Kommentar über Gefühle in der Politik

Zwischen Hoffen und Bangen

Die Corona-Krise rückt hochrangige Politiker in ein neues Licht: Sie zeigen Gefühl, beispielsweise ihre Besorgnis - wie die Kanzlerin. Allerdings kann zu viel Ehrlichkeit auch schaden, meint Silke Hellwig.
11.01.2021, 05:00
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Zwischen Hoffen und Bangen
Von Silke Hellwig

Selbst internationalen Medien war sie eine Erwähnung wert: Anfang Dezember berichtete der britische „Guardian“ über Merkels „unusually emotional speech to parliament“, der ungewohnt emotionalen Rede der Bundeskanzlerin im Bundestag. Die „Welt“ berichtete über eine „gefühligen Generaldebatte“. Angela Merkel hatte sich einmal mehr bemüht, unter den Abgeordneten für strengere Kontaktbeschränkungen zu werben und die Bürger darauf einzustimmen. „Es tut mir leid, es tut mir wirklich im Herzen leid, aber wenn wir dafür den Preis zahlen, dass wir Todeszahlen von 590 am Tag haben, ist das nicht akzeptabel, und deshalb müssen wir da ran.“

So sensationell wären diese Sätze nicht, kämen sie nicht aus dem Mund der Kanzlerin. Merkel zeigt in den letzten Monaten ihrer Kanzlerinnenschaft, dass sie auch anders kann als nüchtern und stets bis in die Haarspitzen gefasst. Sie suchte nach Worten, um keinerlei Zweifel daran zu lassen, dass ernsthaft Sorgen angebracht sind. Ihr selbst scheint mehr denn je klar zu sein, wie begrenzt ihre Macht und ihr Einfluss in dieser Krise sind. Die „Süddeutsche Zeitung“ stellte schon im September fest: „Die Kanzlerin setzt auf Emotionen, weil sie nichts unversucht lassen möchte, um die Menschen nochmals für ihren Kurs der Vorsicht zu gewinnen. So viel Hoffnung steckt in diesem Auftritt. Aber auch so viel Verzweiflung. Selten lag bei Merkel beides so nah beisammen.“

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Gefühle sind Triebfedern der Politik. Hoffnungen und Ideale, Gerechtigkeitssinn und Sorgen, auch Konkurrenzen und Egoismen, Geltungsdrang und Erfolgshunger treiben Menschen in die Zentren der Macht. Gefühle offen zu zeigen, ist indes eher verpönt. Über persönliche Befindlichkeiten – Kränkungen, Intrigen oder Eifersüchteleien – wird geflissentlich geschwiegen. Man gibt sich keine Blöße. In raren Momenten fällt der Blick hinter die Kulissen: Andrea Fischer, grüne Bundesgesundheitsministerin von 1998 bis 2001, brach in Tränen aus, als sie ihren Rücktritt verkündete. Anlass war der BSE-Skandal. Frauke Petry weinte 2017 während eines AfD-Parteitags vor laufender Kamera. Gegenkandidaten hatten sie unsanft attackiert. Peer Steinbrück (SPD) rang 2013 mit der Fassung, als er gefragt wurde, warum er sich die Kanzlerkandidatur überhaupt antue.

Die Corona-Krise rückt politische Prozesse und ihre Akteure in ein neues Licht. So viel sichtbare Unsicherheit, so viel Dilemma, so viel Tappen im Dunkeln waren nie. Stundenlang ringen die Kanzlerin, die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten um Lockerungen und Auflagen. Sie geben sich entschlossen, aber man spürt, dass das Prinzip Hoffnung zumindest mitregiert.

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Niemand kann erwarten, dass es prompt ewig gültige Lösungen für Probleme nie gekannten Ausmaßes gibt. Auf die Herausforderungen des Virus hat kein Studium, keine Parteikarriere vorbereitet, nicht hier, nicht in anderen Staaten, nirgendwo. Doch wie viel Transparenz, wie viel Ehrlichkeit ist der Bevölkerung zuträglich, ohne dass sich dort Ohnmachtsgefühle ausbreiten und damit die Lage verschlimmern? Auch Unsicherheit kann ansteckend sein und sich wie ein Fieber ausbreiten.

Die große Kunst dieser Tage scheint zu sein, die eigenen Grenzen und eine gewisse Besorgnis offen einzugestehen, aber dennoch Zuversicht zu verbreiten. SPD-Bundesfinanzminister Olaf Scholz macht sich die Rolle des Mutmachers offenbar mehr und mehr zu eigen: Deutschland werde sich durch die Krise finanziell nicht übernehmen, sagte er jüngst im „ARD-Morgenmagazin“. „Wir können das lange durchhalten, wir haben Vorsorge getroffen." An diesem Sonntag ergänzte er beim digitalen Parteitag der Hamburger Jusos: "Es ist ganz anders als vorhergesagt: Weniger Arbeitsplätze sind verloren gegangen, der Wirtschaft geht es besser, als lange angekündigt wurde und man kann sogar von einem leichten Aufschwung sprechen, der in Aussicht ist."

Scholz will im Herbst Kanzler werden. Merkel will es nicht mehr sein. Sie kann ungehalten werden, sich sorgen, emotionale Reden halten. Das Versprechen „Wir schaffen das“ müssen andere geben.

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