Gastkommentar über Inklusion in Grundschulen

Mehr miteinander und voneinander lernen

Der Unterricht muss Lernräume öffnen, in denen es zwar gemeinsame Ziele gibt, auf die hin jedes Kind aber seinen eigenen nächsten Schritt machen darf, schreibt unser Gastautor Hans Brügelmann.
12.11.2019, 06:00
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Von Hans Brügelmann
Mehr miteinander und voneinander lernen

Deutschunterricht in einer Grundschule.

Sebastian Gollnow/dpa

In diesem Jahr feiert die Grundschule ihren 100. Geburtstag. In seiner Festrede in der Frankfurter Paulskirche hat Bundespräsident Steinmeier ihre Leistung auf den Punkt gebracht: „Wie an keiner anderen staatlichen Institution kommen hier Kinder unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion, Kinder aus unterschiedlichen sozialen Schichten, Kinder mit und ohne Behinderung, zusammen, um miteinander und voneinander zu lernen.“

Das schon immer breite Leistungsspektrum hat sich in den letzten Jahren noch erweitert. Angesichts dieser Situation hören wir zunehmend, die Grundschule brauche mehr Sonderpädagogen. Das deutsche Schulsystem kennt allerdings mindestens sieben verschiedene „Behinderungsarten“ und entsprechende „Sonderpädagogiken“. Was hilft dann eine speziell für Körperbehinderung oder Schwerhörigkeit ausgebildete Sonderpädagogin, wenn in der Klasse ein blindes oder ein sozial auffälliges Kind ist? Und was ist mit den Kindern anderer Muttersprachen, dem traumatisierten Flüchtlingskind oder den Störungen durch die Prinzessinnen und Paschas, die von ihren Eltern ungeteilte Aufmerksamkeit gewohnt sind?

Inklusion wird oft verkürzt auf die Einbeziehung von Kindern mit (sichtbaren) Behinderungen – in einen Unterricht, der nach wie vor gleiche Ziele für alle Kinder zu denselben Terminen setzt und abprüft. Dabei betragen die Entwicklungsunterschiede schon unter Kindern ohne festgestelltem Förderbedarf mehr als drei Jahre – in allen Leistungsbereichen. Zudem kann, wer in einem Fach stark ist, durchaus Schwächen im anderen Fach haben – von Verhaltensproblemen ganz zu schweigen.

Für diese Vielfalt muss der Unterricht Lernräume öffnen, in denen es zwar gemeinsame Ziele gibt, auf die hin jedes Kind aber seinen eigenen nächsten Schritt machen darf – festgehalten in individuellen Lernverträgen. Statt gleicher Klassenarbeiten oder Tests: „Führerscheine“ für das kleine Einmaleins, Sammelhefte für den individuellen Grundwortschatz im Rechtschreiben und frei gewählte Buchlektüre, über die in der Klasse berichtet wird.

Ja, ein solcher Unterricht braucht mehr „besondere“ Pädagoginnen und Pädagogen, nämlich mit einer gemeinsamen „inklusiven“ Haltung und mit sehr unterschiedlichen Kompetenzen: Deutsch als Zweitsprache, soziales Lernen, Theaterpädagogik und vieles mehr. Inklusiver Unterricht erfordert Kooperation in Teams. In ihnen kann dann auch die eine oder andere Sonderpädagogin mit ihrer speziellen Ausbildung sehr hilfreich sein.

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Zur Person

Unser Gastautor

ist Bildungsforscher und hat bis 1993 als Professor für Grundschulpädagogik und –didaktik an der Universität Bremen gelehrt. Er arbeitet im Landesvorstand des Grundschulverbands.

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