Kommentar zur Diskussion um "Zeit"-Artikel

Menschlichkeit, die aber die Augen nicht verschließt

Ein "Zeit"-Artikel erregt die Gemüter. Darin wird die private Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer infrage gestellt. Warum das schlüssig ist und was daraus folgt, schreibt Moritz Döbler.
13.07.2018, 16:40
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Menschlichkeit, die aber die Augen nicht verschließt
Von Moritz Döbler
Menschlichkeit, die aber die Augen nicht verschließt

Flüchtlinge, die auf Booten von Libyen aus nach Italien übersetzen wollten, werden während eines Rettungseinsatzes vor der libyschen Küste geborgen.

Laurin Schmid/SOS Mediterranee/dpa

Es klingt so unmenschlich. Wer wollte denn bewusst zulassen, dass Menschen zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken, außer vielleicht den hartherzigen, verblendeten rechten Hetzern, die sich gerade so breitmachen? Aber wenn eine anerkannte Autorin der großen Wochenzeitung "Die Zeit" einen Text schreibt, der auf den ersten flüchtigen Blick ein Plädoyer für die Unmenschlichkeit zu sein scheint, lohnt es sich, den Text genau zu lesen und gründlich nachzudenken. Gerät hier eine Institution auf Abwege, folgt sie einem populistischen Diskurs, wie ihn Tage zuvor "Bild" angezettelt hatte, und zelebriert das auch noch als Tabubruch?

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Oder ist eben etwas dran an der Feststellung, dass sich manche Flüchtlinge auch deswegen auf die wackeligsten Boote von Schlepperbanden begeben, weil sie die Chancen einer Rettung aus Seenot für annehmbar halten? Solche existenziellen Abwägungen können im wohlhabenden Deutschland wohl nur wenige wirklich nachempfinden. Aber wenn es offensichtlich so ist, dass die Existenz der privaten Rettungsschiffe manche Flüchtlinge überhaupt erst aufs Meer hinaustreibt, was folgt daraus? Einfach weitermachen?

Das wäre so wenig angemessen wie das Gegenteil, also die private Seenotrettung zu verbieten. "Je schneller sich alle Seiten daran gewöhnen, dass keiner die reine Lehre durchsetzen kann, desto besser", schreibt "Zeit"-Autorin Mariam Lau in ihrem umstrittenen Text. Es ist richtig, für die Besatzungen der "Aquarius", der "Lifeline" und der anderen Respekt und Anerkennung zu empfinden, und zugleich doch darauf hinzuwirken, dass sich die Flüchtlinge gar nicht erst auf See begeben. Dazu zählt auch das Einwanderungsgesetz, das die Bundesregierung endlich angehen will. Gefragt ist eine Menschlichkeit, die vor unbequemen Wahrheiten die Augen nicht verschließt. Gefragt sind Debatten, die sich nicht in wütenden Reflexen erschöpfen, sondern an die Werte Europas anknüpfen.

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