Mehrheit der Muslime trauert – auch in den Vorstädten

E in schwarz-weiß gemustertes Palästinensertuch verdeckt die Augenpartie des Mannes. „Ich vertraue euch, und ihr? Gebt mir eine Umarmung“, hat er auf einen Karton geschrieben, der vor seinen Füßen liegt.
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E in schwarz-weiß gemustertes Palästinensertuch verdeckt die Augenpartie des Mannes. „Ich vertraue euch, und ihr? Gebt mir eine Umarmung“, hat er auf einen Karton geschrieben, der vor seinen Füßen liegt. Ohne etwas zu sehen, breitet er die Arme weit aus, um die Fremden um sich herum aufzunehmen. Er steht auf dem Platz der Republik in Paris, wo seit den Terroranschlägen vor einer Woche trauernde Menschen Berge an Blumen und Briefe ablegen und Kerzen anzünden im Gedenken an die Opfer der Terrorwelle vom Freitag. Und es funktioniert. Sichtlich bewegt kommt einer nach dem anderen auf den jungen Mann zu, um ihn zu drücken. Trotz eines weiteren Kartons, den er auf den Boden gelegt hat: „Ich bin Muslim und man sagt von mir, ich sei ein Terrorist.“ Inzwischen wurde das Video Tausende Male im Internet geklickt.

Es gibt weitere Aktionen von Muslimen, die ein Zeichen gegen Hass und Terror setzen. Auf einem Video halten die Mitglieder einer Vereinigung muslimischer Studenten ein Schild mit dem Motto „Wir sind vereint“ in die Kamera. Der Film endet mit Sure 5, Vers 32 aus dem Koran: „Wer einen Menschen tötet, tötet die Menschheit.“

Einige Politiker wie der konservative Ex-Premier Alain Juppé haben Frankreichs Muslime dazu aufgefordert, sich von den „IS-Barbaren“ zu distanzieren. Er bedauere das, sagt der 33-jährige Karim: „Ist das nicht selbstverständlich? Sollte der Unterschied zwischen Islam und Islamismus nicht klar sein?“ Um ihn zu unterstreichen, verurteilte der Dachverband der muslimischen Vereinigungen in Frankreich die „hasserfüllten und niederträchtigen Attacken“ und rief zur „nationalen Einheit“ auf. Vor dem Musik-Klub „Bataclan“, in dem 89 Menschen ermordet wurden, legten Vertreter der muslimischen und der jüdischen Gemeinschaft gemeinsam Blumen ab und sangen dazu die Marseillaise, die französische Nationalhymne. Der Rektor der Großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur, rief die Verantwortlichen der rund 2500 Moscheen in Frankreich dazu auf, die Gebete an diesem Freitag den Opfern und ihren Angehörigen zu widmen. „Alle Bürger muslimischer Konfession und ihre Freunde“ bitte er, ihre „tiefe Verbundenheit mit Paris auszudrücken“. Das soll sie von jenen Moscheen abheben, in denen sich Extremisten radikalisieren und deren Verbot Innenminister Bernard Cazeneuve angekündigt hat.

Die große Mehrheit der Muslime will klar zeigen, auf wessen Seite sie stehen. Viele sind nervös: Wird man ihnen eine Mitverantwortung für den Terror geben? Tatsächlich beschmierten Unbekannte seit dem Wochenende mehrere muslimische Glaubensstätten mit Hassparolen oder legten vor einer Moschee im ostfranzösischen Pontarlier Schweineschinken ab.

Er appelliere an die Muslime, solche Provokationen nicht zu beantworten, sagt Mohammed Benali, der eine Moschee im Pariser Vorort Gennevilliers leitet: „Wir wissen, dass man nun wieder mit dem Finger auf uns zeigen wird.“ Nach den Attentaten auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt im Januar sei das Leben für Muslime und vor allem für verschleierte Frauen wochenlang sehr schwer gewesen.

Schon zu „normalen“ Zeiten begegnet ihnen Misstrauen. Mal wird diskutiert, ob das Kopftuchverbot in Schulen auch auf Universitäten auszuweiten ist. Dann geht es darum, in Schulkantinen an Tagen wo Schweinefleisch auf der Speisekarte steht, das Alternativ-Gericht zu streichen. Wenn der Chef der rechtskonservativen Republikaner, Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, von Frankreichs Muslimen „Assimilation statt Integration“ fordert, applaudieren ihm viele. Auch die Chefin des rechtsnationalen Front National, Marine Le Pen, stützt ihren Erfolg bei den Wählern zu einem großen Teil auf ihre scharfe Kritik des Islam.

Allerdings hält sich die Rechtspopulistin, die bei den Regionalwahlen in zwei Wochen in der nordfranzösischen Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie antritt, momentan auffällig zurück. Sie sei in einer guten Position, weil die Attentate ihre Warnungen vor Ausländern und Muslimen zu bestätigen scheinen, erklärt der Leiter des Meinungsforschungsinstitutes Ifop, Jérôme Fouquet. „Sie muss gar nicht mehr tun.“

Vielleicht erkennt Le Pen aber auch, dass nicht einmal ihre Wähler als Reaktion auf die Attentate Anfeindungen gegen Muslime hören wollen. Sie stelle weniger Aggressivität und misstrauische Blicke fest als nach den Anschlägen im Januar, sagt Farah Maiza, Vizepräsidentin des Vereins „Coexister“ („Koexistieren“). Denn: „Diesmal waren alle Zielscheiben und nicht Symbole wie ,Charlie Hebdo’ oder ein jüdischer Supermarkt.“

In einigen Schulen in den französischen Vorstädten (Banlieues), wo überwiegend Franzosen islamischen Glaubens mit Migrationshintergrund leben, hatten im Januar Kinder die Schweigeminute für die Opfer noch verweigert. Sie erklärten, sie seien „nicht Charlie“ – denn das Satireblatt hatte in Karikaturen den Propheten Mohammed abgebildet, so wie es alle anderen Religionen auch verspottet. Das führte zu aufgeregten Diskussionen in Frankreich und warf letztlich ein schlechtes Licht auf die Banlieues. Sie unterrichte noch die selben Kinder, aber die Reaktionen seien nun anders, berichtet die Literaturlehrerin Marie-Sandrine Lamoureux. Denn bei den Anschlägen vor einer Woche hätten die Kinder erkannt, dass „die Barbarei zufällig zuschlägt, in einer blinden und tauben Gewalt“. Große Optimisten können sogar darauf hoffen, dass das Schreckliche die Franzosen – und damit auch die Muslime unter ihnen – näher zusammenbringt.

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