im abgebrannten Flüchtlingscamp in der Nähe der bosnischen Stadt Bihać. Das bosnische Militär hat mittlerweile Zelte aufgebaut, am Mittwoch konnten die ersten Migranten endlich einziehen, nachdem die Böden im Inneren der Zelte verlegt wurden.

Auch Betten wurden mittlerweile geliefert und die grünen Militär-Zelte werden wohl aufgrund ihrer Konstruktion sogar einer schweren Schneelast standhalten können. Die 800 Betten sind trotzdem nur eine kurzfristige Lösung für die Entspannung der Migrationskrise im Kanton Una-Sana, jener bosnischen Region, die seit Jahren die Hauptlast trägt und direkt an der kroatischen Grenze liegt. In dem Kanton befinden sich insgesamt etwa 2500 Migranten, die ohne Unterkunft, ohne Gesundheitsversorgung, ohne frisches Wasser und Sanitäranlagen vor sich hinvegetieren. Viele hausen in Abbruchhäusern, inmitten von Müll. Die hygienischen Bedingungen sind so katastrophal, dass Helfer gar nicht in diese Gebäude hineingehen. Viele Migranten haben schwere Hautinfektionen. Keiner von ihnen wurde getestet, ob er an Covid-19 erkrankt ist.

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Die humanitäre Krise im Kanton Una-Sana brach aus, nachdem die Internationale Organisation für Migration (IOM) das Lager Lipa schließen musste, weil die Zelte unter der Schneelast zusammenzubrechen drohten. Daraufhin zündeten einige Migranten aus Wut und Verzweiflung das bereits verlassene Lager einen Tag vor Weihnachten an.

Bihać ist bereits seit ein paar Jahren Ausgangspunkt für das „Game“ (Spiel), wie die Migranten den Versuch nennen, über Kroatien in die EU zu gelangen. Die meisten Leute – es handelt sich oft um Arbeitsmigranten, die von ihren Familien nach Europa geschickt wurden – wollen danach nach Italien, um dort unterzutauchen. Im Winter können sie aber wegen der Wetterbedingungen nicht über die Berge zum „Game“ aufbrechen. Auch die Kontrollen der kroatischen Grenzbeamten, die den Migranten oft ihre Handys und Schuhe wegnehmen, werden immer rigider. In den Wald wurde eine Schneise geschlagen, die mit Drohnen überwacht wird.

Es können weitere Zelte aufgestellt werden

Der bosnische Winter kann sehr hart sein, immer wieder schneit es oder nasskalter Regen weicht die Erde so auf, dass man sich ohne Unterkunft in einer gesundheitsgefährdenden Situation befindet. Auch rund um die grünen Zelte in Lipa müssen nun Drainagen gegraben werden, damit die Migranten nicht im Schlamm versinken. Die bosnische Regierung hat zwar zugestimmt, dass das Lager winterfest ausgebaut und an Strom und Wasserleitungen angeschlossen werden soll, doch dies wird noch Wochen dauern.

Falls noch mehr Migranten nach Lipa kommen sollten, kann das Militär immerhin weitere Zelte für 1200 Personen aufstellen. Das Drama um die vom Kältetod bedrohten Migranten, die keiner aufnehmen will, geht aber weiter. Das Lager Lipa wurde im Frühjahr gebaut, um die Ausbreitung der Pandemie unter den etwa 7000 Migranten in Bosnien-Herzegowina zu verhindern, es war aber nie als Camp für den Winter gedacht. Ein weiteres Migrationsaufnahmezentrum in der Nähe von Tuzla wurde wegen des anhaltenden Widerstands von Politikern und der Bevölkerung auch nicht realisiert.

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Der EU-Sonderbeauftragte in Bosnien-Herzegowina, Johann Sattler, kritisiert den Umgang mit Flüchtlingen in dem Balkanland: „Die Lage ist nach wie vor inakzeptabel, unerträglich. Wir haben immer noch einige hundert Menschen, die bei Minustemperaturen im Freien schlafen, die keine Toiletten haben“, sagte Sattler.

Viele Bosnier, die selbst unter großer Armut leiden, sehen keinen Sinn darin, dass jedes Jahr Tausende Migranten ins Land kommen, die weder bleiben wollen noch einen Asylantrag stellen. Bosnien-Herzegowina ist Durchgangsstation für jene geworden, die über die Türkei nach Griechenland und Bulgarien reisen und von dort aus weiter in den Norden wandern, weil sie auch in Griechenland und in Bulgarien keine Chance sehen, Asyl zu bekommen oder dort gar nicht um Asyl ansuchen wollen. Manche sind bereits seit vielen Jahren unterwegs.

Kein Datenaustausch innerhalb der EU

Wenn es einen Datenaustausch geben würde, dann könnten Bosnien-Herzegowina und Serbien, wo sich ebenfalls Tausende Migranten befinden, diese Migranten zurück nach Griechenland und Bulgarien schicken, damit sie dort wieder in geregelte rechtsstaatliche Verfahren gebracht werden. Doch diesen Datenaustausch gibt es nicht, weil auch die EU-Innenministerien kein Interesse daran haben. Wenn etwa durch den Abgleich von Fingerabdrücken der Migranten eruiert werden könnte, wo die Migranten herkommen, könnten Bosnien-Herzegowina, aber auch Serbien handlungsfähiger werden.

Die bosnischen Behörden haben nicht die Kapazität, so viele Verfahren durchzuführen. Ein Asylrechtswesen ist nur rudimentär vorhanden, es gibt kaum Abschiebezentren und keine Abkommen, wie sie die EU abgeschlossen hat, um abgelehnte Asylbewerber in ihre Herkunftsstaaten zurückzuführen. In der Administration fehlt es an Beamten, an Übersetzern, an Experten, die sich mit Pakistan und Afghanistan befasst haben, um herauszufinden, wo die Migranten herkommen, die meist keine Dokumente vorweisen.

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Für die Vertreter der Internationalen Gemeinschaft ist es wichtig, dass die humanitäre Krise gelöst wird. Die EU hat jüngst 3,5 Millionen Euro versprochen. Doch eine langfristige Lösung müsste umfassender sein. Die verantwortlichen Behörden im föderalen Staat Bosnien-Herzegowina müssten besser zusammenarbeiten. Trotzdem könnten die Asylverfahren besser in den EU-Staaten Bulgarien und Griechenland geführt werden. Nur eine derartige politische Initiative, bei der die Migranten zurückgeschickt würden, würde auch langfristig zu einer Entspannung in Bosnien führen.

Die Migranten wollen nicht auf dem Balkan bleiben. Seit Jahren werden Programme aufgelegt, wonach jene Leute, die bereit sind, zurück nach Pakistan oder Afghanistan zu gehen, finanzielle Unterstützung bekommen, um dort ihr Leben wieder aufzubauen. Viele der Männer kehren aber deshalb nicht in ihre Heimatländer zurück, weil sie sich zutiefst schämen, es nicht geschafft zu haben und weil sie von Verwandten viel Geld für die Reise bekommen haben, das sie nun nicht zurückzahlen können. Deshalb ist die Anzahl der freiwilligen Rückkehrer äußerst gering.

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