Leitfigur der Integrationspolitik Mesut Özil - die Integrationsfigur

Bremen. Mesut Özil ist die Entdeckung der WM, eine neue Generation Spieler in einer Mannschaft, die so international ist wie nie zuvor. "Mesut Özil ist die neue Leitfigur der Integrationspolitik", sagt Yasemin Karakasoglu, Bremer Professorin für Interkulturelle Bildung.
03.07.2010, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Arno Schupp

Bremen. Mesut Özil ist die Entdeckung der WM, eine neue Generation Spieler in einer Mannschaft, die so international ist wie nie zuvor. Er betet vor den Spielen zu Allah, und er ist 'unser Mesut' - für Deutsche wie für Türken. 'Mesut Özil ist die neue Leitfigur der Integrationspolitik', sagt Yasemin Karakasoglu, Bremer Professorin für Interkulturelle Bildung. 'Fast schon ein Idealtyp.'

Unser Mesut' hat gezeigt, dass es völlig selbstverständlich sein kann, ein Deutscher und ein Türke zu sein. Der Moslem mit dem Bundesadler auf der Brust kommt an in der türkischen Gemeinde. Sie honoriert seine Art, den Glauben zu leben, sagt die Professorin, die dem Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration angehört. Junge wie alte Moslems lieben es, dass Özils Freundin Anna-Maria, die Schwerster von Sarah Connor, Medienberichten zufolge aus Liebe zu 'unserem Mesut' zum Islam übergetreten ist. 'Das wäre gar nicht nötig gewesen', meint Karakasoglu, 'aber es hat seine Akzeptanz in der religiösen Gemeinschaft noch einmal gefestigt.'

Auch seinem Ansehen bei den Deutschen Fans scheinen solche Berichte nichts anhaben zu können. Die Rückennummer 8 auf dem Deutschland-Trikot, die Özil-Nummer, ist ein begehrter Fanartikel. Mesut Özil, der Moslem, ist auch 'unser Mesut': Ein WM-Star im bundesdeutschen Trikot, ein Vorzeigedeutscher, ein junger Mann, der von sich selbst sagt, Pünktlichkeit und Ordnung seien ihm wichtig. Worauf Vater Mustafa in einem Interview der Bild-Zeitung erklärte: 'Mesut ist ja in der dritten Generation in Deutschland. Da wird man mehr und mehr deutsch.'

Özil ist ein Vorbild für junge Migranten, die ihre Idole bislang woanders gefunden haben, sagt Karakasoglu. Bisher fand die 'Generation Migration' ihre Vorbilder in anderen Bereichen, etwa bei multikulturellen Bands wie Monrose oder bei Ghetto-Rappern à la Bushido, 'deren Musik die Realität dieser Jugendlichen in Deutschland widerspiegelt', eklärt Karakasoglu, die selbst in einem deutsch-türkischen Elternhaus aufgewachsen ist. 'Und jetzt ist auch die Nationalmannschaft Teil dieser Realität geworden.'

Auch Nike hat Özil entdeckt

Gäbe es Mesut Özil nicht, aus Sicht der Integrationspolitik müsste man ihn glatt erfinden. Die deutsch-türkische Begeisterung rund um den neuen Topstar des bundesdeutschen Fußballs 'ist so hochgradig integrativ, dass sie mehr bringt als jede Politikrunde', findet Karakasoglu. Das hat auch die Werbung erkannt: Als der Sportausstatter Nike vor einem Jahr für eine Kampagne Fußballstars suchte, mit denen sich möglichst viele Käufer identifizieren können, fiel die Wahl neben dem Franzosen Franck Ribéry, dem Engländer Wayne Rooney und dem Russen Andrej Arschawin auch auf Mesut Özil, den Deutschen.

Als nächstes folgte die Nike-Kampagne 'Mach den Unterschied', die Özil schussgewaltig mit dem Slogan 'Meine Ziele sind größer als eure Namen' auf einem 120 Quadratmeter großen Plakat zeigte, das nur am Karlsplatz in München hing - als klare Ansage an die Bayern, den Gegner Bremens am zweiten Spieltag. Nike schob ein weiteres Mal nach und startete das 'Jahr 201Özil', in dem Fans per Videoclip die 'unglaublichsten Momente rund um Mesut Özil' miterleben können.

Wie groß das Interesse an Özil ist, zeigt auch sein Facebook-Profil: 'Hallo Leute, jetzt bin ich bei Facebook und freue mich, mit euch in Kontakt zu treten', schrieb der 21-Jährige am 22. April um 16.47 Uhr. Bisher wollten das mehr als 150000 zumeist junge Internet-Nutzer. Und täglich werden es Tausende mehr - sowohl Migrantenkinder als auch Deutsche, Seite an Seite. Damit hat der 21-Jährige'mehr geschafft, als bisher in der Integrationspolitik erreicht werden konnte', sagt Önder Yurtgüven, Sprecher des türkischen Sportvereins KSV Vatan Spor Bremen.

Dass Özil im deutschen Dress aufläuft und für seine Leistungen gefeiert wird, 'vermittelt den hier lebenden Türken das Gefühl, endlich angekommen zu sein', sagt Yurtgüven. 'Sie haben endlich das Gefühl, ein produktiver Teil dieser Gesellschaft zu sein', erklärt er das Phänomen Özil, das auch ihn selbst mitreißt. 'Was gerade passiert, ist eine stille Revolution.'

Die Türken sind einfach stolz auf ihren Mesut. Die Problemstellung 'Deutscher oder Türke?' verkommt da glatt zur Nebensache. Özil selbst pflegt diese Frage gerne mit 'beides' zu beantworten. Türkisch spricht er so gut wie Deutsch, und sein Lebensstil ist eine Mischung beider Wurzeln - wie bei vielen anderen jungen Migrantenkindern auch. Ihnen lebt Özil ein neues Ideal vor, eine Art zweiten Weg zum Erfolg, 'der außerhalb des Bildungssystems liegt, was wirklich bemerkenswert ist', wie Karakasoglu meint.

Özils Weg zum Erfolg führte nicht über die Schulbank, die er natürlich wie jeder andere auch gedrückt hat. Özils Weg 'ist eine Art Plan B', sagt die Bildungsexpertin. Ein zweiter Weg, der auch all denen Mut macht, die in der Schule den Erfolg nicht finden. 'Es zeigt ihnen, dass sie erfolgreich sein können, wenn sie nur hart genug an sich arbeiten und durchhalten.' Und um Erfolg geht es den meisten Migranten, sagt Karakasoglu: 'Denn das ist es doch, was sie angetrieben hat, ihre Heimat zu verlassen. Sie haben etwas Besseres gesucht als das, was sie schon hatten.'

Mit Schalke den ersten Titel geholt

Mesut Özils Suche nach etwas Besserem begann 1998, als nach drei Jahren von DJK Westfalia 04 Gelsenkirchen zu DJK Teutonia Schalke-Nord wechselte. Nach einigen weiteren Stationen spielte Özil ab 2005 für den FC Schalke, bevor er im Januar 2008 zum SV Werder Bremen wechselte. Mit Schalke wurde Özil 2006 Deutscher A-Jugend-Meister, mit Werder 2009 DFB-Pokalsieger und im gleichen Jahr im Nationaltrikot U21-Europameister. Jetzt, im A-Kader von Jogi Löw, erspielt er sich langsam aber sicher das Prädikat Weltklasse, was natürlich in der Türkei nicht ganz unkritisch beäugt wird. Nach Özils Vorstellung beim Spiel gegen Australien jubelten die türkischen Zeitungen fast so wie die deutschen, und am Bosporus tauchte die Frage auf, warum er nicht für die Türkei spiele. Die Antwort ist einfach: Weil er nicht wollte.

Özil besitzt nicht einmal mehr einen türkischen Pass. Den hatte er schon vor Jahren beim Konsulat abgegeben, um sich ganz auf die deutschen Auswahlteams konzentrieren zu können. Doch auch so wird der Jubel in der Türkei weitergehen, wenn Özil heute gegen Argentinien aufläuft. 'Unser Mesut', werden sie vermutlich sagen, hilft den Deutschen beim Sieg.

'Für uns ist das genau so, als würde die Türkei mitspielen', erklärt der Bremen lebende Ali Mangol. Er kennt Özil aus der Moschee, hat ihn ein paar mal dort getroffen, freitags, beim Gebet. Klar sei der Fußballer ein Vorbild, eine große Integrationsfigur, sagt der 34-Jährige, der seit 16 Jahren einen Laden mit Haushaltswaren im Steintor betreibt: 'Ich würde mir sogar wünschen, dass mein Sohn einmal genau so wird. Özil ist erfolgreich und er wird überall anerkannt.' Das Phänomen Özil zeige, dass die Integration der Türken einen Schritt vorangekommen sei, findet auch Sezer Gülvec. Deutscher, Türke - das sei alles nicht mehr so wichtig wie früher: 'Damals blieb man noch viel mehr unter sich. Heute durchmischt sich alles', sagt der 26-jährige Chef eines türkischen Imbisses.

Vorbild einer ganzen Generation

So wird aus dem Fußballer Mesut Özil die Identifikationsfigur für eine ganze Migranten-Generation. Er ist derjenige, der gezeigt hat, was sie leisten können, dass sie genau so gut sind wie alle anderen, die hier leben. Er hat gezeigt, dass man selbstverständlich Deutscher und Ausländer sein kann. Und dieses neue Gefühl wird auch halten, wenn die WM vorbei ist, sagt Önder Yurtgüven, 'denn jetzt ist der Damm gebrochen, jetzt sind die Migranten in der Gesellschaft angekommen.'

Einen Termin gibt es aber doch, an dem dieses neue deutsch-türkische Gemeinschaftsgefühl gehörig auf die Probe gestellt wird: Es wird im Herbst sein, der Tag, an dem in der Qualifikation für die EM 2012 die Türkei in Gruppe A auf Deutschland trifft. 'Das geht dann 2:2 aus', sagt Sezer Gülvec diplomatisch. So können die Deutsch-Türken für beide Teams jubeln.

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