Zwei Widerstandskämpferinnen werden ins Pantheon umgebettet / Kritik von Feministinnen Mehr Frauen im „Tempel der Nation“

Paris.Auf dem Sainte-Geneviève-Hügel im Herzen der französischen Hauptstadt wird es im kommenden Jahr eine Revolution geben: Zwei Frauen sollen dann Einzug in der dort errichten Ruhmeshalle, dem Pantheon, halten. Bisher sind dort vorwiegend Männer begraben –„große Franzosen“, wie der Schriftsteller Victor Hugo, der Philosoph Jean-Jacques Rousseau und Louis Braille, der Erfinder der Blindenschrift.
24.02.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Sylvie Stephan

Auf dem Sainte-Geneviève-Hügel im Herzen der französischen Hauptstadt wird es im kommenden Jahr eine Revolution geben: Zwei Frauen sollen dann Einzug in der dort errichten Ruhmeshalle, dem Pantheon, halten. Bisher sind dort vorwiegend Männer begraben – „große Franzosen“, wie der Schriftsteller Victor Hugo, der Philosoph Jean-Jacques Rousseau und Louis Braille, der Erfinder der Blindenschrift. Die einzige Frau, die wegen ihres Verdienstes im Pantheon liegt, ist die Nobelpreisträgerin Marie Curie. Die andere, Sophie Berthelot, ruht nur deswegen dort, weil sie im Tod nicht von ihrem Mann getrennt sein wollte.

Frankreichs Staatspräsident François Hollande will im „Tempel der Nation“ mehr Platz fürs weibliche Geschlecht schaffen. Nach einer langer Überlegung und einer landesweiten Debatte gab Hollande nun seine Auswahl bekannt. Danach sollen künftig zwei französische Widerstandskämpferinnen ein Grab in der Krypta erhalten: Germaine Tillion und Geneviève de Gaulle-Anthonioz. Er wolle den Beitrag all der Frauen würdigen, die „meist anonym“ im Untergrund gekämpft und als „Teil der Schattenarmee“ nie irgendeine Anerkennung erhalten hätten, erklärte Hollande bei einer Gedenkzeremonie für die Opfer des Zweiten Weltkrieges auf dem Mont-Valérien.

Der Hügel mit seiner Festungsanlage im Westen von Paris diente während der Besatzung durch die Nationalsozialisten als Hinrichtungsstätte: Dort wurden tausende Widerstandskämpfer erschossen. Die Ethnologin Germaine Tillion, die im April 2008 im Alter von 100 Jahren gestorben ist, war Kommandantin in einer der ersten Gruppen der „Résistance“ und half Gefangenen bei der Flucht. 1942 wurde sie verhaftet und mit ihrer Mutter ins KZ Ravensbrück deportiert. Über ihre Zeit dort hat sie ein gleichnamiges Buch, aber auch eine Operette mit dem Titel „Le Verfügbar aux enfers“ geschrieben.

Auch Geneviève de Gaulle-Anthonioz, eine Nichte des früheren Staatspräsidenten Charles de Gaulle, wurde aufgrund ihrer Rolle im Widerstand nach Ravensbrück deportiert. Sie überlebte ebenfalls und kämpfte nach dem Krieg und bis zu ihrem Tod 2002 als Vorsitzende eines Obdachlosenvereins gegen Armut und Ausgrenzung. Während de Gaulle-Anthonioz für die „Brüderlichkeit“ stehe, symbolisiere Tillon die „Gleichheit“, sagte Hollande in seiner Ansprache – Werte, die die französische Republik ausmachten. Neben den zwei Frauen sollen auch zwei Männer „pantheonisiert“ werden, die ebenfalls gegen die Nazi-Besatzung aufbegehrten: Der Journalist Pierre Brossolette und der frühere Politiker Jean Zay. Die Frage, wer als nächstes ins Pantheon einziehen solle und aus welchem Verdienst heraus, hatte die Franzosen über Monate hinweg beschäftigt. Hollande hatte dazu eigens eine Kommission einberufen, parallel dazu hatten Feministinnen eine Umfrage gestartet und selbst Namen für die sogenannte „Pantheonisierung“ vorschlagen. Denn mit seiner Entscheidung habe Hollande das bestehende geschlechtliche Ungleichgewicht im Pantheon nicht gelöst: in Zukunft sollen dort zwar vier Frauen liegen, aber noch immer mehr als 70 Männer.

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