EKD-Ratspräsident im Interview

„Mich packt der Zorn, wenn ich sehe, wie Menschen schutzlos ertrinken“

EKD-Ratspräsident Bedford-Strohm spricht im Interview über Weihnachten, die Pläne für das kirchliche Hilfsschiff und was Menschen zur Flucht bewegt.
21.12.2019, 21:21
Lesedauer: 6 Min
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Von Benjamin Lassiwe
„Mich packt der Zorn, wenn ich sehe, wie Menschen schutzlos ertrinken“

Die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer ist sein Thema: Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Im Sommer fuhr der Bischof zum Rettungsschiff „Sea-Watch 3“. Die EKD hat sich mit Kommunen, Rettungsorganisationen und Vereinen zum Bündnis „United 4 Rescue – Gemeinsam retten“ zusammengeschlossen und will selbst ein Schiff ins Mittelmeer senden.

Annette Reuther /dpa
Bischof Bedford-Strohm, was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Heinrich Bedford-Strohm: Das Weihnachtsfest ist für mich das, was es für viele andere Menschen auch ist: Familie, Gemeinschaft, Zeit miteinander. Aber grundlegend ist für mich der Inhalt des Festes. Die Weihnachtsbotschaft, die mich jedes Jahr wieder aufs Neue berührt: dass wir an einen Gott glauben, der sich in Jesus als Mensch zeigt, der in einem verletzlichen Kind sichtbar wird, der als politisch Verfolgter Asyl findet, der als Mensch eine so große Liebe ausgestrahlt hat, dass ihm viele Menschen folgten. Der auferstanden ist und den Sieg des Lebens über den Tod manifestiert. Das ist das Faszinierende an Weihnachten.

Was bedeutet es heute, dass Gott Mensch wurde?

Jesus verändert die Welt, weil er eine radikale Liebe in die Welt gesetzt hat. Heute kämpfen auf allen Kontinenten Menschen gegen den Hass, setzen sich für die Menschenwürde ein, für die Schwachen und Verletzlichen. Dieser Einsatz hat seinen Ursprung in der Liebe Gottes. Das ist eine ganz konkrete Folge von Weihnachten.

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In den Evangelien wird Jesus aber oft nicht nur als liebend, sondern auch als wütend dargestellt. Wie passt das zusammen?

Ein heiliger Zorn ist sehr gut mit radikaler Liebe vereinbar. Denn die radikale Liebe will das Leben. Überall da, wo der Tod zum Programm wird, wo Intoleranz zum Programm gemacht wird, da kann auch Zorn angebracht sein.

Wo würde das denn heute passen?

Wenn Menschen ermordet werden, wenn sie wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Wenn sich die Arroganz der Macht in einem Verhalten ausdrückt, das Menschen klein und kaputt macht. Bei solchen Erfahrungen kann es Zorn geben. Da kann und muss es ein leidenschaftliches christliches Zeugnis geben: für die Liebe, für das Leben und für die Menschenwürde.

Ist das von Ihnen maßgeblich unterstützte, geplante Mittelmeer-Rettungsschiff des Bündnisses „United 4 Rescue“ auch ein Ausdruck von heiligem Zorn?

Zorn kann mich in der Tat packen, wenn ich sehe, wie Menschen schutzlos dem Ertrinken preisgegeben sind. Ich habe ja selbst mit Seenotrettern gesprochen. Und ich habe mit Menschen gesprochen, die es ohne diese Retter nicht mehr gäbe. Wenn ich die Erfahrungen aus meinen Besuchen auf Sardinien und Sizilien mit nach Hause nehme und hier Stimmen höre, die ignorieren, dass es auf dem Mittelmeer um Leben oder Tod geht, kann es mich packen. Man muss das Leben immer schützen, nicht erst auf dem Mittelmeer, sondern beginnend in den Herkunftsländern der Menschen. Dort braucht es Bleibeperspektiven. Aber man muss es auch überall da schützen, wo Menschen auf der Flucht sind. Denn jeder Mensch ist ein gutes Geschöpf Gottes, der Schutz verdient und gerettet werden muss.

Was soll mit den Menschen passieren, die das Rettungsschiff aus dem Wasser fischt?

Etwas, was wir seit Langem fordern: Schon im Palermo-Appell haben wir uns ja im Sommer für einen europäischen Verteilmechanismus für Flüchtlinge eingesetzt. Die begrenzte Zahl der Menschen, die auf dem Mittelmeer gerettet wird, soll ohne langes Warten, ohne Verzögerungen aufgenommen und verteilt werden können. Schließlich haben sich europaweit längst weit über 100 Städte zur Aufnahme solcher Menschen bereit erklärt. Hier unterstütze ich ausdrücklich auch das Engagement der Bundesregierung und des Bundesinnenministers Horst Seehofer für einen solchen europäischen Verteilmechanismus.

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Wie wollen Sie verhindern, dass das Rettungsschiff zeitlich unbegrenzt auf dem Mittelmeer kreuzt?

Parallel zur Seenotrettung muss an der Bekämpfung der Fluchtursachen gearbeitet werden. Die Weltgemeinschaft muss sich intensiv darum kümmern, dass es keine Gründe mehr dafür gibt, dass Menschen ihre Heimatländer verlassen. Kurzfristig ist es nötig, dass die staatliche Seenotrettung wieder aufgenommen wird. Es gab ja bis März dieses Jahres die EU-Marinemission „Sophia“, die dann eingestellt wurde. Ich hatte damals ein Schiff der Bundeswehr in Cagliari besucht und mich überzeugen können, wie die Marine bestens mit der zivilen Seenotrettung kooperierte. Vorläufig wird man nicht sagen können, wann die zivile Seenotrettung nicht mehr erforderlich ist.

Welche Rolle spielt die Entwicklungshilfe dabei?

Die Entwicklungshilfe spielt eine ganz zentrale Rolle bei der Bekämpfung von Fluchtursachen. Ich rufe weiterhin mit großer Leidenschaft zu Spenden für Brot für die Welt und andere Hilfswerke auf. Was wir mit der Unterstützung der Seenotrettung machen, kann nie an die Stelle der Entwicklungshilfe treten. Es kann sie nur ergänzen.

Warum ist Ihnen die Entwicklungshilfe so wichtig?

Weil ich erfolgreiche Projekte kennenlernen durfte: Wenn etwa ein Dorf durch einen Brunnen Zugang zu sauberem Wasser erhält und niemand sein Trinkwasser aus einem dreckigen Fluss voller Krankheitserreger holen muss, dann ist das ein kleines Beispiel. Man muss die Armut an der Wurzel bekämpfen. Dafür ist auch Bildung ein ganz zentraler Punkt. Deswegen setzt Brot für die Welt zum Beispiel hier einen zentralen Schwerpunkt. Auch das Engagement für die Bekämpfung des Klimawandels ist von ganz zentraler Bedeutung. Wie sollen die Leute in einem Land bleiben, in dem es keine Lebensgrundlagen mehr gibt?

Das Stichwort Flüchtlinge bewegt Ihre Kirche derzeit auch noch aus einem anderen Blickwinkel heraus: In Deutschland lassen sich immer mehr Flüchtlinge aus Iran und Afghanistan taufen. Was macht das mit der Kirche?

Wir erleben sie als neue engagierte Gemeindeglieder, die natürlich in höchste Gefahr ­geraten, wenn sie in ihre Herkunftsländer ­zurückgeschickt werden. Menschen, die un­seren Gemeinden aus dem täglichen Kontakt vertraut sind, schicken uns Hilferufe, die auch auf meinen Schreibtisch landen. Zum Teil sind diese Menschen hoch engagiert, in einzelnen Fällen sogar im Kirchenvorstand. Dass wir uns für sie einsetzen, ist doch ganz klar. Sie haben sich schließlich nach einem langen und intensiven Taufkursus für den christlichen Glauben entschieden. Wie das in „Glaubensprüfungen“ dann teilweise vom Bamf (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge; Anm. d. Red.) beurteilt wird, ist aus meiner Sicht abstrus. Es kann nicht sein, dass der Staat über die Ernsthaftigkeit einer Glaubensüberzeugung entscheidet.

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Nun protestieren die Kirchen ja schon seit Langem gegen solche Glaubensprüfungen und Abschiebepraktiken ...

Es geht da viel zu langsam voran. Ich bin enttäuscht, dass wir nicht längst eine bundesweite Klärung haben. In Bayern sind wir mit Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zu einer Lösung gekommen, bei der keine vollendeten Tatsachen mehr geschaffen werden, bis wir einen Weg gefunden haben, wie man mit konvertierten Christen umgehen kann. In anderen Bundesländern gibt es aber andere Regelungen: Maßgeblich ist hier nicht das Bundesinnenministerium, sondern sind die Innenminister der Länder. Ich habe viele Gespräche geführt und setze darauf, dass wir endlich zu Klärungen kommen. Einer unserer wichtigsten Unterstützer ist in dieser Hinsicht der CDU-Politiker Volker Kauder, es gibt aber auch noch andere, die sich dafür einsetzen, dass wir diesbezüglich eine klare Regelung bekommen.

Hätte Volker Kauder das nicht lösen können, während er noch Fraktionsvorsitzender war?

Er ist eine sehr starke Stimme, die sich an diesem Punkt in seiner Partei und der Bundesregierung bislang aber nicht durchsetzen konnte.

Die Kirche droht, bundesweit einen erheblichen Teil ihrer Mitglieder zu verlieren. Wie feiert die evangelische Kirche im Jahr 2060 Weihnachten?

Weihnachten wird auch 2060 ein starkes Fest sein, mit vielen Lichtern in der Dunkelheit, die auf die größte Hoffnungsbotschaft der Menschheit hinweisen. Sie wird weiterwirken, das hängt nicht von den Mitgliederzahlen der Kirchen ab. Das Phänomen, dass Menschen aus Konvention oder Tradition Kirchenmitglied sind, wird es dann allerdings vermutlich nicht mehr geben. Jeder, der dann in der Kirche ist, wird seine Entscheidung aus Freiheit und sehr bewusst getroffen haben. Die Institution Kirche, die ja dafür gesorgt hat, dass die Weihnachtsbotschaft zwei Jahrtausende lang weitergegeben wurde und die dafür sorgt, dass in Taufen, Trauungen und Beerdigungen Segen weitergegeben wird, wird es weiterhin geben.

Wie wollen Sie das schaffen?

Indem wir zuallererst auf Gott vertrauen. Und dann geht es jenseits aller Planungen und Statistiken vor allem darum, dass wir als Christen ausstrahlen, wovon wir sprechen. Dass wir glaubhaft für den Glauben einstehen. Dass man an uns selbst spürt, aus welcher Botschaft heraus wir handeln. Das ist die stärkste Kraft für die Ausstrahlung der Kirche. Zudem machen wir uns natürlich jetzt schon Gedanken, wie wir die Kirche so umbauen, dass sich die Institution Kirche noch stärker danach richtet, was die Menschen von ihr brauchen. Im Zukunftsprozess meiner bayerischen Landeskirche ist sehr deutlich geworden, dass erst einmal in regionalen Sozialräumen genauer wahrgenommen werden muss, was die Menschen brauchen. Nur so lassen sich dann auch die vorhandenen Mittel und Stellen planen.

Am Sonntag nach Weihnachten erleben die Gläubigen eine ganz eigene Fluchtgeschichte. Da sind die Bänke in den Kirchen wieder leer...

Die Kraft, die die Weihnachtsbotschaft ausstrahlt, können wir an den Feiertagen neu für uns entdecken. Aber auch jenseits der kraftvollen, großen Feste ist es bereichernd, wenn man in regelmäßigem Rhythmus zum Nachdenken kommt, innehalten kann und um Kraft beten kann, dass man innerlich neu wird. Es ist wunderbar, aus dem wöchentlichen Gottesdienst herauszugehen mit dem Gefühl, dass man den Segen Gottes im Rücken hat. Das neu zu entdecken, dazu kann ich nur ermutigen.

Das Gespräch führte Benjamin Lassiwe.

Info

Zur Person

Heinrich Bedford-Strohm (59) ist seit 2014 als Ratsvorsitzender der EKD das Gesicht des deutschen Protestantismus: Bayerns Landesbischof spricht darüber, was ihm Weihnachten bedeutet und was Fluchtgeschichten mit heiligem Zorn zu tun haben.

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